Science Busters Martin Moder über Kommunikation in der Pandemie

Die Science Busters sind die wissenschaftliche Form der Kelly Family: Bildung plus Kabarett. Ihre neue Staffel startet mit einem Corona Spezial. Warum wir zum Impfen nicht die Eier haben, erklärt der Molekularbiologe Martin Moder.

Von: Joana Ortmann

Stand: 22.03.2021

Logo der Science Busters mit einem rosa Corona-Virus als Planeten und dem Schriftzug Science Busters als Umlaufbahn  | Bild: Science Busters

Wissenschaft für alle auf möglichst hohem performativen und humoristischen Niveau. Dafür stehen die Science Busters rund um den Kabarettisten Martin Puntigam, die Kelly Family der Naturwissenschaften. Jetzt sind sie zurück mit einer neuen Staffel: Den Auftakt macht ein „Corona Spezial“ zur Frage: „Warum haben wir nicht die Eier, uns alle gegen Grippe impfen zu lassen?“ Antworten auf diese und andere Fragen rund um die populäre Wissenskabarett-Reihe gibt der Molekularbiologe Martin Moder, ebenfalls Mitglied der Science Busters Familie, im Interview mit Joana Ortmann.

Bildung plus Humor: die Science Busters schaffen den Spagat zwischen wissenschaftlicher Aufklärung und Unterhaltung

Joana Ortmann: Vielleicht können Sie uns zumindest, ohne zu viel zu verraten, sagen, in welche Richtung die Antwort auf diese Frage nach den mangelnden Eiern geht?   

Martin Moder: Ja, das war natürlich ein sehr dankbares Thema, weil ich auf der einen Seite über Impfstoffe sprechen kann, was mich schon lange interessiert, und dem Martin Puntigam das natürlich auch wahnsinnig in die Karten spielt, wenn wir viel über Eier sprechen. Es geht natürlich um eine bestimmte Form von Eiern – um Hühnereier - und ich glaube, den meisten Leuten ist gar nicht bewusst, wie viele man davon eigentlich braucht, um den Grippe-Impfstoff herzustellen, und dass tatsächlich die Anzahl der Eier einer der limitierenden Faktoren ist.   

Ich empfehle jedem, diese Folge anzuschauen, weil die Erklärung wirklich interessant ist. Gleichzeitig will ich die Gelegenheit nutzen, mit Ihnen das Astra-Zeneca-Drama der letzten Woche nochmal nachzuverdauen. Das hat sich ja jetzt gewendet, aber was war das für ein Spektakel aus Ihrer Sicht? War es vor allem ein Kommunikationsproblem?  

Naja, es war vor allem sehr verwirrend, auch vom zeitlichen Ablauf her. Immer wenn man ein neues Arzneimittel zulässt, kann man vorher testen, ob Nebenwirkungen so häufig auftreten, dass das Risiko den Nutzen überwiegen würde. Aber dadurch kann man nicht ausschließen, dass in sehr seltenen Fällen Probleme auftreten, die man grundsätzlich erst nach der Zulassung entdecken kann - ein Dilemma, das man eigentlich bei allen Arzneimitteln hat. Aber jetzt, wo die ganze Welt auf dieses eine Arzneimittel draufschaut, wirkt es natürlich so, als wäre das etwas radikal Neues. Und es ist auch nicht weiter überraschend, dass bei allerlei Impfstoffen dann immer wieder seltene Nebenwirkungen bekannt werden. Das war bei Biontech im Prinzip nicht anders, als es in seltenen Fällen schwere allergische Reaktionen gab. Bei Astra-Zeneca ging es um Thrombosen, und das war insofern wahnsinnig verwirrend, weil es halt zuerst hieß, dass es das Thrombose-Risiko allgemein fördert, dann wurde zurückgerudert und man hat gesagt, es sei nicht häufiger als man es bei Nichtgeimpften erwarten würde. Und dann hat sich das mit den Sinus-Venen-Thrombosen im Speziellen aber bekräftigt. Und insofern war das kommunikativ alles wahnsinnig verwirrend. Was am Ende des Tages überbleibt ist, dass es bei Arzneistoffen generell und auch bei Astra-Zeneca immer ein geringes Restrisiko gibt, dass Probleme auftreten können. Aber das steht noch immer in keinem Verhältnis zu dem Risiko des Nichtimpfens – vor allem in Anbetracht dessen, dass wir am Beginn der dritten Welle stehen.  

"Wer nichts weiß, muss alles glauben" - oder er folgt dem Molekularbiologen Martin Moder auf youtube

Warum kommt diese ja eigentlich sehr hilfreiche, konstruktive Botschaft denn so schlecht durch? Sie haben dazu geschrieben: „Ich habe den Eindruck, viele Medien sind mit der Situation maßlos überfordert und richten in ihrer Unbeholfenheit Schaden an.“ Also liegt es an der Unbeholfenheit? 

Es klingt wie ein Vorwurf an die Medien, aber das ist es natürlich nur bedingt. Die Medien sind in einer Situation, die nicht so angenehm ist wie z.B. meine Situation: Wenn ich das Gefühl habe, es ist zu früh, sich zu äußern, muss ich mich nicht äußern. Aber wenn es einen Vorfall gibt, müssen die Medien natürlich drüber berichten - unabhängig davon, ob das etwas mit einer Impfung zu tun hat oder nicht – und dann ist natürlich in dem Moment sofort ein Schaden angerichtet. Dazu ein Beispiel: In Österreich ist vor einer Woche eine relativ junge Frau in einer Impfstraße zusammengebrochen und verstorben, allerdings bevor sie die Impfung bekommen hat. Das heißt, es kann mit der Impfung gar nichts zu tun gehabt haben. Und der finstere Gedanke, bei dem sich alle erwischt haben, war aber: Puuuh, wenn die eine Stunde später verstorben wäre, dann gäbe es jetzt Forderungen, das Impf-Programm einzustellen. Also die kommunikative Tragödie ist, dass du aus dem Vorfall selbst eigentlich gar nichts ableiten kannst, aber uns der Bericht extrem verunsichert und zwar viel mehr, als dass irgendwelche Zahlen jemals könnten.  

Interessante Beobachtung! Also wir haben auf der einen Seite die Medien, die natürlich versuchen, ihre Pflicht zu erfüllen, und auf der anderen Seite die Politik, die mit der Vermittlung der Pandemie kämpft und mit Glaubwürdigkeit. Und in der Mitte dann noch die Wissenschaft – und als deren Spezialgebiet die unterhaltende Wissenschaft, für die Sie stehen. Im Gegensatz zu einem Politiker können Sie Aussagen machen wie: „Ja, ich lasse mich schon impfen, aber nicht bedenkenlos!“  

Ja, aber damit meine ich, dass ich prinzipiell gar kein Arzneimittel bedenkenlos nehmen würde. Also es gibt ja die ganz grobe Daumenregel: Je schlimmer die Erkrankung ist, desto mehr Nebenwirkungen eines Medikaments nimmt man in Kauf – etwa bei einer Krebserkrankung. Aber die Tragödie bei Impfstoffen ist ja, dass sie dafür vorgesehen sind, sie absolut gesunden Menschen zu geben. Und da hat man eben den Anspruch, dass sie so sicher sind, wie Arzneimittel nur irgendwie sein können. Und deshalb wird man da sofort hellhörig, wenn man allein schon den Verdacht hat, dass vielleicht einer von einer Viertelmillion Menschen ein Problem entwickeln könnte.  

Sie sind mit dieser Form des Erklärens auf verschiedenen Kanälen tätig, seit 2016 gehören Sie zur Familie der Science Busters. Richtig bekannt geworden sind Sie aber erst letztes Jahr mit ihrem YouTube Kanal, auch da beschäftigen Sie sich humorvoll und aufklärend mit Corona und den Impfungen – die Tutorials heißen „Make Europe gscheit again“. Und Sie operieren mit Orangen, in die Sie Nelken reinstopfen oder mit Zucchini, die als Spike-Protein fungieren. Warum funktioniert das so gut?

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Wirkweise der Vektor Impfstoffe gegen COVID19 | Bild: Robert Koch-Institut (via YouTube)

Wirkweise der Vektor Impfstoffe gegen COVID19

Na ja, das ist eigentlich vor allem meiner eigenen Unbeholfenheit geschuldet. Das Schöne ist: In der Obst- und Gemüseabteilung gibt es so viele Formen, dass man zu jedem Bestandteil der Zelle etwas Entsprechendes findet. Und damit tue ich mir selber einfach auch leichter, als wenn ich alles sprachlich umschreiben muss. Wenn ich etwas in der Hand habe, vergesse ich nicht, was ich gerade gesagt habe. Da kann ich einfach hinschauen.  

Sie bekommen sehr viel positives Feedback, aber kriegen auch die wackelige Stimmung zu spüren, die gerade herrscht. Wenn man sich bei Ihnen die Kommentare durchliest, dann liest man leider auch „Arschloch“ oder „Faschist“. Oder sogar „Doktor Mengele“…  

Was man schon merkt ist, dass die Leute wahnsinnig frustriert sind, was ich auch voll nachvollziehen kann. Ich bin, ehrlich gesagt, auch wahnsinnig frustriert. Aber mir ist auch bewusst, dass ich einer von denen bin, die noch am wenigsten Probleme haben mit dieser ganzen Pandemie, weil ich kein Geschäft habe, das ich verlieren könnte usw. . Trotzdem merke ich, wie sehr mich das Ganze anzipft, weshalb ich auch verstehe, wenn Leute für ihren gewaltigen Frust irgendwelche Projektionsflächen brauchen. Und insofern nehme ich das auch nicht wahnsinnig persönlich, wenn mich jemand als Doktor Mengele bezeichnet, so unappetitlich das ist. Ich denke mir immer, hätte eine völlig andere Person die gleiche Aussage getätigt wie ich, dann wäre die halt jetzt der Doktor Mengele. 

Das ist bestimmt die einzige Haltung, in der man das machen und sportlich bleiben kann: Sportlich müssen Sie sowieso sein, denke ich. Denn galoppieren Sie nicht auch in diesen Zeiten den Nachrichten hinterher? Jetzt haben wir die letzten Entwicklungen zu „Sputnik V“: Bayern will diesen Impfstoff ja auch in Illertissen produzieren, in einer Fabrik, die einem russischen Milliardär gehört. Das könnte man nicht besser erfinden?  

Natürlich kommt es darauf an, von welcher Seite man das betrachtet. Wenn irgendwelche russischen Milliardäre unsere Impfstoffe entwickeln, dann ist das natürlich für die Science Busters wieder ein gefundenes Fressen. Aber als Molekularbiologe hätte ich dazu nichts Spezielles zu sagen. Also ich finde den Impfstoff an sich interessant, was diese humanen Adeno-Viren sind, was sie in den Menschen machen und warum man da zwei verschiedene verwendet und nicht zweimal den gleichen - wie das andere Impfstoffhersteller machen. Das sind dann eher die Fragen, mit denen ich mich beschäftige. Wieviel Geld die Leute haben, die diesen Impfstoff herstellen, finde ich persönlich eigentlich vollkommen uninteressant.  

„Wer nichts weiß, muss alles glauben“ – heißt die neue Staffel der Science Busters im ORF, immer mittwochs 22 Uhr oder in der Mediathek. Mit dabei auch der Molekularbiologe Martin Moder. Auch empfehlenswert: sein eigener YouTube-Kanal „Mega: Make Europe g’scheit again“.