Isarforum: "The Mystery of Banksy" Warum die Banksy-Ausstellung seine Kunst verrät

Die Ausstellung "The Mystery of Banksy" in München zeigt Werke von Banksy – ohne dessen Einwilligung. Um Kunst geht es dabei nicht, nur um Kommerz.

Von: Martin Zeyn

Stand: 08.03.2021 | Archiv

Banksy-Graffito an ehemaligem Gefängnis in Großbritannien | Bild: Banksy/PA Media/dpa

Am 10. März 2021 eröffnet die Münchner Ausstellung "The Mystery of Banksy – A Genius Mind". Mutmaßlich ein Publikumsmagnet, da er zu den populärsten zeitgenössischen Künstlern gehört: Arbeiten wie seine Oscar-Wilde-Hommage am ehemaligen Zuchthaus in Reading oder die Selbstzerstörung eines Gemäldes während einer Auktion sind schon jetzt Teil des kulturellen Gedächtnisses. Das Interesse dürfte also groß sein, endlich einmal die Werke im Original zu sehen. Die Ausstellung wirbt vollmundig mit dem großen Namen des Künstlers und dem Nimbus des Geheimnisvollen – und kokettiert mit dem Zusatz "An Unauthorized Exhibition", was bedeutet, dass Banksy weder an dieser Ausstellung mitgewirkt noch sie autorisiert hat. Gezeigt werden Reproduktionen seiner Graffitis und angeblich auch einige Originale – was schwierig sein dürfte ohne Banksys Mitwirkung. Worum es in Wirklichkeit geht, verrät schon ein einziger Blick auf den Instagram-Kanal der Ausstellung. Dort werden Geschenk-Tickets und Weihnachtskarten mit Banksy-Motiven gezeigt. Es geht also nicht um Kunst, sondern um Kommerz. Und schlimmer noch, hier wird das Werk von Banksy beschädigt. Normalerweise heißt so etwas Diebstahl oder Urheberrechtsverletzung, aber Banksy müsste wohl seine Anonymität aufgeben, wenn er solche Ausstellungen verbieten wollte.

Banksy: große anarchistische Kunst

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Shredding the Girl and Balloon - The Director’s half cut | Bild: banksyfilm (via YouTube)

Shredding the Girl and Balloon - The Director’s half cut

Banksy entzieht sich seit jeher dem Kunstmarkt – auch wenn er mittlerweile zu den gefragtesten Künstlern weltweit gehört. Seine Graffitis sind für die Allgemeinheit bestimmt, nicht für potente Sammler, nicht für Leute, die sich Tickets kaufen. Er, der mit Auflagenobjekten oder Drucken (wie etwa die Street Artists Keith Haring oder Shepard Fairey) Millionen machen könnte, verweigert sich entschieden, seine Kunst zu Kapital zu machen. Zum Ethos der Streetart gehört, dass sie Kunst an öffentlichen, öffentlich zugänglichen Plätzen sprayt. Es ist Kunst ohne Schwellenangst, im Vorübergehen erfassbar und Ausdruck eines gelebten Anarchismus, weil sie sich nicht darum schert, auch als Beschädigung oder Vandalismus angesehen zu werden.

Ist Banksy damit ein verspäteter Anhänger von Theodor W. Adornos ästhetischer Theorie? Der war überzeugt, dass sich Kunst nur behaupten könne, wenn sie sich so weit wie möglich von Verdinglichungsprozessen entfernt halte. Also keine reine, unverfälschte Kunst mehr zu sein, sondern einer Sache, einem Auftrag, einer Botschaft zu dienen – und vor allem nicht dem Geld. Kapitalismus und Kunst, dass ging für Adorno nicht zusammen. Aber Banksys Guerilla-Kunst passt dann doch nicht zu einer Kunst à la Adorno. Denn der deutsche Philosoph war auch jeder politischen Botschaft abhold. Banksy aber macht immer wieder deutlich, dass seine Arbeit auch politisch gelesen werden soll, etwa wenn er eine Ausstellung in dem von Israel annektiertem Bethlehem ausrichtet.

Kunst kommt nicht von Kaufen

Wahrscheinlicher ist etwas anderes: Banksy formuliert eine konkrete Kritik an den Verhältnissen auf dem Kunstmarkt, auf dem oft genug am Künstler vorbei agiert wird. Es war der deutsche Konzept-Künstler Hans Haacke, der vor über 30 Jahren einmal ein neues Vertragskonstrukt vorgeschlagen hatte. Künstler sollten nicht mehr einfach einen buy-out-Vertrag unterzeichnen müssen, also eine einmalige Summe als Kaufpreis erhalten, sondern auch einen Anteil an jeder weiteren Veräußerung erhalten, sofern eine Wertsteigerung stattgefunden habe. Das sollte Künstler an den teils erheblichen Auktionserlösen teilhaben lassen – von denen bisher nur die Sammler profitieren. Und er wollte ein Vetorecht erhalten, falls er nicht einverstanden war, an wen seine Arbeiten verkauft werden sollten – so geschehen, als der Sammler Peter Ludwig eine Arbeit Haackes kaufen wollte, die sich kritisch mit den Verhältnissen in dessen Schokoladenwerken auseinandersetzte: "Der Pralinenmeister". Er fürchtete, Ludwig würde die Arbeit zerstören. Dadurch wird deutlich, wogegen sich Haacke eigentlich wehrte: mit dem Verkauf von seinem Werk enteignet zu werden. Er als Schöpfer hätte es verloren. Für Haacke sind Kontexte, in denen seine Arbeiten gezeigt werden, extrem wichtig – wie für sehr viele andere Künstler auch.

"The Mystery of Banksy": Pervertierte Botschaft

Banksy-Graffito in der Vale Street, Bristol.

Wohl auch für Banksy, der oft ja ortsbezogen arbeitet, wie zuletzt am Zuchthaus von Reading (Titelbild) oder hier in der Vale Street in Bristol. Zum Kontext seiner Arbeiten gehört auch, dass sich Banksy einer kapitalistischen Verwertungslogik verweigert. Seine Arbeiten sollen allen gehören deswegen sprayt er sie auf Mauern. Das ist keine Nebensache, das ist die Essenz der Kunstform. Genau darüber setzt sich die Ausstellung hinweg. Die "unautorisierte Ausstellung" will nur Kohle machen, reguläre Eintrittskarten kosten 17 Euro. Es ist ein Irrtum zu glauben, dort gäbe es echte Banksys zu sehen: Was es dort zu sehen gibt, ist der Verrat an seiner Kunst. Schlimmeres lässt sich nicht über eine Ausstellung sagen.

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