Haus der Kunst "Haben Sie das Gefühl, dass wir eine Sanierung brauchen?"

Wie geht es weiter mit dem Haus der Kunst in München? Seit einem Jahr ist Andrea Lissoni als Direktor im Amt. Capriccio hat mit ihm über sein Verhältnis zum nationalsozialisten Bau und über die anstehende Renovierung gesprochen.

Von: Antje Harries/Martin Zeyn

Stand: 18.03.2021

Andrea Lissoni steht vor den Säulen des Hauses der Kunst in München. | Bild: BR

Ein Banner des Konzeptkünstlers Mel Bochner mit jiddischen Worten hängt am Fries vom Haus der Kunst: KIBBITZER, KUNI LEMMEL, DREYKOP, ALTER KOCKER, MESHUGENER, PISHER. Das heißt: Schlaumeier; Einfaltspinsel; jemand, der einem Kopfschmerzen bereitet; alter Knacker; Verrückter; Hosenscheißer. Jiddische Schimpfwörter an einem Museum, auf dessen Pläne Hitler direkt Einfluss genommen hat. Ein Statement des neuen Leiters Andrea Lissoni.

Vertraut mit faschistischer Architektur

Seit über 70 Jahren kämpft das Museum gegen die Bürde seines nationalsozialistischen Ursprungs. Zuerst sollte es ein Tempel für die deutsche Kunst werden, nach dem Krieg fanden hier Ausstellungen von Beckmann, Klee oder Picasso statt. Auch baulich fand eine "Entnazifizierung" des Gebäudes statt, dann in den 90er Jahren ein "kritischer Rückbau" der vorgenommenen Eingriffe. Ein komplizierter Ort, mit dessen Widersprüchen sich Lissoni anfreunden kann: "Ich komme aus Italien. Ich bin mit neoklassizistischer und faschistischer Architektur aufgewachsen."

Zur Einweihung des Kunstpalastes 1937, den der Nazi-Stararchitekt Paul Ludwig Troost nach Adolf Hitlers Vorstellungen gebaut hatte, wurden Werke gezeigt, die dem Führer gefielen. Jetzt stehen Freiheit der Kunst und historisches Bewusstsein auf dem Programm: "Die Anfangsgeschichte ist etwas, das wir natürlich nie vergessen sollen. Die Möbel, die Tische, die Ecken, die Uhren erzählen uns diese Geschichte. Aber warum sind sie noch da? Und wie kommen wir mit ihnen in einen Dialog?"

Lissoni, zuvor Kurator an der Tate Modern in London, will sich an dem Gebäude reiben und es als Monument umcodieren: "1937 fand die Ausstellung 'Entartete Kunst' im Hofgarten statt, wo sich heute der Kunstverein München befindet. Wenn ich jemanden treffe, dann erzählt mir diese Person etwas über die Ausstellungen von Louise Bourgeois, Matthew Barney, El Anatsui. Und über nichts anderes. Wenn du die Stufen hinaufläufst im Haus der Kunst, dann siehst du am Boden immer Fossilien. Und die sind überall. Diese Fossilien sind 250.000 Jahre alt. Minimum. Also was ist Zeit? Die ist so klein."

Andrea Lissoni | Bild: BR zum Video Andrea Lissoni leitet das Münchner Haus der Kunst Wie kann man Kunst sichtbar machen?

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Als Andrea Lissoni 1970 in Mailand geboren wurde, ahnte er nichts von seiner künftigen Leidenschaft fürs Skifahren, für Norwegerpullis oder seine Karriere als Kunsthistoriker und Kurator. Seine Doktorarbeit schrieb er über Edgar Reitz und Alexander Kluge, deswegen landete er wahrscheinlich irgendwann in München. Seit knapp einem Jahr leitet Andrea Lissoni das finanziell angeschlagene Haus der Kunst, verwaltet Pandemie und Stillstand. Jetzt eröffnete er die Phyllida-Barlow-Ausstellung. Mit der britischen Bildhauerin setzt Lissoni auf Überwältigung durch Kunstwerke, nicht durch den Namen der Künstlerin: "Es gibt etwas, das zu tun hat mit Gefährlichkeit, Leichtigkeit und der Möglichkeit, immer etwas anderes zu sehen. Und im Italienischen sagt man 'Non finito'. Etwas, das nicht fertig ist. Und dann sieht man: Zwischen den Stücken, zwischen den Blöcken, kann man die Luft sehen."

Und wie steht es um die Sanierung, über die seit Jahren debattiert wird? Lissoni ist entspannt: "Haben Sie das Gefühl, dass wir eine Sanierung brauchen? Ich nicht. Es funktioniert wunderbar für die Kunst, die wir zeigen wollen."

Den ganzen Beitrag aus Capriccio vom 18. März 2021 können Sie in der BR-Mediathek sehen.