Ines Geipel über Deutschland im Jahr 30 der Einheit Ost wie West als Phantomgeschichte

Ines Geipel war DDR-Spitzenathletin, ist Publizistin und Schriftstellerin und hat das "Archiv unterdrückter Literatur in der DDR" mitgegründet. In diesem Essay erklärt sie, was Deutschland auch 30 Jahre nach 1990 hindert, zusammenzuwachsen.

Von: Ines Geipel

Stand: 01.10.2020 | Archiv

Autorin Ines Geipel, 1960 in Dresden geboren, liest für die radioTexte aus ihrem Buch "Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass" (Klett-Cotta). | Bild: Amac Garbe

Der Historiker Gerd Koenen hatte die Spaltung Deutschlands am 13. August 1961 vor Jahren als den "Hauptmodus der Vergangenheitsbewältigung" bezeichnet. Ohne das Zerreißen des Landes wäre das psychische Erbe des Nationalsozialismus nicht zu bewältigen gewesen. 16 Jahre nach Kriegsende wurde also endgültig halbiert, auch um das nicht Integrierbare ganz auf die andere Seite auslagern zu können. 16 Jahre war geputzt, geschwiegen, umgeschrieben worden. Statt gemeinsamer Schuldgeschichte eine geteilte Geografie, zwei gegensätzliche politische Systeme, geteiltes Leben, zwei getrennte Gesellschaften und Kulturen. Doch die Belastungen der Geschichte blieben Ost wie West als Phantomgeschichte im Raum. Die Opfer der ersten Diktatur waren tot oder zutiefst traumatisiert. Die, die überlebt hatten, waren still. Würden sie es bleiben? Das Weiterleben hatte die Erinnerungen überdeckt, aber musste die deutsche Geschichtskrypta nicht zwangsläufig irgendwann aufbrechen? Wann? Nach 20, 30, nach 50 Jahren? Und was sollte aus dem Land werden, wenn es irgendwann wieder ein ganzes Gedächtnis haben durfte? 

Schöne Reden und Pogrome

Eine Frage, unter der Deutschland am 03.10.1990 ein Land wurde. Zum erhofften Einheitsgedächtnis gehörte eine so rasche wie eingängige Einheitserzählung. Die Spaltung war überwunden, man gehörte wieder zusammen. Wo war das Problem? Die alten Hoffnungstexte von Helmut Kohl, von Hans-Dietrich Genscher kurz nach der Einheit. Die Freude, der Stolz, die Patina der gediegenen Glücksreden, die von vornherein ausblendeten, was hätte von Anfang an irritieren müssen. Denn außerhalb der Reden fanden fast zeitgleich die Pogrome von Hoyerswerda, von Rostock-Lichtenhagen statt. Orte der Gewalt und eine verstörte Öffentlichkeit, die zu sehen bekam, was die Mauer blickdicht verdeckt hatte: das Innen und das Außen, der Deutsche und der Fremde, das Gute und das Böse, das System der Größenselbste und die Entschlossenheit zur Zerstörung. Im neuen Deutschland war das der Flüchtlings-Komplex in seiner ersten Runde. Die Bilder offenbarten, was mit Treibjagd, Archaik, Leere, mit äußerster Brutalität zu tun hatte. Eine Gesellschaft, machten sie klar, konnte auch auseinanderfallen, in Jäger und Gejagte. Nahkämpfe, Exzesse im Vakuum, die ihre Nachahmer direkt auf den Plan riefen. Das Pogromklima expandierte kurz darauf in den Westen. Saarlouis, Mölln, Solingen. Rassistische Mordanschläge, jetzt auch mit Toten. Die Politik sprach von Staatsnotstand. Im Mai 1993 wurde ein restriktiveres Asylrecht verabschiedet. Es war eins der letzten Gesetze in Bonn.

Interessierte Schröder der Osten nicht?

Die neue Berliner Republik und ihr erster Chef Gerhard Schröder, der die Wiedervereinigung Ende September 1989 noch als "reaktionär und hochgradig gefährlich" bezeichnet hatte und der unter seiner Ägide die Ossis liebend gern nach Polen weiterreichen wollte. Vielleicht könnte man der Einfachheit halber sagen: Die Einheit war nicht sein Projekt. Nur war er zuständig dafür.

Der Diktatur war also die Spitze gekappt, doch in ihrer Binnenlogik funktionierte die DDR weiter: in der politischen Arbeit der Landesparlamente, in der Gedächtniskultur, im öffentlichen Dienst, in den Medien, in der Literatur, im Sport. Regional gab es Unterschiede. Die konnten sogar gravierend sein. So wurden in Sachsen alle Lehrer entlassen, die ausschließlich Staatsbürgerkunde unterrichtet hatten. Dennoch gewannen die Kontinuitäten die Oberhand zurück. Kein einziges Bundesland trennte sich von mehr als der Hälfte enttarnter Stasi-Zuträger im öffentlichen Dienst. Der Geheimdienst in den sächsischen Polizeistuben, beim MDR, im Brandenburger Parlament. Einem gut ausgebildeten, so pragmatischen wie belasteten Teil der Elite des Ostens – egal, ob in Wirtschaft, öffentlichem Dienst, Politik oder Medien – wurde die Einheit leicht gemacht. Bis zum 03.10.2000, dem Ende der juristischen DDR-Aufarbeitung, wusste diese zu schweigen, dann strategisch Stellen zu besetzen, an den eigenen Karrieren zu basteln und konnte sich ganz sicher dabei sein, alsbald als unkündbar zu gelten. Sie nutzte die Vorzüge einer Gesellschaft, die sie bis 1989 hartnäckig bekämpft hatte. 

Innerfamiliäre Tötungsdelikte, früheres Drogeneinstiegsalter

Schröders Nullerjahre: Neben Sanierung, Neukonsolidierung und Bauboom waren das laut Statistik für die Postdiktatur im Osten vor allem Jahre drastisch steigender Gewalt, zunehmender Kinderarmut, einer dreifach höheren Zahl innerfamiliärer Tötungsdelikte als im Westen oder des um vier Jahre früher liegenden Drogeneinstiegsalters bei Jugendlichen. Ab dem Jahr 2000 mordete sich der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) durchs Land. Dem Trauma des Ostens bis 1989 folgte nach der Revolution ein Kampf innerhalb des Traumas. Denn wie war es denn? Das Land war geeint, aber das Eruptive gehörte den Ostdeutschen, wo inmitten einer komplett deregulierten Welt mehr als 50 Jahre Diktatur bewältigt werden mussten. Eine Wucht, die den Ostdeutschen anfangs nur ein haptisches Verhältnis zur Geschichte möglich machte. Sie standen einem unsortierten und mehrfach verstellten Geschichtsklumpen gegenüber, in dem sie herumsuchten, den sie seismografisch erspürten, der aber zwangsläufig zu Abspaltungen und Verdrängungen führen musste. Historische Tiefenlagerungen, vielfaches Unrecht, Zuchthaus, durchherrschtes Leben, irreparable Beschädigungen. Vielleicht wäre es ein Schritt, wenn sich Ost und West heute zugestehen könnten, dass man es nicht besser wusste, dass man die Dimension nicht im Blick hatte, dass man es sich schlicht einfacher vorgestellt hatte. Einfach war es nie.

Städte lassen sich sanieren, Straßen bauen, Renten und Gehälter angleichen. Was diese Fragen angeht, sagen die notorisch erscheinenden Einheitsberichte, dass es nach 1989 erstaunlich gut gelaufen sei. Die Deutsche Einheit? Eine einzige Erfolgsgeschichte, bei der der Osten in vielem mittlerweile um Längen besser dasteht als der Westen. Aber wie ist es mit dem anderen – der Infrastruktur der Seelen, den alten Denkfolien und neuen Gefühlslandschaften, den deutsch-deutschen Echokammern, den aufgelassenen Geistern der endlos langen Teilung? Wo befinden wir uns mit alldem? 

Die Opfer der Diktatur im Osten

Wer ist eigentlich damit gemeint? Zahlen sind immer schwierig, aber die UOKG, die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, spricht von mindestens 3 Millionen Menschen. Es sind die in den Zuchthäusern saßen, in NKWD-Lagern, im sowjetischen Gulag. Die aus dem Westen in den Osten verschleppt, in Moskau erschossen, im Zuge der SED-Zwangsvereinigung als SPD-ler verfolgt und umgebracht wurden, Hunderttausende, denen in Kinderheimen, Spezialheimen und Jugendwerkhöfen die Kindheit zerstört wurde, es sind die Mauertoten und an der Grenze Verletzten, die ermordeten Volksaufständler vom 17. Juni 1953, die zahllosen verfemten Künstler und Literaten, die Opfer medizinischen Missbrauchs, die Zwangsgedopten, die Opfer juristischer Willkür, die konfessionell Verfolgten, die Psychiatrieopfer, die Opfer von Zersetzung oder Überwachung. Es sind auch die nicht Zählbaren, die in keine dieser Kategorien gehören, deren Pein in keinen Akten steht, die ad-hoc Malträtierten, weil eine Gewaltherrschaft es mal eben so gestattete. Die Liste ist endlos. Wo sind sie? Das ist wesentlich davon abhängig, wer gerade spricht.

Dieter Dombrowski, Vorsitzender der UOKG, sagte Anfang September im Interview: "Bei den Feierlichkeiten zu 30 Jahren Deutscher Einheit kommen Hunderttausende Opfer der SED-Diktatur leider nicht vor. Es gibt keine einzige Veranstaltung, die irgendwas mit dem SED-Unrecht zu tun hat." Die Reaktion kam prompt, vom Ostbeauftragten der Bundesregierung Marco Wanderwitz: "Wir haben als Koalition da ganz gut geliefert." Hat man, hat man nicht? Warum die gesellschaftliche Auskehr der endlosen Opfer des DDR-Unrechts Tatsache ist, dürfte auch mit der mehrstöckig bewohnten Opferlandschaft im Osten zu tun haben. Es gibt heillosen Streit. "Die Geschichte qualmt noch", hätte der Schriftsteller Erich Loest wohl hier gesagt. 

Gibt es eine gesamtdeutsche Erinnerung an den Holocaust?

Mit 1989 hatte der Westen den Holocaust als zentralen Identitätsbezug, als europäische Tatsache des Grauens, aber auch des Leids gleichsam unbesprochen auf den Osten übertragen. Er wurde zum inneren Kern der Staatsräson des neu vereinten Deutschlands. Die alte Bundesrepublik hatte sich Schritt für Schritt aus der Normalität einer Tätergesellschaft zu einer kollektiven Politik des Erinnerns durchdebattiert, die das Gedenken an die Opfer letztlich für unverbrüchlich erklärte. So zäh dieser Weg auch war, gab er zusehends Identität, Kern, politische Kontur. Am Ende hatte sich fast synchron zum Mauerfall ein kompliziertes, sehr ausdifferenziertes Konstrukt zwischen seriöser Erinnerungsarbeit, Routine, gewollter Verstörung und Moralistik geformt, das Karl-Heinz Bohrer »die zweite Haut des bundesrepublikanischen Bewusstseins« nannte. Sie stand unter der Prämisse: "Das Gute hat sich durchgesetzt, das Böse ist gebannt." 

Im Osten galt der Faschismus als ausgerottet

Über diese Entscheidungskategorie hat der Westen mit dem Osten nie gesprochen, nicht sprechen wollen, vermutlich auch nicht können. Mit dem Einheitstag war diese sakrosankt und zur nötigen Orientierung auf der Reise hin zur selbstbewussten Nation gemacht worden. Ein Status quo und darin zugleich eine kolossale Überforderung des Ostens. Denn der war im hochnervösen Feld der Gedächtnisarbeit ohne jeden Vorlauf. Mittels Buchenwald-Doktrin hatte die Staatspartei die Ostdeutschen per se entlastet und zur reinen Opfer-Gesellschaft, zu einem Mythenstaat der Besseren gemacht. In der DDR galt der Faschismus als ausgerottet, waren die Hauptkriegsverbrecher bestraft, die Institutionen entnazifiziert, das Kapital vergesellschaftet, der Adel enteignet, und die Restnazis waren unisono im Westen untergekrochen. Im Osten also die homogenisierende Entlastungserzählung, im Westen ein zähes, auch ermüdendes Ringen hin zur politischen Verantwortung. Hier ein öffentlich formalisierter Kanon, da das plurale Spektrum. Und damit erneut das Prinzip der Ungleichzeitigkeit, das zwangsläufig in einen immateriellen Existentialneid münden musste, der nach 1989 womöglich schwerer ins Gewicht fiel als alles Monetäre. Hätte man es anders machen können? Wer hätte es anders machen können? Welche politischen Operationen wären dazu vonnöten gewesen?

Das unaufgearbeitete Trauma der Diktatur

In dieses enorme Spannungsfeld schob sich nach 1989 das Opfernarrativ der zweiten Diktatur. Schmerz hat seine eigene Zeit. Der französische Kulturanthropologe René Girard schrieb: "Jede Kultur, die eine Klasse höherer Menschen bilden will, muss den Preis dafür zahlen, nämlich Gewalt noch in ihren schlimmsten Formen akzeptieren." Die Gewaltmaschine der Ostdiktatur? Verschwand in den vergangenen 30 Jahren zusehends aus der Öffentlichkeit. Sie wurde weggeblinzelt im medialen Beliebigkeits-Speech und dem ungestillten Bedürfnis der Konsenskultur Ost nach Verdrängung. Opfer? Was heißt Opfer? Wer soll das sein? Wo jeder per se Opfer ist, kommt das tatsächliche Opfer in seinem individuellen Leid nicht vor.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, warum es den DDR-Opfern so schwer gemacht wird, aus ihrem historischen Geschlucktsein herauszutreten. Und der fällt in die dritte Kanzlerschaft nach der Revolution, in die von Angela Merkel. Das Jahr 2015, noch einmal der große Flüchtlingssommer, noch einmal die Neusortierung der deutsch-deutschen Konfliktlinien. Als lebten wir über Nacht in einem anderen Land. Erzählt ist das zur Genüge: Pegida und die erstarkte AfD, der markante Rechtsruck. Traumatologen sagen, dass nach 25 Jahren in einer Gesellschaft aufbricht, was bis dahin nicht bearbeitet wurde. Man könnte praktisch den Wecker danach stellen. 

 Flüchtlingskrise und neue Demütigungen

Doch was trat da zutage? Selbst darüber hält der Streit an. Wir haben es nicht mit einem fertigen Text zu tun. Wir sind nicht durch. Die ostdeutsche Szene – eine einzige Wunde. Die Demütigungen vor 1989? Die Demütigungen nach 1989? Neu aufgeladen, neu amalgamiert, neu inszeniert wurde mit 2015 vor allem das Ost-Idiom: die Besseren, Solidarischeren, Gütigeren. Die alten Politmythen des Ostens schienen mehr denn je nötig, um die internalisierte Opferexistenz zu stabilisieren. Die Realität der Doppeldiktatur? Musste einmal mehr außen vorbleiben. Knüppelhartes Brot für die Millionen, die in vierzig Jahren in den Mahlstrom des Systems geraten sind. Eine Art radikaler Beseitigung, vielleicht um Platz zu schaffen für neue Erzählungen. Merkels Flüchtlingspolitik, die vermeintlich das Prinzip Versorgungsstaat aufkündigte und der man im Osten mit dem Slogan "Integriert doch erstmal uns!" parierte. Ein Cut, der nicht nur Angstpopulisten aller Couleur zusammenschweißte, sondern auch die gesamte Bandbreite von Affekten aufrief.

Angst als politische Realität, als etwas, das formierte und nun sogar in der Lage war, Stasileute und Haftopfer zu vereinen. Was das im Jahr der Corona-Einheit bedeutet? Das aufgelassene Erbe des Ostens findet keinen Ort, keinen Konsens-Punkt. Es bleibt ein schwarzes Loch. Was fehlt, ist noch immer die historische Sortierung. Was fehlt, ist eine glaubwürdige öffentliche Delegitimierung der ostdeutschen Diktatur in der Breite der Gesellschaft. Opfer? Täter? Stasi? Nein, bloß nicht. Uraltkram. Debattenfetische. Und immer Schwarz/Weiß. Uninteressant, nicht differenziert genug. Unter dieser Abwehr scheint alles sagbar, alles denkbar, alles möglich. Es herrscht ein nahezu heilloses Tohuwabohu. 

Sind wir in einer Phase der "Dekolonisierung"?

Das Unaufgelöste, die Überreste. Die Panzer der Kriegskinder, der Enkel, der Urenkel, der Ururenkel. Als säßen wir wie am Lagerfeuer unter einem einzigen Panzer alle zusammen. Das Virtuelle, die postfaktischen Zeiten, das gärende Wir, unsere verwaisten Erfahrungen. Ein Geschichtscontainer, über die Jahre bestückt mit allerlei Achtlosigkeiten. Ein Amalgam, das sich seit 2015 zu einem denkwürdigen Konstrukt aufbauen konnte, zu einer bequemen Denkblase: da der Osten als Superopfer, dort der - egal wie - ewige Schuldwesten. In dieser Blase sind die Ostdeutschen zu Abgehängten, Verlierern, zu Bürgern zweiter Klasse geworden. Die Rede ist von Kolonisierung, von Migrations-Ostdeutschen, von Übernahme. Was auch schon wieder Schnee von gestern ist. Wir sind in der "Dekolonisierungs"-Phase. In der es darum gehen soll, das Land vom "Gewicht seiner normativen Westsicht zu befreien, seines selbstverständlichen Weißseins und eingebildeten Liberalismus, seines "normalen" Anthropozentrismus und seiner unseligen Bemühung, eine lineare Geschichte zu konstruieren", schreibt Thomas Oberender, 1966 in Jena geboren und Intendant der "Berliner Festspiele", in seinem jüngst erschienenen Buch "Empowerment Ost"

Das Zitat ist ein Stellvertreter für die immer breiter werdende Phalanx der gedächtnispolitischen Ost-Umbauer. Sie bestehen auf mehr als einer fixen Idee. Die Bücher häufen sich, die Forschung zieht an, die Medien berichten im Dauer-Loser-Sound. Wollten die Ostdeutschen vor 30 Jahren nicht eine Diktatur loswerden? Endlich Teil der Welt sein, einfach frei und vereint mit der Mehrheit der anderen Deutschen zusammenleben? "Bis heute wird im offiziellen, westdeutsch geprägten Sprachgebrauch von der DDR vornehmlich als Unrechtsstaat gesprochen, was bei allen, die dort lebten, Scham induziert und ein Gefühl der Illegitimität ihrer damaligen Lebenswirklichkeit", führt Thomas Oberender weiter aus. 

Das Diktat des vergangenen Jahrhunderts und sein langer Atem. Als ob das, was unsere inneren Schauplätze bestimmt hat, stante pede wieder aufgerufen werden kann. Das Polare, das Hüben und Drüben, Ost und West, das große Nein und die Müller-Epistel von der neuen Knechtschaft. Im Raum dazwischen das zarte Wort Scham. Es steht da, als sei es eiskalt überrumpelt worden. Erledigt. Überhaupt die Wörter. Wie sich in der Sprache die Verbrechen auflösen wie Brausetabletten. 

Ein neues Ostbewusstein - warum nicht?

Eine Flucht aus der Geschichte. Eine inszenierte Knechtschaft. Ein gedächtnispolitischer Turn, der versucht, den Osten wie ein weißes Blatt aussehen zu lassen. Ein neues Ostbewusstsein – warum nicht? Aber doch bitte nicht über die kategorische Verweigerung seines Erfahrungsraums und die Abkopplung von seiner Diktaturgeschichte. Die Deutschen sind geeint, aber die politischen und kulturellen Selbstverständnisse von Ost und West laufen seit geraumer Zeit wieder auseinander. Die Ungleichzeitigkeit der Erfahrungen, der Hoffnungen, der Brüche, der Überforderungen. Die Psychologie der Doppeldiktatur des Ostens in ihrer explosiven Turbulenz, all das Ungeklärte, Weggedrückte, von Generation zu Generation Weitergegebene.

Die 68er des Westens fanden zu ihrer Identität, in dem sie die gemordeten europäischen Juden im Sinne einer Gegenidentifizierung im Hinblick auf ihre Eltern als Opfer anerkannten und ihre Rehabilitierung durchsetzten. Die drei jungen Generationen in Ostdeutschland, die ohne Diktaturerfahrung sozialisiert wurden und sich heute so vehement ein Land ohne Geschichte, ohne Schuld, ohne Kontinuitäten imaginieren. Das gelobte Land heißt Osten, gemeint ist die DDR. Was ist die innere Geschichte dieser drei Generationen? Eine Überidentifikation mit ihren Eltern, von der sie sich nicht emanzipieren können? Worüber erzählt das? Was gilt es zu verstehen, was aufzulösen, damit sie sich ohne Schuld fühlen können? Sie haben keine. Wo sind die Bücher über ihre Suche, ihren Schmerz, über das, was tatsächlich mit ihnen geschehen ist? 

Die enormen Anpassungsleistungen der Ostdeutschen

Gedächtnis, Erinnerung und Identität gehören zum Generalbass der Berliner Republik. Für diese Beharrlichkeit erfährt Deutschland in aller Welt hohe Wertschätzung. Es ist diese Beharrlichkeit, die zu einem hart abgerungenen, aber zeitgenössischen Markenzeichen Deutschlands geworden ist. Dabei ist es völlig richtig, das geeinte Land an die enormen Anpassungsleistungen der Ostdeutschen zu erinnern, die diese in ihrem Spagat hin zur Freiheit in den letzten 30 Jahren vollbracht haben. Wenn der Anspruch an eine intakte Erinnerungskultur heute aber verbindlich sein soll, müssten den Westdeutschen die Gulag-Opfer im Osten längst genauso am Herzen liegen, wie den Ostdeutschen die Geschichte des Holocaust. An diesem Punkt sind wir nicht. 

Sind wir ängstlicher, als es uns unsere hochkomplexe Geschichte gestatten kann? Erinnerungserschöpft? Oder ratlos, weil die deutsche Geschichte so verwirrend komplex ist? Ist es deswegen so schwierig, sich mit den Opfern des Ostens substantiell zu befassen, weil sie in der frühen Bundesrepublik in den ideologischen Frontstellungen auch missbraucht wurden? Unsere historische Unwucht ist Realität. Es nützt nichts, das zu ignorieren.

Sehnsucht nach Gefühlssicherheit

"Das Höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist."

(Hannah Ahrendt)

Das Mehrheitsbewusstsein der Westdeutschen scheint sich noch immer zurückzusehnen in die Zeiten des guten alten Willy Brandts, wo man sich vorsichtig, aber beständig in jenen Typ des freundlichen Deutschen umgebaut hat, vor dem die Welt nicht mehr Angst zu haben brauchte. Die Sehnsucht nach dieser Gefühlssicherheit ist verständlich, auch ein Beharren auf der gewohnten Gedächtnisarchitektonik. Aber es braucht nun ein Bewusstsein für die gesamtdeutsche Geschichte in Ost und in West. Wir leben längst in einem anderen Land. 

Natürlich ist Gesellschaft viel mehr als der Opfer-Täter-Diskurs. Menschen sitzen auch in einer Diktatur auf der Wiese, lieben, trinken ihr Bier. Es gibt Freiräume, die Lust an der Revolte, den Staatsadel oder auch Inselexistenzen. Natürlich gehört das erzählt und auch erforscht wie bei jedem genaueren Blick auf eine Diktatur. Aber ohne Klarheit darüber, was einem System im Extrem möglich gewesen ist, landen wir in einem falschen Endbild.

Noch immer stehen wir vor der Unwucht unseres kollektiven Gedächtnisses. Dabei darf es gegenüber dem Holocaust keinerlei Relativierung, aber auch keine Kategorisierung der Opfer geben. Warum nicht ohne Wenn und Aber die Opfer des Holocaust in Ost wie West, aber auch das DDR-Unrecht im Doppelgedächtnis verankern? 

Ines Geipel ist Schriftstellerin. Zuletzt erschien ihr Buch "Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Ostend und der Hass", Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart. Der Text wurde exklusiv für die radioTexte auf Bayern 2 geschrieben. Die Lesung dazu gibt es im Podcast-Center des Bayerischen Rundfunks und überall, wo es Podcasts gibt.