Interview mit Schriftstellerin Anke Stelling Der Nachbar, das unbekannte Wesen

Was macht das Zusammenleben eigentlich aus – gerade in Zeiten von Corona, wenn die Nachbarn zum engsten Umfeld werden? Die Berliner Autorin Anke Stelling hat sich mit dem Thema Nachbarschaft schon mehrfach befasst. Ein Gespräch über Nähe, die nicht immer gewollt ist.

Von: Christoph Leibold

Stand: 04.01.2021 | Archiv

Die Berliner Autorin Anke Stelling am Prenzlauer Berg | Bild: Kai-Uwe Heinrich

Warum in die Ferne schweifen, denn das Gute liegt so nah. Diese übrigens an einen Goethe-Vers angelehnte Redensart könnte gerade ein bisschen Trost spenden. Corona und die zur Eindämmung der Pandemie verordneten Maßnahmen bringen es mit sich, dass wir gerade alle auf unsere unmittelbare Umgebung zurückgeworfen sind. Reisen in die Ferne gehen nicht – glücklich diejenigen, denen es tatsächlich gelingt, das Gute in der Nähe aufzuspüren.

Das Leibniz-Zentrum für Literatur und Kulturforschung in Berlin, kurz ZfL, erforscht schon seit 2019 das Phänomen der Nachbarschaft in der Gegenwartsliteratur. Entstanden ist dabei unter anderem die Online-Anthologie "Stadt, Land, Kiez". Die Schriftstellerin Anke Stelling war bei den ZfL-Literaturtagen dabei, als der Grundstein für das Projekt gelegt wurde. Für ihren Roman "Schäfchen im Trockenen" wurde sie 2019 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

Frau Stelling, empfinden Sie das gerade auch so: ein Zurückgeworfensein auf die eigene Nachbarschaft im Lockdown?

Anke Stelling: Ich bin tatsächlich nie so wirklich viel gereist und schon gar nicht richtig weit weg. Außerhalb des europäischen Auslands war ich noch nie, und ich habe mich schon immer gerne in meiner unmittelbaren Nähe umgeschaut und auch da erholt. Und genau deshalb ist es für mich gar nicht so eine große Einschränkung. Aber natürlich ist es was Anderes, wenn alle zu Hause bleiben. Und das merke ich natürlich.

Über ihren Roman "Schäfchen im Trockenen" schrieb Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung, sie würden das Berliner Selbstverwirklichungsmilieu sezieren – "mit einer Wut, die selten ist in der Gegenwartsliteratur". Sie haben gerade gesagt, sie hätten sich immer schon gerne umgeschaut in ihrer Umgebung. Ist dieser Roman also praktisch aus Beobachtungen der Nachbarschaft entstanden?

Als Schriftstellerin greife ich auf meine Wahrnehmung der Welt zurück. Und da bleibt es nicht aus, dass ich mich auch mit dem beschäftige, was ich in der Nachbarschaft so sehe. Inzwischen werde ich auch als Chronistin eines bestimmten Milieus bezeichnet. Es ist aber nicht so, dass ich mir das unbedingt überlegt habe im Vorfeld, sondern dass es einfach der Ort ist, an dem ich lebe. Und da treffe ich bestimmte Leute, die dann zu Figuren werden.

Was man sicherlich über Nachbarschaft sagen kann: Es ist nicht nur das Gute, das so naheliegt. Nachbarschaft kann einem auch auf eine sehr ungute Weise nahegehen. Und man kann sich die Menschen, mit denen man Tür an Tür lebt, oft gar nicht aussuchen. Ist Nachbarschaft für Sie vielleicht sogar vorwiegend negativ besetzt?

Nee, gar nicht. Da habe ich tatsächlich ein großes Privileg, weil man als Schriftstellerin wie gesagt die Menschen, die man trifft, zu Figuren machen kann. Und damit werden sie auch umgänglicher. Dann kann zum Beispiel ein böser Nachbar auch ein Geschenk sein, weil der eine wirklich gute Figur abgibt. Und so hält man sich das zum einen ein bisschen vom Leib, zum anderen holt man es näher an sich ran. Also man hat als Schriftstellerin mehr Möglichkeiten des Austarierens.

Aber es klingt schon so, als wäre das Thema Nachbarschaft ambivalent für Sie – und das macht es wahrscheinlich auch literarisch interessant.

Ja, auf jeden Fall. Ich interessiere mich in meiner Literatur ja sehr für das Zusammenleben von Menschen. Und Nachbarn haben eine ganz spezielle Beziehung: Die sind sich sehr nah, und gleichzeitig kennen sie sich oft nicht so gut, gerade bei "Schäfchen im Trockenen" zum Beispiel. Da geht es um eine Baugruppe. Und in so einer Baugruppe tut man sich ja aktiv zusammen, um dann Nachbarn zu werden. Da wiederum kennen sich die Nachbarn und Nachbarinnen sehr gut. Und das wird ihnen aber auch zum Problem. Insofern habe ich bei dem Buch und auch bei dem davor schon ziemlich viel über Nachbarschaft nachgedacht – oder über so eine bestimmte Form der Nachbarschaft, die eigentlich mehr will, als einfach nur durch Zufall zusammenzuwohnen.

In der Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin, gab es einen Sozialdienst, der nannte sich "Nachbarschaftshilfe". Da ist dieser Begriff eindeutig positiv besetzt. Nachbarschaft im Sinne von Solidarität ist aber literarisch wahrscheinlich nicht so interessant?

Doch, ich glaube schon. Klar, Konflikte und Kämpfe sind erstmal ergiebiger für die Literatur. Aber auf der anderen Seite braucht es ja auch immer einen Kontrast und vielleicht auch einen Lichtblick und Freundschaft und Liebe oder unerwartete Hilfe, vielleicht auch von jemandem, den man gar nicht so gut kennt. Zum Beispiel in meiner Kurzgeschichte "Glückliche Fügung". Da gibt es eine alte Nachbarin, vor der die Hauptfigur Simone erst schreckliche Angst hat, weil sie so unnahbar ist. Und irgendwann stellt sich raus: Genau diese Nachbarin ist eigentlich ihre Freundin in der Siedlung und ist dann tatsächlich solidarisch, als Simones Baby kommt, und hilft ihr auch – mit so einer erst Mal spröden Art, die sich dann aber als ganz wohltuend herausstellt. Und ich glaube, dass Nachbarn und Nachbarinnen immer auch gut für eben solche solidarischen Überraschungen sind.

Wenn man über Nachbarschaft schreibt, ist das dann ein Mikrokosmos, in dem sich das große Ganze abbildet? Oder ist es nur ein Ausschnitt, und die Welt hinterm Horizont oder hinterm übernächsten Zaun ist dann nicht so im Blick?

Ich glaube, der Nachbar steht einfach erst mal für den anderen. Und wie ähnlich oder unähnlich der einem dann ist, muss sich rausstellen im Erzählen. Wenn der andere auf den ersten Blick schon als „der Andere“ auftritt, dann ist es für mich nicht so spannend. Aber wenn er erst mal gleich scheint und dann stellt sich heraus: Nee, das stimmt gar nicht – das finde ich das Spannende. Und außerdem hatte ich ja eingangs schon gesagt: Mit wirklich fremden Kulturen und fernen Ländern und den Menschen, die da leben, kenne ich mich einfach nicht so gut aus, denn da war ich gar nicht.

In einer offenen Gesellschaft gelten Grenzen ja schnell mal als was Schlechtes und Zäune als spießig. Der Lyriker Robert Frost dagegen hat mal geschrieben: "Good fences make good neighbours". Also erst der Zaun und die klare Grenzziehung sorgen für eine gute Nachbarschaft. Finden Sie, da ist was dran?

Auf jeden Fall. Das ist genau wie bei einer guten Paarbeziehung: Wenn ich sagen kann, wer ich bin, und weiß, wo der andere beginnt, und auch weiß, was meine Grenze ist, und das dann auch noch mitteilen kann, sodass der andere es versteht, ohne sich angegriffen zu fühlen – dann kann eine Beziehung gut funktionieren. Und so ähnlich könnte ich mir vorstellen, hat auch Robert Frost das erfahren und vielleicht auch gemeint.

Texte über Nachbarschaft

Weil das Thema Nachbarschaft in Zeiten von Corona allgemein und nicht nur für die Berliner Gegenwartsliteratur interessant ist, haben wir Autorinnen und Autoren eingeladen, über ihre jeweiligen Nachbarschaften nachzudenken. Am Donnerstag hören sie in der Kulturwelt auf Bayern2 einen Text von Helga Schubert. Drei weitere Kolleginnen und Kollegen werden in den Tagen darauf folgen.

Auf der BR Kulturbühne gibt es sämtliche Texte schon ab Donnerstag, den 07. Januar.