Islam-Landkarte Warum es falsch ist, andere zu kennzeichnen

Diese Woche noch soll die umstrittene Islamkarte von Österreich, die 623 islamische Einrichtungen auflistet, wieder online gehen. Wird damit ein Generalverdacht gegen Muslime formuliert? Und was können wir aus dem Streit lernen?

Von: Martin Zeyn

Stand: 08.06.2021 | Archiv

Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP), Vors. Mouhanad Khorchide (Wissenschaftlicher Beirat Dokumentationsstelle), Elham Manea (Mitglied Wissenschaftlicher Beirat Dokumentationsstelle) und Ednan Aslan (Universität Wien) am Donnerstag, 27. Mai 2021, im Rahmen eines PG der Dokumentationsstelle Politischer Isam | Bild: picture alliance / GEORG HOCHMUTH

Die österreichische Regierung hat die "Dokumentationsstelle politischer Islam" ins Leben gerufen. Ein ziemlich vager Begriff. Darüber stritten sich aber nur Expertinnen und Experten. In die Schlagzeilen aber geriet diese Dokumentationsstelle, als sie eine Online-Landkarte präsentierte, auf der 623 islamische Einrichtungen aufgelistet sind. Gemeint war sie – hoffentlich – als Aufklärung. Dieses Ziel hat sie komplett verfehlt. Denn sie informiert nicht, sie markiert den Islam als etwas Fremdes. So scheitert Integration auf jeden Fall. Immerhin: Das Scheitern der Karte kann zu einem Glücksfall werden, wenn wir die richtigen Schlüsse daraus ziehen. 

Der Islam als etwas Fremdes 

Die Landkarte selbst hat mehrere strukturelle Fehler: Zum einen macht sie nicht deutlich, wer warum auf ihr erscheint. Kindergärten und Jugendeinrichtungen stehen neben Verbänden, die als islamistisch gelten. Manche Einträge sind schlicht rätselhaft, wie etwa die Privatadresse der Schwester des Wiener Stadtentwicklungssprechers Omar Al-Rawi, die selbst keine Funktion bekleidet. Was also ist die Aussage dieser Karte? Sie markiert den Islam als etwas Fremdes. Vielleicht sogar als einen Fremdkörper? Eine mögliche Auslegung, vor allem da zwischen Radikalen und Sozialeinrichtungen nicht unterschieden wurde.  Die Initiatorin, Integrationsministerin Susanne Raab von der ÖVP wehrte sich zwar gegen den Vorwurf, die Karte formuliere "einen Generalverdacht gegen Muslime". Aber welche andere Funktion soll so eine Karte haben?  

Das Ziel: Abtrennen 

Ein Sturm im österreichischen Wasserglas? Leider nein, denn die Geschichte geht weiter und zeigt, welche Probleme es mit sich bringt, wenn eine Gruppe markiert wird. Rechtsradikale stellten in der Nähe von Wiener Moscheen Warnschilder auf, die einen grimmigen bärtigen Mann zeigten und das mit einem Hinweis auf die Islamkarte unterlegten. Außerdem hat zumindest eine der markierten Einrichtungen Polizeischutz angefordert. Daraufhin wurde die Karte kurzfristig offline gestellt und soll diese Woche wieder online gehen. Haben die Rechten die Karte missverstanden? Oder haben sie in Wahrheit genau erkannt, wozu sie dient? 

Was ist das zentrale Missverständnis der Karte? Menschen zu trennen. Dafür braucht es keine großen soziologischen Studien, sondern es reicht ein Blick in die Bibel. "Du sollst dir kein Bildnis machen", lautet das erste, leider viel zu wenig bekannte der zehn Gebote. Es war Max Frisch, der in seinem Tagebuch diesem Satz eine neue Wendung gab: Dass dieses Gebot nicht auf Gott beschränkt sein solle, sondern für alle Menschen gelten müsse. Es geht also nicht um ein Bilderverbot. Jedes Bild beschränkt einen Menschen auf ein Klischee, richtet ihn zu, erlaubt ihm nicht mehr so vielfältig zu sein, wie er sein könnte. "Unsere Meinung, daß wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.“ 

Nun lieben wir recht selten unseren Nächsten wie uns selbst. Aber auch außerhalb von Liebesbeziehungen gilt dieser Satz: Er sagt nämlich, dass mit dem Verfertigen eines Bildes wir einen Fehler begehen, wir nicht eine Beziehung anbahnen, sondern sie abbrechen. 

Der Andere – unverzichtbar fürs Denken 

Wir brauchen das Andere. Das sagt uns die Philosophie. Die Antithese zur These zu bilden, um so ein besseres Argument zu entwickeln, ist ein klassischer Trick gegen die eigene Denkfaulheit. Der jüdische Philosoph Emmanuel Levinas spezifizierte dann: Wir brauchen das Andere, damit wir überhaupt erst ein Ich werden können – als Gegenüber, als Referenz, als Gegenpart. Was herausfordernd ist. Wir müssen uns in Frage stellen. Die Identitären und andere Neonazis übererfüllen stets, was der Philosoph über die Dynamiik des Anderssein sagt: Ständig fühlen sie sich von Anderen in Frage gestellt. Und weil sie das nicht aushalten, fordern sie die "Normalität" eines homogenen Volkskörpers. (Wem die Argumentation zu schnell geht, bitte noch mal Freuds großartigen Aufsatz "Die Verneinung" lesen: Das Verdrängte kommt an die Oberfläche, indem der Patient es verneint). Normal ist aber nicht das Absondern, sondern das Gespräch, die Interaktion. Die bedeutet nicht, alles anzunehmen, wohl aber, alles zu betrachten und zu begutachten. Wir bilden unser Ich, unsere Identität im Gespräch – nicht durch Ausgrenzung. 

Normal ist der Austausch 

Eine Karte, die auch andere invasive Religionen einzeichnet (und das sind letztlich alle, wenn wir mal mehr als 2000 Jahre als Maßstab anlegen), die hätte kein Aufsehen erregt. Wenn wir eine herauspicken, sie markieren, dann hat das eine Bedeutung. Und das gilt leider auch für das immerhin nur auf Gotteshäuser beschränkte Projekt moscheepedia.org, das von Tagesschausprecher Constantin Schreiber mitiniitiert wurde. 2017 hat er in seinem Buch "Inside Islam" deutlich sein Interesse an so einer Übersicht dargelegt: Hat der deutsche Inlandsnachrichtendienst eine Übersicht aller Moscheen in Deutschland, "um dann rasch erkennen zu können, dass dort verfassungsfeindliche Inhalte gepredigt werden?" Ein Anfangsverdacht oder doch schon ein Generalverdacht?

Ja, wir unterscheiden uns. Ja, wir unterscheiden ständig zwischen uns und den anderen. Trotzdem ist es ist eine saublöde, ja eine gefährliche Idee, Menschen nach einer Religionszugehörigkeit zu kennzeichnen. Das sollte jede Regierung, ob nun in Österreich oder Deutschland aus der Geschichte gelernt haben. Und wenn diese Seite keine Nachahmer in Deutschland findet, dann hat sie immerhin etwas genützt: Sie zeigt, Integration darf nicht mit dem Markieren beginnen. Weil das Menschen ausgrenzt. Die Leidtragenden sind die Anderen. Aber wir auch. Wir sind blöder ohne sie. Na, ja, einigen scheint das leider nichts auszumachen.