Meinung Ist die Wissenschaftsfreiheit in Gefahr?

Ist die Freiheit von Wissenschaft und Lehre bedroht? Das "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" findet ja. Auf welche Fakten stützt sich diese Einschätzung?

Von: Martin Zeyn

Stand: 04.02.2021

Grafik: Mund eines Frauengesichts wird von einer kleinen Männerfigur wie ein Reißverschluss zugezogen | Bild: picture alliance/ASIAN NEWS NETWORK/The Kathmandu Post

Deutschland – das Land der Angsthasen und Moralapostel? Das finden jedenfalls die rund 70 Professorinnen und Professoren aus unterschiedlichen Fachbereichen von der Physik bis zur Geschichtswissenschaft. Sie haben ein kurzes Manifest veröffentlicht, weil sie die Wissenschaftsfreiheit bedroht sehen: "Wir beobachten, dass die verfassungsrechtlich verbürgte Freiheit von Forschung und Lehre zunehmend unter moralischen und politischen Vorbehalt gestellt werden soll." Worin diese Beeinflussung besteht, woran sie sie festmachen, vor allem welche mächtigen Agenten die Freiheit angreifen, dafür fehlen im Text jegliche Belege. Im Interview mit der Zeit werden die Mitinitiatorin Sandra Kostner und Andreas Rödder konkreter. Vor allem bei der Drittmittelvergabe würde sich ein Konformitätsdruck abzeichnen: "Diese werden zumeist durch Gremien vergeben, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, also Kollegen sitzen. Das führt zu neuen Kartellbildungen und erhöht den Konformitätsdruck."

Literaturgattung Drittmittelantrag

Mit Drittmitteln werden Gelder bezeichnet, die die Universitäten von außerhalb, also von öffentlichen oder privaten Stellen zusätzlich zum Hochschulhaushalt einwerben. Gerade bei den Naturwissenschaften kommen diese vorwiegend aus Firmen. Sie finanzieren Forschungen, die zu neuen Produkten führen. Wissenschaftlicher Konformitätsdruck dürfte hier kaum eine Rolle spielen. Denn es wäre mir neu, dass dabei Professorengremien ein Wort mitzureden hätten.

Die beschriebenen Auswahlgremien gibt es etwa bei der Exzellenzinitative des Bundes oder bei einigen privaten wie öffentlichen Stiftungen. Von denen Gelder genehmigt zu bekommen, erfordert einiges Geschick, gute Verbindungen und einen Riecher für neue und trotzdem schon diskutierte Fragestellungen. Keine leichte Aufgabe. Und keine ganz neue Erscheinung, aber sie wurde dadurch verschärft, dass ein normaler Forschungs- und Lehrbetrieb fast nur noch erfolgen kann, wenn ausreichend Drittmittel eingeholt werden.

Strohmann Cancel Culture?

Nun stellt sich die einfache Frage: Woran liegt es, dass die eigene Bewerbung um Drittmittelgelder nicht durchgekommen ist? Daran, dass die Forschungsfrage weniger interessant war, weniger intellektuellen Gewinn versprach? Oder daran, dass die lieben Kolleginnen und Kollegen aus "Konformitätsdruck" sich nicht getraut haben, die strittigen Thesen mit Geld zu unterstützen? Tatsächlich gibt es keine Berufsinstanz, in der eine Ablehnung noch einmal überprüft werden könnte. Eine solche institutionelle und überparteiliche Selbstkontrolle fordert das Netzwerk jedoch nicht. Geht es ihm wirklich darum, den Betrieb zu verbessern? Oder sollen einfach nur ihre Meinungen, Thesen, Vorhaben öfter gefördert werden?

Was beim Manifest fehlt – und was auch die Interviews und Stellungnahmen nicht herbeischaffen – sind harte Fakten. Wie oft wurde wo eine Bewerbung wegen "moralischer und politischer" Vorbehalte abgelehnt? Belege sind für mich ein Minium von Wissenschaftlichkeit, nur sie ermöglichen die Nachvollziehbarkeit einer These. Die bleibt aber im Manifest nebulös: "wir beobachten". Aber ist dieses "Wir" mehr als eine Splittergruppe? Insgesamt gibt es in Deutschland ca. 38.000 Professoren und Professorinnen. Die rund 70 Mitglieder haben offenbar wenig Zuspruch erfahren – was seltsam ist, wenn es doch so schlimm um den Standort Deutschland steht. Mir scheint, dass das kleine Häuflein "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" mit der cancel culture eine intellektuelle Windmühle angreift. Was kein Verbrechen ist – es gilt die Meinungsfreiheit. Aber ob es der Wissenschaft wirklich guttut, den Kolleginnen und Kollegen pauschal vorzuwerfen, sie würden vor einer vorherrschenden Meinung kuschen, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Eine offene, plurale Diskussion, die im Manifest eingefordert wird, entsteht so gerade nicht.