Joyce Carol Oates "Wir setzen das Experiment Amerika fort"

Joyce Carol Oates ist eine der produktivsten US-Autorinnen der Gegenwart. Eine literarische Seelenerkunderin – und eine genaue Beobachterin der Politik. Wo sie ihr Land sieht und was ihr Schreiben antreibt, erzählt sie im Interview.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 10.03.2021 | Archiv

Joyce Carol Oates steht in ihrem Arbeitszimmer vor Bücherregalen | Bild: picture alliance / PONTUS H??K | Pontus H??k/TT

Joyce Carol Oates lebt vier Meilen außerhalb von Princeton in einem abgelegenen Haus am Wald – mit ihren Katzen. Eine davon sitzt während des Interviews neben dem Mikrofon. Von ihrem Arbeitszimmer schaut Oates über eine friedliche Landschaft, was aber keineswegs heißt, dass ihre Bücher weltflüchtig wären. Im Gegenteil: Die Autorin hat ein besonderes Gespür für die Seelenlage der Zeit, ihre Hoffnungen und Verletzungen. Das beweist auch ihr neuer Erzählband "Cardiff am Meer". Cornelia Zetzsche hat mit Joyce Carol Oates über das Schreiben, die USA und ihr neues Buch gesprochen. 

Cornelia Zetzsche: Seit 1964, seit Ihrem ersten Roman "With Shuddering Fall", haben Sie fast 50 Romane veröffentlicht, dazu Erzählungen, Essays, Stücke, als Joyce Carol Oates, als Rosamond Smith, als Lauren Kelly. Was ist Ihr Antrieb?

Joyce Carol Oates: Ich liebe das Schreiben, vor allem das Überarbeiten. Musiker lieben ihr Instrument, Maler lieben den Geruch von Farbe, und ich liebe es, mit Sprache zu arbeiten, sogar am Computer. Und ich schreibe gern und viel mit der Hand, vor allem Poesie. Die Motivation ist wohl wie bei Träumen in der Nacht. Warum träumen wir? Es ist ein Bedürfnis, bis zu einem gewissen Grad auch ein Vergnügen, das Träumen, es ist rätselhaft und erzählt Geschichten.

In diesen fast sechs Dekaden schrieben Sie etwa 120 Bücher mit einer Vielfalt an Themen, von Rassismus über Sexismus bis Bigotterie. Was steht am Anfang eines neuen Buches?

Jedes Projekt ist wie eine Reise. Vielleicht gehe ich allein durch den Wald oder überquere einen Fluss, gehe durch eine Stadt, die neu für mich ist, oder entlang einer Bahnlinie oder an einem Kai, an dem ich nie zuvor war. Für mich ist das sehr aufregend, ich liebe diese Reisen. Schreiben ist wie eine Forschungsreise.

Was interessiert Sie auf dieser Reise am meisten: das Psychologische, die Politik oder die literarische Ästhetik, das Experiment?  

Es ist wie ein Film, sehr lebendig. Ich begebe mich in eine Szene hinein und sehe, wo ich mit den Figuren bin, wie sie aussehen, wo sie sitzen, vielleicht am Tisch, in einem Lokal, einem Restaurant. Vielleicht gehen sie durch die Stadt. Vielleicht sind sie allein im Schlafzimmer. Vielleicht gehen sie durch die Nacht. Es macht mir großes Vergnügen, diese visuelle Szene wieder hervorzurufen, mit einer Sprache, so scharf wie möglich. Ich möchte hören, wie die Leute reden, deshalb arbeite ich viel an den Dialogen, achte darauf, dass sie interessante, intelligente Dinge sagen und treibe die Handlung voran. Viele Szenen in unserem eigenen Leben sind dramatisch. In der Literatur geht es darum, diese dramatischen Erlebnisse wachzurufen.

In Romanen wie "Bellefleur" oder "Wofür ich gelebt habe", "Schwarzes Wasser" oder "Die Verfluchten" erzählen Sie persönliche Geschichten in einem politischen Rahmen. Die Bücher zeigen die Beziehung von Mann und Frau, Arm und Reich, Schwarz und Weiß – und wie der Amerikanische Traum zum Albtraum wird. Was ist Ihre Intention, sehen Sie sich richtig beschrieben als Porträtistin der USA?

Ich denke, ja. Und Amerika ist ein Abriss der Welt. Wir sind in einer universellen geistigen Verfassung – im Familienleben, in der Liebe, der Ehe und der Beziehung zwischen Kindern und Eltern. Derzeit ist es sehr schwer, einheitlich über "den Amerikanischen Traum" zu sprechen. Es ist eine zersplitterte Gesellschaft, wie zerbrochen mit Blick auf das, was Amerika bedeutet: Meint Amerika etwas Neues, Frisches, das Einwanderer an unseren Ufern willkommen heißt und Menschen integriert? Oder ist Amerika ein altmodischer weißer Nationalismus, der die Uhr zurückdreht und die Grenzen schließt? Wir hatten vier Jahre ein rückschrittliches Amerika, das den Amerikanischen Traum zerschmettert und beschmutzt zurückließ. Jetzt schauen wir nach vorn und setzen das Experiment Amerika fort. Abraham Lincoln und andere Staatsgründer empfanden Amerika als unfertig, wir müssen vorwärts, es perfektionieren. Wir haben die Herausforderung der Pandemie, müssen die Schulen öffnen, brauchen eine neue großzügigere Einwanderungspolitik. Präsident Biden achtet darauf, dass mehr Menschen Zugang zu den Colleges bekommen. Hätten wir ihn nicht gewählt, es wäre ein Desaster, wirklich tragisch für Amerika.

Schriftstellerin Joyce Carol Oates | Bild: picture-alliance/dpa AP Images Invision/Andy Kropa zum Audio Joyce Carol Oates Cardiff am Meer (1/3)

Seit Jahren ist die große Porträtistin der USA immer wieder nominiert für den Literatur-Nobelpreis. Laura Maire liest die Titel- und Kriminalgeschichte aus dem neuen Band mit spannenden Erzählungen von Frauen. Teil 1: Ein unglückseliges Erbe. Cornelia Zetzsche im Gespräch mit Joyce Carol Oates. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags bis 20.03.2022 als Podcast verfügbar. [mehr]

Ihr neues Buch, "Cardiff am Meer", bündelt vier Erzählungen. Die Heldin der ersten ist eine junge Kunsthistorikerin, die mit ihrem Trauma als adoptiertes Kind konfrontiert wird. Die zweite Geschichte erzählt von einem 12-jährigen Mädchen, das vom Stiefvater bedrängt wird und bei wilden Katzen Zuflucht sucht. In der dritten wird eine brillante College-Studentin von zwei Akademikern ausgenutzt, es geht um Abtreibung, die letzte Erzählung handelt von Stefan, dessen Mutter sich das Leben nahm und die zweite Frau des Vaters als Geist verfolgt. Vier verstörende Geschichten über Frauen. Was gab den Ausschlag zu den Erzählungen?

Mich interessiert die menschliche Identität. Ich erforsche immer das Rätsel, wer wir sind. Ich stellte mir vor, wie das Telefon klingeln könnte – und wir können den Hörer abheben oder nicht. Meine Figur, Clare, entscheidet sich, das Gespräch anzunehmen, verrückterweise, und sie erfährt, dass sie, die sich immer als adoptiertes Kind sah, eine biologische Familie hat. Nun ist ihre Großmutter in Cardiff, Maine gestorben und hat ihr etwas vererbt, und plötzlich, innerhalb von fünf Minuten gerät Clare in ein Abenteuer.

In allen vier Kriminalgeschichten gibt es einen bedrohlichen Unterton. Ein scharfer Glassplitter ist ein Motiv, das immer wiederkehrt, er steht für diese Bedrohung, die Verletzlichkeit. Was ist die Quelle dieser permanenten Bedrohung?

Bitten Sie mich darum, die Welt zu erklären? Das geschieht doch so oft, Männer beuten Frauen aus – in der Welt und gewiss in den Vereinigten Staaten. Das ist ganz normal. Ich spiegele die Wirklichkeit. Und ich bin nicht die einzige Schriftstellerin, die über Männer schreibt, die Frauen gefährlich werden. Ich hatte einen wundervollen Ehemann, ich kann mir mein Leben, auch mein Schreiben, nicht ohne Ray vorstellen. Er unterstützte mich, er war freundlich und sanft. Und etwas von all dem Glück ist purer Zufall. Viele Leute heiraten, sind am Anfang glücklich, aber es geht nicht gut aus und wird keine gute Ehe für die Frau. Ich habe Freundinnen, die meinten, nette Männer zu heiraten, aber die waren keine Stütze und feindselig ihnen gegenüber als Schriftstellerinnen.

Sehen Sie sich als Feministin?

Sicher bin ich eine Mainstream-Feministin, das heißt, Männer und Frauen sollten für gleiche Arbeit bei gleicher Qualifikation gleich bezahlt werden. Das ist die Basis des Feminismus.

"Cardiff am Meer" von Joyce Carol Oates ist in der Übersetzung aus dem Englischen von Ilka Schlüchtermann im Osburg Verlag erschienen. Eine Lesung aus dem Buch und Gespräche mit der Autorin können Sie in drei Folgen in den radioTexten hören.