"Die Wütenden und die Schuldigen" Sehnsucht nach den ganz großen Fragen

Ist das der große Corona-Roman, als den manche ihn sehen? Bestseller-Autor John von Düffel stellt uns eine Familie vor, deren ohnehin beträchtliche Probleme durch Corona nicht weniger werden: Jakob stürzt ab, Maria muss in Quarantäne. Richard stirbt.

Von: Hendrik Heinze

Stand: 10.09.2021

Der Romanautor, Dramatiker und Dramaturg John von Dueffel auf einer Aufnahme von 2017 | Bild: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild

"'Es klingt vielleicht seltsam, wenn ich das sage, aber die meisten Menschen versprechen sich vom Sterben zu viel. Sie hoffen, dass alles zu einem Ende kommt, was sie im Leben nicht geschafft haben, womit sie nicht fertiggeworden sind, das ganze Unerlöste'. [...] 'Ich gebe meinen Patienten keine Noten', fuhr Kathi fort, 'und verurteile niemanden, weder moralisch noch menschlich. Aber das ändert nichts daran, dass es am Ende zwei Arten von Sterbenden gibt, die Wütenden und die Schuldigen'.", lässt John von Düffel Kathi Kuhn sagen. Sie ist Palliativmedizinerin – und, so stellt der Roman sie vor, "ein Beispiel dafür, dass Mediziner nicht nur Leben, sondern auch Tode retten konnten."

Der sterbende Pastor Richard ist überzeugt, dass Gott selbst ihm diese Frau geschickt hat – der Gott der Träume allerdings, Morpheus. Das Bedeutsame an Kathi ist allerdings nicht ihr Schmerzmittel-Koffer sondern ihr Wissen, wie Menschen oft sterben: Wütend. Oder Schuldig. John von Düffel erzählt, dass er die Figur einer echten Palliativmedizinerin nachempfunden hat. "Geschichten vom Sterben" hieß damals sein Buch, für das er Ärztin und Todkranke begleiten durfte.

"Es blieb eben so viel Unerledigtes", sagt von Düffel im BR-Interview – "und das Unerledigte im Leben, wie das in dieser Sterbezeit weiter arbeitet, wie das sich in Wut oder Schuld äußert, in Schuldgefühlen oder Reue oder eben auch in Wutausbrüchen: Das hat mich zutiefst erschüttert. Und deswegen war das so eine Art Erfahrung, die ich mitgenommen habe aus dieser palliativmedizinischen Begleitung: Dass es eben am Ende wirklich die Wütenden und die Schuldigen sind, die bleiben."

"Es blieb eben so viel Unerledigtes im Leben"

Ein Roman über das Lebensende also: Mit Richard, dem alten Pfarrer. Mit seiner Schwiegertochter Maria und deren zwei erwachsenen Kindern Selma und Jakob, alle mit reichlich eigenen Problemen. Die leere Mitte der Familie aber, um die sie alle herumtaumeln, das ist Holger. Er ist Richards Sohn, Marias Exmann, Selmas und Jakobs Vater – und seit einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie, unerreichbar für alle. Überhaupt geht es hier um Unerreichbarkeit: Von Düffel lässt die Geschichte nicht zufällig in Brandenburg spielen, wo das Netz so schlecht ist, dass die Dorfkirche ihr WLAN öffnet und einen Hotspot anbietet, Passwort: “Gott-verbindet”. Muss man noch dazusagen, dass Richard seinen Glauben längst verloren hat? Er hadert mit dem frühen Tod seiner Frau, dem Kummer seines seelisch kranken Sohnes, der Schuld seines Lebens. 

John von Düffel: "Die Wütenden und die Schuldigen". dumont Verlag, 320 Seiten, 22 Euro

Die Mitglieder dieser traurigen Familie bleiben füreinander meist unerreichbar, im übertragenen Sinn wie im tatsächlichen. Die Corona-Krise macht alles nur noch schlimmer, es ist Frühjahr 2020 – und als der verkrachte Kunststudent Jakob wieder bei Mama Maria unterkommen will, geht es nicht, weil Mama in Quarantäne ist.

Corona-Krise als Brennglas

"Dieser Einschnitt ist schon groß, dass man gesagt hat: Es gibt keine Familien mehr, es gibt nur noch Haushalte", erzählt der Autor. "Dass sozusagen ein uralter, seit Menschengedenken bestehender Verband auf einmal so aufgetrennt wird und sich Familienmitglieder nur eingeschränkt oder teilweise eben auch gar nicht sehen konnten. Zum ersten Mal konnten sich in einer ganz großen Krise Familienmitglieder nicht begegnen und nicht unterstützen. Ich glaube, in dieser Kerninstitution Familie hat das einen ganz, ganz gewaltigen Flurschaden angerichtet."

Seinen Familien- und Sterberoman lässt von Düffel in der Zeit des ersten Lockdowns spielen. Die Krise nicht als Thema, aber als Brennglas. Was an Konflikten und Problemen schon da war, wird durch sie gebündelt – bis es in Flammen steht. "Natürlich ist es eine dankbare Erzählsituation", sagt von Düffel. "Es ist zum Leben keine schöne Situation, aber man erzählt ja auch normalerweise nicht von Glück und Gemütlichkeit. Man erzählt ja wirklich von den Dingen, die auch tiefer gehen, von den Schmerzpunkten, von den seltenen Glücksmomenten. Aber die sind natürlich deutlicher zu zeigen, wenn die Situation so extrem ist."

Die Buch gewordene Sehnsucht nach den großen Fragen

Corona, Du Freundin des Erzählers. Du Zeit der großen Intensität – und: des rasenden Stillstands! Auch darauf, sagt der Autor, will sein Roman eine Antwort sein: "Ich habe ja mir selber die Aufgabe gestellt, aus dieser unglaublichen Reduktion auf immer dieselben Fragen und Gedanken, also: Wie ist die Inzidenz und wann dürfen wir wieder was? – und diese ganzen Alltagsquälereien, die einem ja fast schon wie eine Art Wiederholungsschlaufe vorkommen, dass ich da eine sehr starke Sehnsucht in mir verspürt habe, und ich denke, vielen wird es ähnlich gehen, nach einem anderen gedanklichen Kontext, nach einer anderen Flughöhe von Nachdenken und auch nach einer Art Rückkehr zu den großen Fragen."

Glaube. Vergebung. Schuld. Dass der promovierte Philosoph, Professor für szenisches Schreiben und erfahrene Autor von Düffel da das Meiste richtig macht, versteht sich. Dies ist sein neunter Roman. Allein: So ganz im Reinen mit sich ist dieses Buch nicht. Eben noch wird über die großen Themen nachgegrübelt – und zack: Passiert, besonders gegen Ende, irgendwas Willkürliches und Folgenloses. Plötzliche und schwere Drogenprobleme, eine drastische Vergewaltigung. Gegen den sprachlich und motivisch sorgfältig komponierten Rest des Buches wirken diese Ausreißer unangemessen grell. Gut, dass von Düffel im Hauptberuf Dramaturg ist: Müsste er seinen Roman je selbst auf die Bühne bringen, er könnte einfach die ein oder andere Szene streichen – es bliebe ein nachdenkliches, seelenvolles Buch über das Sterben.

John von Düffel: "Die Wütenden und die Schuldigen". dumont Verlag, 320 Seiten, 22 Euro. Der Autor stellt seinen Roman am 28.09. im Literaturhaus Nürnberg vor.