Jan Böhmermann im Interview über Twitter "Ich bin gerne auch weiterhin ein Arschloch"

Er wurde schon vom türkischen Präsidenten verklagt, wurde mit politischer Satire berühmt und bezeichnet sich selbst als "Clown" des Internets: Jan Böhmermann hat 2,2 Millionen Twitter-Follower und jetzt trotzdem seine Tweets aus elf Jahren gelöscht: Warum er daraus lieber ein Buch machen wollte, erzählt er uns.

Von: Friedrich Müller

Stand: 17.09.2020

Ein Mann Ende dreißig im Anzug fasst sich ins Gesicht | Bild: Arian Henning & Maximilian Baier

"Facebook verstaatlichen! Google enteignen! Twitter regulieren!" Das fordert Jan Böhmermann – ausgerechnet in einem Buch mit seinen Tweets der letzten elf Jahre. Warum er diese Sätze ernst meint, wir uns das Internet unterwerfen müssen und was Bücher sozialen Medien voraushaben, darüber hat Friedrich Müller mit Jan Böhmermann gesprochen.

Friedrich Müller: Als Sie für die Arbeit an Ihrem Buch die Tweets der letzten elf Jahre noch einmal gelesen haben: Was hat Sie am meisten überrascht?

Jan Böhmermann: Am meisten überrascht hat mich die Distanz, die ich zu mir selbst mit der Zeit bekommen habe. Twitter ist ja total impulsgesteuert: Man ballert einfach raus, oft sind es Dinge, die einen bewegen. Und das vergisst man, weil man es so ins Digitale reinschmeißt. Überraschend war auch zu sehen, wie die Gespräche unter den Tweets verlaufen sind: Vor acht Jahren, als Leute in merkwürdige Dialoge getreten sind, die heute wichtige Ämter und Mandate innehaben. Und ich war dazwischen als Clown. Sich das durchzulesen, ist wirklich bizarr.

Was kann das Medium Buch, was Twitter nicht kann? Warum die Übertragung ins Analoge?

Das Spannende an diesem Medienbruch ist: Der Inhalt wird neu bewertet. Man kann Sachen mit diesem Abstand und auch mit der Materialität, der Anfassbarkeit des Mediums Buch besser bewerten. Man muss dazu sagen: Mein Buch ist kein Buch, das man sich zu Gemüte führen sollte, wenn man Antworten haben möchte. Ich bin nicht Thilo Sarrazin oder Gabor Steingart oder Richard David Precht, und laufe mit der Wahrheit in der Tasche herum. Sondern das Buch ist eigentlich eine Frage, auch an die Leute, die es lesen: Man muss es sich erschließen, sich seine Gedanken zum Medium machen und zum Material.

"Twitter ist Literatur", so steht es in Ihrem Buch. Und in Ihrem Vorwort schreiben Sie, Ihr Ziel sei der bestmögliche Versuch einer Erzählung des vergangenen Jahrzehnts. Das sind Ansprüche, die ein Stück weit entfernt sind von Ihrem Tagesgeschäft.

Mein Tagesgeschäft ist, sich die Dinge anzugucken und damit irgendetwas zu machen. Das ist mein Job. Auf Twitter habe ich Tagebuch geführt und mir sehr genau die Dinge angeguckt, die in den letzten Jahren passiert sind. Ich habe im jeweiligen Moment Gedanken verfasst. Der einzige Kunstgriff an dem Buch ist, dass ich mir irgendwann alles selber vorgehalten habe und mir aufgefallen ist: Verdammt nochmal, das ist jetzt was! Das hat gewirkt, da haben Leute darauf reagiert, das hat vielleicht auch Dinge verändert. Und 2017 habe ich gedacht: Okay, das ist zwar nicht mein Metier, aber ich habe hier Material, das Literatur ist. Das bedeutet nicht, dass es großartige Literatur ist. Oder, dass ich vermute, es würde Bestand haben. Sondern der Begriff ist erstmal nur ganz sachlich der Versuch, es einzuordnen. Das ist Literatur – und nicht das Abdrucken der kultigsten Tweets oder das Ausdrucken des Internets.

Bei Twitter verselbstständigt sich der Text: durch die Kommentare anderer und dadurch, dass man das eigene Geschriebene wiederliest und kommentiert. Wie gehen Sie mit den konkreten Bedingungen dieses Mediums um, mit den Kommentaren, dem Dialog?

Das Spannende an dem Medium ist, dass du deine Impulse und Gedanken direkt an der Wirklichkeit ausprobieren kannst, und zwar in Echtzeit. Wenn ich ein Drehbuch schreibe, lasse ich die Sachen liegen und denke tagelang darüber nach. Aber das Medium Twitter erwartet von dir: Hau raus und guck, was damit passiert. Und da muss man sich von Illusionen freimachen, da kommt auch viel Scheiße zurück. Wenn du das rausziehst aus der digitalen Vergänglichkeit, dann wird es interessant, denn dann stellst du das Material im Nachhinein auf die Probe. Wer sagt denn, dass alles, was wir ins Internet pusten, irgendwann noch abrufbar ist? Dass nicht einfach irgendwann alles verschwunden ist und keiner mehr weiß, warum wir uns aufgeregt haben. Oder dass Reichsbürger auf den Treppen vor dem Reichstag waren und die Polizei Mühe hatte, sie zurückzudrängen. Das sind digitale Phänomene, die sich in der Wirklichkeit manifestieren, und die man irgendwie festhalten muss. Ich glaube, das Digitale reicht dafür nicht. Das Internet vergisst zwar nichts, aber es vergisst auch immer alles – sofort, wenn es geschrieben ist.

Stichwort Reichsbürger: Sie paraphrasieren kurz vor Ende des Buches Erich Kästner. Der erzählt, wie sein Schriftstellerkollege Kurt Tucholsky an der Weimarer Demokratie verzweifelt und beschreibt ihn als kleinen, dicken Berliner, der allein mit seiner Schreibmaschine die Katastrophe aufhalten möchte. Sie schreiben selbst dazu: "Viele kleine, dicke Berliner hingegen, deren Schreibmaschinen dank modernster Technologie miteinander verbunden sind, können es gemeinsam schaffen." Der Satz ist sehr optimistisch. Glauben Sie an ihn?

Ich glaube tatsächlich, dass das funktioniert. Natürlich führt das Medium Twitter diese kleinen, dicken Berliner Außenseiterinnen und Außenseiter an ihren Schreibmaschinen zusammen und schafft etwas Neues, was es vor 80, 90 Jahren noch nicht gab. Ich weiß nicht, ob man die große Katastrophe damit aufhalten kann. Aber man kann Dinge beeinflussen. Es entsteht eine neue Art von Öffentlichkeit, an der die klassische Öffentlichkeit nicht mehr vorbeikann. Was das verändern wird, was das auch schon verändert hat, ob einiges von dem, was wir als Erosion wahrnehmen damit zu tun hat, dass andere Leute mit nicht ganz so optimistischen Gedanken diese Mechanismen bereits nutzen, ob wir in unserer Ratlosigkeit vielleicht sogar schon Opfer dieses Mediums geworden sind – das ist auch eine Frage, die an das Buch geheftet ist.

Wenn es Ihnen so ernst ist, mit ihrem demokratischen Anliegen: Wie lange reicht Ihnen Ihr Spielfeld noch: Fernsehen, Twittern, Satire und Ironie? Könnten Sie sich auch ganz woanders sehen, im Konkreten?

Nein, das Spielfeld ist unendlich groß. Das Tolle ist, dass man sich immer wieder selbst begegnen kann – jedes Mal, wenn ich den Impuls habe, auf meine eigene Ernsthaftigkeit reinzufallen oder auf die Projektionsfläche, die ich für andere Leute bin. Im letzten Jahr habe ich zum Beispiel gesagt: Okay, jetzt werde ich SPD-Vorsitzender. Das war eine unglaublich schmerzhafte Aktion, weil sie mich zur Auseinandersetzung mit mir selbst und meiner öffentlichen Figur gezwungen hat. Und natürlich war klar, dass das völlig illusorisch ist. Das zu machen ist nicht mein Feld. Ich habe kein Interesse an Macht und bin auch zu unseriös. Trotzdem macht es mir natürlich Spaß, mich mit dem auseinanderzusetzen, was mich umgibt. Ich bin aber auch gerne weiterhin ein Arschloch und werde auch gerne nicht nett gefunden.

Tweet-Vorschau - es werden keine Daten von Twitter geladen.

Jan Böhmermann 🤨 16.09.2020 | 19:22 Uhr I'm the superspreader of love!

Tragen Sie genau mit dem Arschlochsein, mit dem Nichtgemochtwerden nicht auch ganz gehörig zur Erregungsspirale und zur gesellschaftlichen Fragmentierung bei?

Ich weiß nicht, ob ich nur die Strukturen ausnutze, so wie sie gedacht sind. Oder ob ich sogar befördert habe, dass diese Strukturen sich nicht verändern oder, dass Dinge in der echten Welt sich ins Schlechte verändert haben. Aber wenn man hier wieder rauskommen möchte und optimistisch nach vorne sehen will, dann muss man die Dinge erstmal adressieren und sagen: Das ist eben so. Und das macht man möglichst ganzheitlich und nicht, indem man mit dem Finger auf andere zeigt. Diesen autoritären Ansatz, zu sagen, der Künstler spricht auf der Bühne und alle anderen haben zu klatschen und das richtig zu finden – das ist nicht meins. Ich bringe mich gerne selber mit ein, mit allem Irrtum, den ich so mit mir herumtrage.

Sie haben gerade gesagt, Sie mögen keine Macht. Aber tatsächlich haben Sie ja Macht.

Eine Frage, die ich mir schon lange stelle, ist, ob man ewig so weitermachen kann, mit 2,2 Millionen Leuten in der Tasche, die man ohne Kontrolle einfach so bespielen kann mit seinem Irrsinn. Dieses ganze soziale Netz und das ganze Digitale wird irgendwann seine Form verändern. Durch das Buch zieht sich die Linie, dass ich ab 2013 in regelmäßigen Abständen gesagt habe: Google verstaatlichen, Facebook verstaatlichen, Twitter vergemeinschaften und regulieren. Ich glaube, das ist der Weg, den wir irgendwann gehen müssen. Das Digitale hat eine systemrelevante Stellung in der Gesellschaft. Und alles, was systemrelevant ist, was wir alle brauchen und benutzen, muss von uns allen kontrolliert werden. Es muss den Regeln folgen, denen wir alle folgen. Nicht der Gewinnmaximierung in einem Unternehmen, das sagt, was zu tun ist und damit Werbung verkauft. All das, was wir an Infrastruktur im Digitalen nutzen, muss irgendwann in unsere Hand übergehen. Irgendwann kann es wieder privatisiert werden. Das ist ein Gedanke, den man sich machen sollte – und der betrifft eben auch mich selbst.

Sie sagen, Sie hätten ihr aktivistisches Element entdeckt, weil in den letzten zehn Jahren die Welt zerbröselt sei. 1989/90 ist die Gewissheit zerbröselt, dass wir in einer bipolaren Welt leben. 2001 die Gewissheit, dass der Westen gewonnen und die Welt befriedet hat. Irgendetwas bröselt immer. Was unterscheidet Ihre Twitter-Dekade von den zwei Jahrzehnten zuvor?

Die Welt zerbröselt, aber uns fehlt das Geländer, der tröstliche Gedanke, der uns über diese Unsicherheit hilft. 1989 haben wir alle gedacht: Wir sind wiedervereint, jetzt ist alles stabil, wir haben eine tolle Demokratie. Anfang der Nullerjahre schien der Kalte Krieg gewonnen, die Welt war aufgeteilt in Gewinner und Verlierer. Jetzt fehlt etwas, das uns Orientierung gibt. Nicht einmal mehr die liberale Demokratie oder die Institutionen helfen uns. Ich glaube, des Rätsels Lösung liegt im Digitalen. Was Menschen denken und wie Menschen sind, hat sich nicht verändert. Aber die Umstände, die uns umgeben, haben sich verändert: Sie sind radikal digitalisiert. Und die Welt, an die wir uns bislang angelehnt haben, hat nicht Schritt gehalten. Wir sollten uns klarmachen, dass das Digitale nichts Schlimmes ist, dass wir darin weiterleben und arbeiten können, dass wir es aber annehmen müssen. Und dass es vor allen Dingen Teil unserer Wirklichkeit und unseres Denkens von Wirklichkeit werden muss. Das könnte der tröstliche Gedanke sein, der uns bis zur nächsten Zerbröselung über die Runden hilft.

Haben Sie eine Idee, was man konkret tun könnte? Sie rufen ja immer wieder nach dem Verfassungsschutz, nach staatlichen Organen, nach Regulierung. Da scheint ein großer Glaube an den Staat zu sein.

Der Staat ist in diesem Fall nur Synonym für Gesellschaft, für Kontrollinstitutionen, die Gesellschaft zusammenhalten: Der Verfassungsschutz, die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien oder die Polizei. Das klingt dann zwar nach Staatrufen oder nach Verstaatlichung. Aber letztlich rufe ich natürlich nach gesellschaftlichem Engagement und nach gesellschaftlicher Ordnung. In der realen, anfassbaren Wirklichkeit funktioniert die, aber in der digitalen noch nicht. Warum kann ich bei Google eingeben "Anal", "Teen" und "Sex" und finde als Zwölfjähriger sofort Pornos ohne Ende? Und warum gibt es keine Institution, die sich darum kümmert, keine empörte Elterninitiative? Das Internet muss in die Wirklichkeit und die Wirklichkeit muss ins Internet. Wir müssen das Internet begreifen und mit unseren gesellschaftlichen Möglichkeiten nach unseren Regeln ordnen und uns unterwerfen. Das müssen wir angehen und nicht nur über Twitter-Bubbles reden oder uns bei der re:publica gegenseitig neue Kaffeespezialitäten ausschenken. Das muss eine Aufgabe von allen sein.

Jan Böhmermann: "Gefolgt von niemandem, dem du folgst. Twitter-Tagebuch. 2009-2020", Kiepenheuer & Witsch

Das Interview ist die Abschrift eines Gesprächs, das für das Büchermagazin Diwan auf Bayern 2 geführt wurde.