Interview mit Friedrich von Borries Money for nothing – so funktioniert das Stipendium fürs Nichtstun

1.600 Euro fürs Füße hochlegen? Ja, die kann tatsächlich erhalten, wer sich bis Mitte September für das Stipendium fürs Nichtstun bewirbt. Initiator Friedrich von Borries erklärt, was er damit bezweckt und welche Folgeprojekte schon jetzt geplant sind.

Von: Barbara Knopf

Stand: 03.09.2020 | Archiv

Friedrich von Borries, Projektinitiator des Stipendiums fürs Nichtstun | Bild: Thomas Schweigert / dpa

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit lautete der ziemlich erfolgreiche Slogan der Französischen Revolution, heute eher Ideal als eingelöste Wirklichkeit, aber immerhin eine Utopie. Davon hätte man gern mehr, nicht erst seit der Corona-Pandemie entwickelt sich immer stärker ein gesellschaftliches Gefühl, dass es doch auch in einem Leben des Hyperkapitalismus andere Werte geben sollte als Gier, Korruption, Betrug, Ausbeutung und Rastlosigkeit, oder?

Friedrich von Borries, Architekt und Professor für Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, hat ein utopisches Projekt entwickelt: Es nennt sich "Schule der Folgenlosigkeit", und man kann sich noch bis Mitte September bewerben für ein Stipendium fürs Nichtstun. Barbara Knopf hat mit Friedrich von Borries gesprochen:

Barbara Knopf: Herr von Borries, es ist ja schon ganz schön frech und provokant zum Nichtstun aufzurufen. Was steckt denn da für ein Potenzial drin?

Friedrich von Borries: Wir müssen alle lernen, aus dieser ewigen Schleife des Immer-Mehr und des Strebens nach Erfolg rauszukommen. Und ich glaube, da ist es das Beste, mal innezuhalten und drüber nachzudenken, was würde ich eigentlich gerne nicht tun? Was würde ich gerne unterlassen? Genau danach fragen wir in diesem Stipendienprogramm. Dass es funktioniert zeigen die vielen Bewerbungen, die wir aus der ganzen Welt bekommen, aus Asien, Amerika, Afrika und natürlich auch aus Europa und Deutschland. Menschen schlagen ganz praktische Sachen vor, die sie gerne nicht tun würden, von Fleisch essen oder übermäßigem Konsum bis zu ganz grundsätzlichen, auch immateriellen Aspekten wie zum Beispiel: Keine schlechte Laune mehr haben.

Sie haben ja nicht nur den Schlüsselbegriff „Nichtstun“ platziert in ihrem Projekt, sondern auch die "Schule der Folgenlosigkeit". Was heißt das?

Folgenlosigkeit ist ein Kernbegriff der Gegenwart. Folgenlosigkeit ist einmal die Lüge des grünen Kapitalismus, dass wir so weitermachen können, ohne dass es negative Folgen hat. Folgenlosigkeit ist eine Grunderfahrung aller politischen Aktivisten, die unheimlich viel tun und danach das Gefühl haben, es bringt nichts. Und Folgenlosigkeit könnte eine Art positive Utopie sein. Ein regulatives Ideal – also ein unerreichbares, aber trotzdem erstrebenswertes –, wenn wir unser alltägliches Handeln danach prüfen, welche Folgen das für andere hat. Wenn wir zu dem Schluss kommen, das hat negative Folgen für andere, für die Umwelt, für die Zukunft, für uns, dann sollten wir uns überlegen, es zu unterlassen.

Das Paradox ist ja, dass wir eigentlich seit Jahrzehnten tatsächlich so tun, als hätte das, was wir machen, keine Folgen. Als hätte die Art, wie wir leben, keine Folgen...

Wir operieren bei dem Begriff einer "Schule der Folgenlosigkeit" auch bewusst mit der Widersprüchlichkeit, die unsere Gegenwart kennzeichnet. Ich glaube, das Aushalten von Widersprüchen ist eine Kernkompetenz, die wir alle erlernen müssen – weil wir sonst ohnmächtig werden. Das Nichtstun ist eine Übung dieser Schule, die wir dann ab November im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg eröffnen. Man kann dort auch eintauchen in 3.000 Jahre Kulturgeschichte der Menschheit. Es gibt historische Pfade, wo ähnliche Gedanken schon mal verfolgt wurden, man kann andere kulturelle Praxen diesbezüglich kennenlernen.

Gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung entwickeln wir eine App gleichen Namens, "Schule der Folgenlosigkeit", die man sich dann am 6. November in den entsprechenden App-Stores kostenlos herunterladen kann – mit ganz konkreten Übungen für zu Hause und unterwegs, mit denen man sich selbst in Folgenlosigkeit schulen und üben kann.

Sie haben bereits gesagt, dass der Gedanke des Nichtstuns historisch schon existierte. Haben denn die nichtstuerischen Gesellschaften jemals funktioniert?

In der christlichen Tradition, also damit auch in der westlichen Tradition, aber auch in der muslimischen und der jüdischen Tradition ist das Nichtstun natürlich fest verankert. Man muss nur mal ans Fasten denken – das ist ja eine Form des Nichtstuns. Auch der Buddhismus kennt das Nichtstun als großes Ziel. Das Nirwana ist ja eigentlich der Raum des Nichts. Insofern sind in sehr vielen Gesellschaften Ideen das Nichtstuns verankert und haben da auch eine produktive Funktion.

Nur unsere Leistungsgesellschaft kennt es irgendwie nicht. Der Nichtstuer wird ja fast schon auf die Stufe des Taugenichts gesetzt.

Das ist sicherlich eine Kritik, die aus der protestantischen Ethik kommt. Aber, und das ist das Schlimme, dieses Erfolgsstreben unserer Gesellschaft ist kontraproduktiv. Es führt ja zur Zerstörung der ökologischen Ressourcen, zur Zerstörung des sozialen Zusammenhalts, in den Burn-out und in den individuellen Zusammenbruch. Es ist ja in dem Maße, wie wir es heute kennen, überhaupt nicht mehr produktiv, sondern eigentlich kontraproduktiv. Deshalb ist es ja so wichtig, jetzt andersrum zu denken.

Natürlich ist es ein Stück weit eine humorvolle Provokation als Hochschule, die sonst immer Stipendien für die Leistungsstärksten vergibt, jetzt ein Stipendium für das Nichtstun auszuschreiben. Und nicht mal nur für Künstler, sondern wirklich für alle Menschen, die daran ein Interesse haben. Aber ich glaube, dass dieses Umdenken und das Ausprobieren, was das heißen kann, eigentlich die wichtigste Übung der Gegenwart ist.

Was sind denn die Kriterien, um eines der drei mit 1.600 Euro ausgeschrieben Stipendien zu bekommen?

Es sind vier sehr einfache Fragen. Die erste ist: Was wollen Sie nicht tun? Warum ist es wichtig, das nicht zu tun? Warum sind Sie der oder die Richtige, das nicht zu tun? Und wann und wie lange wollen Sie das nicht tun? Wir suchen als Jury drei Personen aus, die das Stipendium bekommen. Aber ich glaube, fast jeder, der sich diese vier Fragen stellt, kann das dann auch ohne das Stipendium tun.

Darin steckt eigentlich auch der Gedanke, wenn man mal etwas ganz Anderes denkt, plötzlich mehr Freiheit und auch mehr Handlungsmöglichkeiten zu bekommen!

Es ist natürlich ein emanzipatorischer Akt, sich zu entscheiden, etwas nicht zu tun, weil dadurch Zeit und Energie frei werden, anderes zu tun! Das kann Träumen sein, das kann Faulenzen sein. Oder Zeit mit Menschen zu verbringen, die einem lieb sind – oder die einem lieb werden, weil man jetzt plötzlich Zeit hat, sie kennenzulernen. Es kann natürlich auch Zeit sein für Engagement, für Sachen, die gesellschaftlich wichtig sind. Danach fragen wir in dem Stipendium aber nicht, sondern wir fragen erstmal nur nach dem, was man unterlassen möchte. Und überlassen es jedem selbst, womit er dann die freigewordene Zeit, die freigewordene Energie und die freigewordene Kraft füllen oder nutzen möchte.

Für das "Stipendium fürs Nichtstun" kann man sich noch bis 15. September bewerben. Ab 6. November zeigt das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg die Ausstellung "Schule der Folgenlosigkeit".