Debatte im Netz Jella Haase und das große RAF-Missverständnis

Ist es linksextremistisch, die Besteuerung von Unternehmen wie Amazon zu fordern? Weil die Schauspielerin Jella Haase die Kapitalismuskritik der RAF lobend erwähnte, gibt es große Aufregung. Was steckt dahinter?

Von: Lili Ruge

Stand: 23.02.2021 17:54 Uhr | Archiv

Jella Haase  | Bild: Ekaterina Chesnokova/picture alliance/dpa/Sputnik

Halb ernst, halb ironisch arbeiten sich gerade Meinungs-Blasen aller Couleur an der Schauspielerin Jella Haase („Fak ju Göthe“) ab. Die einen halten sie plötzlich für eine verdienstvolle Ikone der Arbeiterklasse, die anderen für eine, die mit Linksterrorismus sympathisiert. Ursache ist ein Zeitungsartikel, der mit der Überschrift "Schauspielerin Jella Haase teilt Grundgedanken der RAF", in der WELT veröffentlicht wurde. Zitiert wird dort aus einem Interview mit der Schauspielerin im Magazin Zeit Verbrechen. Auf die Frage, welche Kriminellen sie bewundere, antwortete sie dort zunächst, dass ihr Berliner Graffiti-Künstler imponierten. Zudem beschäftige sie sich mit der RAF, die sie keinesfalls verharmlosen wolle, deren Kapitalismuskritik sie aber für richtig halte. Immerhin müssten Unternehmen wie Amazon oder Google besser besteuert werden.

Ist Kapitalismuskritik gleich Linksterrorismus?

Macht man sich also heute schon zum RAF-Sympathisanten, wenn man fordert, dass Tech-Giganten mehr Steuern zahlen sollen? Keineswegs. Solche Forderung kommen selbst von der CSU. Aus dem Sätzchen von Jella Haase die Überschrift "Jella Haase teilt Grundgedanken der RAF" zu machen ist weniger inhaltlich zu erklären, als mit der Hoffnung, die Schauspielerin in die Nähe einer Terroristischen Vereinigung zu rücken, würde Aufmerksamkeit bringen. Der Vorwurf des Clickbaitings ist übrigens nicht der Welt alleine zu machen. Auch die Zeit hatte ihr Magazin "Zeit Verbrechen" in einer Pressemitteilung mit ebenjener Überschrift beworben. Und das, obwohl das Interview nur eine Seite der gesamten Ausgabe ausmacht.

Ein Sätzchen und seine Folgen

Problematisch ist diese Verkürzung von Argumenten dennoch. Von allen Beteiligten. Weder sind die relativ plumpen Forderungen der RAF wirklich hilfreich, wenn es um moderne Kapitalismuskritik geht, noch kann man einer Schauspielerin, die sich gerade intensiv mit dem Stoff beschäftigt hat, vorwerfen, sich in einem Interview auf die RAF zu beziehen. Zumal sie sich richtigerweise von dem Terror und der Gewalt distanziert. Und auch wenn sich einige Internet-Kommentatoren schon dazu hinreißen haben lassen, Jella Haase für ihre "extremen" Ansichten zu kritisieren: Es ist nicht davon auszugehen, dass eine Schauspielerin demnächst Bomben an Kaufhäusern installieren wird.