Die Welt besser machen Innenansichten des Verlegers Jacob Radloff

Literatur ist ein Forum für kreatives Denken und neue Ideen. Ein Verlag auch. Der oekom Verlag hat sich diesem Anspruch in besonderer Weise verpflichtet. Und glaubt an Weltrettung durch das geschriebene Wort.

Stand: 16.11.2021 | Archiv

Porträt des Verlegers Jakob Radloff vor einer Bücherwand | Bild: Johannes Haslinger

Es ist ein sicheres Anzeichen für beginnenden Größenwahn, wenn man anfängt, das eigene Leben in Bezug zur allgemeinen Weltgeschichte zu stellen. Aber es ist nun mal so: 1989 – das Jahr, in dem ich mich als Verleger mit dem oekom verlag selbständig gemacht habe – war nicht nur für oekom ein schicksalhaftes Jahr: Die ganze Welt war im Umbruch. Ein Systemwechsel zeichnete sich ab – und die Wucht des Mauerfalls und der Grenzen ließ auch den (damals in juvenilen Ansätzen bereits vorhandenen) "Großverleger" in mir hoffen: dass nun endlich auch in Sachen Ökologie und Umweltschutz der Beton in den Köpfen bröckeln könnte.

Ermutigt von meinen Hoffnungen hatten mich damals persönliche Kontakte zu Pionieren wie Carl Amery, Ernst-Ulrich von Weizsäcker oder dem Physiker Hans-Peter Dürr. Denn bereits zwei Jahre zuvor, 1987, hatte ich innerhalb der Schumacher Gesellschaft die Zeitschrift politische ökologie gegründet (die bis heute erscheint). Getreu dem Ausspruch von Albert Einstein, dass man "Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen könne, durch die sie entstanden sind" war es von Anfang an das Kernanliegen der politischen ökologie, die Bahnen herkömmlichen Denkens zu verlassen, Brücken zu bauen zwischen den unterschiedlichen Disziplinen und Erfahrungswelten.

Verlegerische Heimat für Zukunftsfragen und -antworten

Mit diesem Ansatz brachten wir immer mehr Autorinnen und Autoren aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft – gerade auch mit widersprüchlichen Positionen – an einen Tisch. Dieser Anspruch ist dabei seit nunmehr über 30 Jahren der gleiche geblieben: Wir wollen bei der Suche nach Antworten auf all die Zukunftsfragen eine intellektuelle Plattform sein – oder besser: eine verlegerische Heimat. Und zwar für etwas, für das unsere Gesellschaft mit all ihren realen und vermeintlichen Sachzwängen kaum noch Raum lässt: nämlich das offene, kreative und zukunftssensible Denken und Diskutieren darüber, wie wir eigentlich leben wollen.

Dieser Zeitgeist der Offenheit, die mit dem Fall der Mauer verbundene Erfahrung, dass auch Undenkbares Realität werden kann, die Aufbruchsstimmung, waren es sicherlich, die mitschwangen und mir damals den Mut gegeben haben, selbständig zu werden und mich vom beschaulichen Starnberger See – mit der politischen ökologie im Gepäck – aufzumachen in die "große weite Welt". Oder zumindest in die sogenannte Weltstadt München. Um dann dort mit dem Grafiker Hans Gärtner 1989 zunächst mal ein Büro zu gründen: das "Büro für Ökologie und Kommunikation".

Nichts weniger als die Weltrettung im Blick

Neben der von Anfang an immer mit mehr Engagement und Enthusiasmus als Geld publizierten politischen ökologie wuchs sich das Unternehmen dann recht schnell zu einem verlegerischen "Brutkasten" für diverse Projekte aus. Dabei immer das große Ganze im Blick: die "Rettung der Welt" – aber, wie die Rückschau lehrt: ein wenig verzettelt in all den Themen, die anstanden: ob Abfallwirtschaft oder Verkehr, Stadtentwicklung oder die Energiefrage, Bewertung von Unternehmen oder Finanzierung von Umweltverbänden – kein Thema war uns fremd genug (oder zu groß) und keine Form der Kommunikation zu ausgefallen (bis hin zu dem persönlichen Besuch von 40.000 Haushalten bei Einführung der Altpapiertonne in München).

Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – war von Anfang an klar: Wir wollten nicht schwarzmalen oder jammern, sondern Alternativen aufzeigen und Veränderungen eröffnen – und: wir wollten selbst eine Alternative sein. Auf Niederlagen reagierten wir demnach mit noch mehr Ideen und Vorhaben und kämpften uns so durch den wahrlich von immer neuen Stürmen umtobten Blätterwald des deutschen Verlagswesens. Und wir haben mit dieser Managementtechnik des Trial and Error wohl vorweggenommen, was heute als "agiles Management" in aller Munde ist.

Die Gesellschaft auf die massiven Gefahren der fortschreitenden Umweltzerstörung aufmerksam zu machen – und dabei nötigenfalls auch einmal unbequem zu sein – dies ist bis heute mein wichtigstes Anliegen. Gemäß dem Anspruch "Nicht nur reden, sondern auch handeln" achten wir dabei stets auf eine klima- und ressourcenschonende Herstellung unserer Publikationen mit umweltfreundlichen Prozessen und Materialien. Wir übernehmen Verantwortung mit einer mitarbeiterfreundlichen Unternehmenskultur und Engagements in sozialen Initiativen und umweltpolitischen Bündnissen.

So unmöglich es vielleicht am Anfang erschien: Der oekom verlag ist heute lebendiger denn je, Ökologie und Nachhaltigkeit sind (endlich) in aller Munde und Ohren. Dass unsere Publikationen dazu auch weiterhin Inspiration und Anregung sind, wünsche ich mir und uns. Und deshalb werden wir auch in Zukunft "nachhaltig weiter denken" und weitermachen: mit unsere Büchern, Zeitschriften und vielen anderen Projekten rund um die Ökologie und Nachhaltigkeit, die zeigen: Es gibt sie noch, die anderen Möglichkeiten. Wir können die Welt ein klein wenig besser machen.

Jacob Radloff ist Gast bei der Eröffnung des diesjährigen Münchner Literaturfestes. Die Eröffungsfeier findet am 17.11.2021 um 19.00 Uhr im Gasteig statt. Und ist auf der BR Kulturbühne als Livestream zu erleben.