Helmut Schleich "Unmut ist ein harmloses Wort für die Empörung in der Szene"

Helmut Schleich ist einer der bekanntesten Kabarettisten des Landes. Er fürchtet, dass viele kleine Bühnen bis zum Ende des Jahres zumachen. Und viele Kabarettist*innen seien schlicht verzweifelt.

Von: Thomas Koppelt

Stand: 09.10.2020 | Archiv

Helmut Schleich sitzt in seiner Heimatkirche in Weilheim | Bild: BR

Thomas Koppelt: Als es losging im Frühjahr mit der Pandemie, da war oft von der sogenannten neuen Normalität zu hören. Wie sieht denn diese neue Normalität jetzt, ein gutes halbes Jahr später, in der Kabarettszene aus? Und wie normal ist sie?

Helmut Schleich: Ich weigere mich, dieses Wort zu benutzen. Es ist weiterhin ein Ausnahmezustand und auch ein Ausnahmezustand, der beendet werden muss. Und wir sollten uns nicht an diesen Zustand gewöhnen. Das einmal vorweg. Es schaut so aus, dass ein Spielbetrieb wieder möglich ist. Für mich zumindest. Ich glaube, dass es für andere Kollegen schwieriger ist mit vergleichsweise wenig Zuschauern. Daran kann man sich gewöhnen. Ich muss. Für die Zuschauer ist das eine luxuriöse Situation in einem Theater zu sein, in dem normal fünfhundert Leute sitzen. Jeder hat sein eigenes kleines Königsschloss. Für mich sind das die echten Fans. Die Kabarett-Freaks, die sich auskennen und verstehen, zuzuhören. Das fängt natürlich auch manches auf.

Du hattest jetzt auch eine lange Zwangspause. Lechzt man danach, wieder auf die Bühne zu können?

Ich habe mich geweigert, mich an Autokinos und sonstigen Dingen zu beteiligen. Ich habe seit März insgesamt sechs Vorstellungen gehabt, davon waren aber vier in der vorvergangenen Woche. Bei mir war es eher eine Entwöhnung, die sich eingestellt hat: "Ach Gott, das mit der Tournee, das Herumfahren und Auftreten, das ist wahnsinnig mühsam." Aber vielleicht ist man da auch süchtig. Sobald es wieder losging und ich wieder auf der Bühne gestanden bin, habe ich gemerkt: Das ist einfach mein Leben und meine Welt.

Das Autokino ist an der Grenze des Würdelosen: statt Applaus vielleicht die Scheibenwischer einschalten? Manche Kollegen, finde ich, haben in dieser Zeit etwas zu schnell und vielleicht auch etwas voreilig ihre Inhalte gratis im Internet zur Verfügung stellt. Da muss man aufpassen. Das ist zwar schön, wenn die Leute das anschauen können, aber wir müssen ja auch davon leben. Da untergräbt man unter Umständen seine eigene Existenz.

Wie geht es weiter? Momentan ist es ja nicht so, dass bei 200 erlaubten Besuchern, auch wirklich alle kommen.

Im Moment gehen die Verkaufszahlen zurück, weil natürlich die Leute Panik vor der zweiten Welle haben, zumindest in Bayern.

Wenn die Zahlen nicht wieder hochgehen, muss einem Angst und Bange werden um die Kabarett-Szene, um die Künstler und die Bühnen. Wie ernst ist die Lage deiner Meinung nach?

Die Lage ist ernster, als sie nach außen dargestellt wird. Wie gesagt, ich bin in der glücklichen Lage, dass ich in Bayern einigermaßen bekannt bin und dass mein Name auch in Krisenzeiten offensichtlich zieht. Es gibt aber doch eine ganze Menge von Kolleginnen und Kollegen der sogenannten zweiten Liga. Das meint keinerlei qualitative Wertung, sondern nur deren Bekanntheit. Die haben teilweise 100 Prozent Auftrittsausfälle – und das seit März und auch über den kommenden Winter hinweg. Da ist die Lage sehr ernst, existenziell bedrohlich. Wir brauchen da auch unbedingt nochmal von der Politik eine Unterstützung.

Man hört überall Unmut aus der freien Szene, vor allem, wo die Bühnen nicht die Möglichkeit haben, große Abstände einzuhalten oder über ein gutes Belüftungssystem verfügen.

Wir sind alleingelassen von der Politik. Es wird uns relativ deutlich vor Augen geführt, dass man uns nicht für systemrelevant hält, was natürlich Quatsch ist. Kultur und Kunst sind insofern systemrelevant, als dass sie die Befindlichkeiten und die Gefühlswelt der Menschen bedienen und die Leute das brauchen. Es ist offensichtlich so, dass dieser noch relativ große Wirtschaftszweig Kultur, der ja auch ein großer Arbeitgeber ist, der Politik einigermaßen wurscht ist. Unmut ist ein harmloses Wort für die Empörung in der Szene und zum Teil auch einfach nur Verzweiflung. Viele kleinere Veranstalter sagen, wenn bis zum 31. Dezember nichts passiert, dann passiert gar nichts mehr. Dann sind wir weg.

Das Gespräch mit Schleich können Sie in den radioSpitzen nachhören.