Isabell Beer über die Drogenszene im Netz "Jugendliche werden in irgendeiner Form mit Drogen in Berührung kommen"

Drogen sind heute im Netz leichter denn je zu bekommen. Eine Gefahr, besonders für Jugendliche. Die Journalistin Isabell Beer hat in der Szene recherchiert und darüber den Roman "Bis einer stirbt" geschrieben. Sie plädiert für ehrliche Aufklärung und Entkriminialisierung der Konsumenten.

Von: Niels Beintker

Stand: 03.12.2021

Porträt | Bild: Carlsen Verlag

Kummer, Druck, Neugier, Spaß, Provokation: Junge Menschen greifen aus den unterschiedlichsten Gründen zu Drogen. Viele werden süchtig und bringen sich damit in Lebensgefahr. So wie Leyla und Josh, zwei Jugendliche, von denen Isabell Beer erzählt. "Bis einer stirbt", heißt ihr Buch, in dem sie die beiden und ihre Familien ausführlich porträtiert. Niels Beintker hatte Gelegenheit zum Gespräch mit der Journalistin.

Niels Beintker: Leyla und Josh, die jungen Menschen, von denen Sie erzählen, entwickeln ganz unterschiedliche Formen der Sucht. Josh experimentiert unter anderem mit Rauschmitteln, die er völlig legal im Internet erwerben kann – sogenannte Kräutermischungen, ebenso mit Medikamenten. Er teilt das alles mit einer Chat-Gruppe – so lernen sich die beiden auch kennen. Welche Rolle spielt das Internet für die Sucht?

Isabell Beer: Eine ziemlich große. Es hat sich auch jetzt in der Corona Pandemie gezeigt, wie gut die Drogenszene inzwischen vernetzt ist. Wenn man dann hört, dass das Klopapier bei uns knapp wird, und gleichzeitig – wie man im europäischen Drogenbericht nachlesen kann – dass Drogen dagegen nicht knapp geworden sind, dass es dort trotz der Pandemie und der Einschränkungen nicht zu Lieferengpässen gekommen ist, dann merkt man schon, wie gut das inzwischen organisiert ist. Vor allem eben auch über das Internet und dass sich dort ein Markt etabliert hat. Dieser Markt ist natürlich auch besonders für junge Menschen interessant, auch für Menschen, die eigentlich zu soft wären für die normale Drogenszene oder eher Hemmungen hätten, zu einem Dealer zu gehen. Auch die können über das Internet ganz leicht an Drogen kommen, ohne einen direkten Kontakt zu jemandem zu haben, der vielleicht auch ein bisschen dubios ist.

Josh zieht sich in der frühen Jugend mehr und mehr zurück – seine Drogensucht beginnt in einem Internat. Leyla wiederum ist getrieben von der Lust, alles Mögliche auszuprobieren – bis zum Heroin. Unter anderem arbeitet sie als Domina, um ihren Konsum zu finanzieren. Ist ihr und war der Frau, die Vorlage war für Leyla, klar, wie lebensgefährlich die Sucht nach einem immer wieder neuen Rausch ist?

Isabell Beer: Bis einer stirbt. Drogenszene Internet. Die Geschichte von Leyla & Josh.

Im Gespräch sagte sie mir, dass ihr schon klar war, dass das lebensgefährlich sein kann. Dass sie aber immer dachte: "Na ja, das trifft halt die anderen. Ich passe ja auf. Ich bin ja nicht so dumm wie die und benutze nicht dieselben Spritzen. Ich achte auf dies, ich achte auf jenes." Es natürlich so, dass man das Risiko zwar durch bestimmte Vorkehrungen minimieren kann, aber es ist dadurch nicht weg. Und gerade was Substanzen wie zum Beispiel Heroin vom Schwarzmarkt angeht, weiß man nicht was der Dealer dort reingemacht hat. Das kann man ohne Drug Checking, was in Deutschland noch nicht dauerhaft möglich ist, einfach nicht herausfinden. Man kann zwar Vorkehrungen treffen, aber ein Restrisiko bleibt einfach. Zu Beginn der Treffen mit ihr ist mir auch aufgefallen, dass sie Heroin oft verteidigt hat und meinte: "Ja, das ist so alltagstauglich." Ich hatte das Gefühl, dass ihr gar nicht bewusst ist, wie viel Freiheit ihr es eigentlich raubt, dass sie nach dieser Substanz süchtig ist. Nach eineinhalb, zwei Stunden etwa wurde sie unruhig, hat die nächste Dosis gebraucht. Erst nach und nach, als wir dann öfter miteinander gesprochen haben, hat sie langsam gesehen, wie sie diese Sucht eigentlich einschränkt. Ich fand es sehr spannend, diesen Prozess bei ihr zu erleben.

Beim fortlaufenden "Zuballern" – wie das in den Chats verharmlosend bezeichnet wird – setzt Josh sein Leben immer mehr aufs Spiel. Er stirbt schließlich an einer Überdosis – wie auch andere aus der Chatgruppe. Keiner kann wirklich sagen, ob dieser traurige Tod hätte verhindert werden können. Aber: Gibt es genügend Möglichkeiten, jungen Menschen in einer ähnlichen lebensgefährlichen Situation zu helfen?

Ich denke, der erste Schritt wäre zu versuchen, dass es gar nicht erst so weit kommt. Bei Josh war es beispielsweise so, dass er mit Cannabis angefangen hat und dann auf Kräutermischungen, die viel, viel gefährlicher sind, umgestiegen ist. Weil das eben zum einen legal war und zum anderen eben auch deutlich günstiger als das Cannabis.

Legal heißt eben auch: Man kann das ohne Probleme im Internet bestellen.

Genau richtig. Und es war natürlich sehr reizvoll, gerade für Jugendliche wie ihn. Auch, weil er sogar kostenlose Proben zugeschickt bekommen hat. Kräutermischungen klingt jetzt erst einmal harmlos. Das sind auch an sich normale Kräuter, die eigentlich wirkungslos sind, aber eben mit synthetischen Cannabinoiden versetzt. Das sind Chemikalien, die tatsächlich schon im Milligramm-Bereich tödlich sein können. Diese synthetischen Cannabinoide sind nicht gleichmäßig in diesen Kräutern verteilt. Wenn man sich mit diesen Kräutermischungen einen Joint baut, dann weiß man leider nicht, wie viel man von diesen synthetischen Cannabinoiden mit einem Zug zu sich nimmt. Da kann an einem Kräuterstückchen gar nichts oder ganz viel von dieser Substanz hängen. Und je nachdem kann das zu komatösen Zuständen führen, bis hin zum Tod. Das ist natürlich ein krasser Unterschied zu Cannabis, wo bislang kein Todesfall bekannt ist. Wenn also ein Jugendlicher umsteigt auf etwas, was viel gefährlicher ist, was lebensgefährlich ist, – einfach aus Gründen der Legalität und weil es günstiger ist –, dann muss man sich natürlich schon fragen: Hätte es da nicht schon geholfen, wenn Cannabis legal gewesen wäre und er auf anderem Weg daran gekommen wäre? Was natürlich auch nicht optimal ist in dem Alter, aber immerhin nicht lebensgefährlich.

Was uns zu der Frage führt, die nun auch in der Politik diskutiert wird. Der designierten Ampelkoalition schwebt ja eine kontrollierte Freigabe von Cannabis an Erwachsene vor. Ihr Buch will einerseits aufklären, anschaulich zeigen, was es heißt, süchtig zu werden und mehr und mehr die Kontrolle zu verlieren. Andererseits plädieren Sie auch für einen anderen politischen und gesellschaftlichen Umgang mit Drogen. Weg von Verbot und Kriminalisierung, hin zu wirklich ehrlicher Aufklärung. Wie könnte das denn konkret aussehen?

Ich denke, der Anfang ist erst mal Safer-Use-Aufklärung, auch an Schulen. Auch im Buch gibt es einen Safer-Use-Part, den man auch kostenlos im Internet abrufen kann, ohne das Buch zu haben. Da wird darauf eingegangen: Was sind die Folgen von Drogenkonsum oder von bestimmten Substanzen? Wie kann man zum Beispiel Streckmittel feststellen, auch in Cannabis? Was kann man beachten? Aber eigentlich beginnen diese Safer-Use-Regeln schon damit, dass man sich vor dem Konsum fragt: Warum möchte ich eigentlich dies oder jenes konsumieren? Sich ganz genau selbst hinterfragt. Also mache ich es vielleicht nur, weil es mir gerade schlecht geht, weil ich einen Schicksalsschlag hatte, mit dem ich nicht umgehen kann. Das ist natürlich kein guter Grund, weil er die Gefahr erhöht, dass man tatsächlich in ein Suchtverhalten abrutscht.

Andere Gründe sind z.B. Gruppenzwang, gerade unter Jugendlichen. Man merkt, die Freunde nehmen das, die sind so oder so drauf, und man möchte dann mitmachen, ist sich aber selbst gar nicht so sicher, ob man das möchte. Da fängt es schon an, warum eine ehrliche Aufklärung sehr wichtig ist. Jugendliche werden heute mit Drogen in irgendeiner Form in Berührung kommen, das lässt sich gar nicht mehr verhindern. Das hat in den letzten Jahren auf jeden Fall zugenommen. Deshalb ist es total wichtig, dass Jugendliche einfach wissen: Was macht die Substanz im Körper, was sind mögliche Folgen? Denn nur so kann man ja eine verantwortungsbewusste Entscheidung treffen.

Die ehrliche Aufklärung ist das eine, das andere, für das Sie auch plädieren, eine andere Politik im Umgang mit Drogen. Was schwebt Ihnen da vor?

Da kann man in andere Länder blicken und sehen, was funktioniert hat. In Portugal wurden z.B. 2001 die Konsumenten und Konsumentinnen entkriminalisiert. Das heißt, wenn man mit einer geringen Menge einer Substanz aufgegriffen wird – da ist es auch egal, welche Substanz das ist – dann ist es nur eine Ordnungswidrigkeit und man bekommt Therapieangebote. Man wird nicht strafrechtlich verfolgt. In Folge ist tatsächlich die Zahl der Drogentoten deutlich zurückgegangen, sie liegt im Vergleich unter der in Deutschland.

Außerdem wäre es wichtig, Drug Checking Angebote in Deutschland zu haben. Also Labore, wo Konsumenten und Konsumentinnen hingehen können, um ihre Substanzen abzugeben und testen zu können, was da eigentlich drin ist. Denn wenn ich das nicht weiß, dann ist es ja jedes Mal wie Russisches Roulette, dann kann ich nicht abschätzen: Wie sollte ich das jetzt dosieren? Sind da vielleicht auch Dinge drin, die ich unter keinen Umständen konsumieren möchte? All das kann man im Moment ohne dieses Checking nicht wissen. Und das finde ich grob fahrlässig. In Österreich oder der Schweiz gibt es diese Checking Angebote schon.

Die Cannabis-Legalisierung steht jetzt auch im Raum und ich glaube, da würde es sich lohnen, einfach mal nach Kanada zu blicken, die 2018 Cannabis legalisiert haben und schon erste Erfahrungen gesammelt haben. Viele der Befürchtungen, die man am Anfang hatte, sind gar nicht eingetreten. Und trotzdem gibt es eben Dinge, aus denen man lernen kann. Zum Beispiel, dass der Schwarzmarkt nicht einfach verschwindet, wenn man etwas legalisiert. Oder dass es wichtig ist, dass die Graspreise in den lizenzierten Abgabestellen auch konkurrieren können mit den Preisen auf dem Schwarzmarkt. Sonst führt es dazu, dass die Konsumentinnen und Konsumenten trotzdem weiter bei ihrem Dealer kaufen. Gerade da kann man sich eben vieles abgucken und schauen, wie wir es in Deutschland noch besser machen können.

"Bis einer stirbt. Drogenszene Internet" ist bei Carlsen und bei Econ erschienen, einmal für jugendliche, einmal für erwachsene Leserinnen und Leser.

Ein Gespräch aus dem Büchermagazin Diwan vom 5.12.2021. Den Podcast der Sendung können Sie hier abonnieren.