Medizinhistoriker Malte Thießen "Das Lebensgefühl Immunität ist erschüttert"

Das Impfen war schon immer eine hochpolitische Frage: Wer soll geimpft werden? Ist es unsolidarisch, die Impfung zu verweigern? Und was ist das grundlegend Neue in der aktuellen Pandemie? Denn der Medizinhistoriker Malte Thießen sieht in den aktuellen Impfprogrammen auch einen Paradigmenwechsel: hin zum Schutz vor allem der Betagten.

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 28.01.2021 | Archiv

Impfung | Bild: 3sat/ZDF

Impfdebatten wurden bisher – durchaus hitzig – vor allem unter jungen Eltern geführt, nun steht das Thema ganz oben auf der politischen Agenda. Der Historiker Malte Thießen vom Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster hat die Geschichte des Impfens und seiner gesellschaftlichen Bedeutung erforscht. Beate Meierfrankenfeld hat mit ihm über Impfkritik, Immunität und das Leitbild des "präventiven Selbst" gesprochen.

Beate Meierfrankenfeld: Wann beginnt die Geschichte des Impfens – und ist Impfskepsis oder Impfkritik genauso alt wie das Impfen selbst?

Malte Thießen: Das Impfen beginnt schon vor 2000 Jahren, da gibt es erste Verfahren in Asien, die Vorformen des Impfens sind. Das eigentliche Impfen, mit dem wir heute zu tun haben, die Geburtsstunde moderner Impfprogramme, das ist Ende des 18. Jahrhunderts. Und mit diesen Impfprogrammen geht es tatsächlich los, dass von Beginn an gestritten und diskutiert wird – seitdem sind Impfungen eine ganz heikle politische und gesellschaftliche Frage.

Was ist für Sie der Kern der Impfkritik? Ist es der Umstand, dass der Staat auf den Körper des Einzelnen zugreift?

Es gibt unterschiedliche Hintergründe für Impfkritik. Eine ganz wesentliche ist, dass mit Impfprogrammen das erste Mal der Staat versucht, systematisch Gesundheitsverhältnisse zu ordnen. Ende des 18. Jahrhunderts war die Impfung sozusagen ein Weckruf für die moderne Gesundheitspolitik: Endlich, so die Vorstellung, können wir planmäßig die Zukunft gestalten, die Gesellschaft "verbessern", wie es damals heißt. Deshalb kommen moderne europäische Staaten sofort auf die Idee, Impfprogramme und Impfpflichten einzuführen. Und das ist genau dieser Punkt, an dem die Grundsatzfrage aufkommt: Wer darf eigentlich über den Körper entscheiden? Ist das der Einzelne oder ist das der Staat? Und seitdem wird eben über Impfungen gestritten.

Politisch kann Impfkritik ja aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommen …

Das ist eine ganz wichtige Beobachtung aus der Geschichte, dass Impfkritik unglaublich viele verschiedene Motive und Hintergründe hat. Es gibt tatsächlich die Kritik von links oder auch aus dem liberalen Spektrum, nämlich die Kritik an Impfpflichten oder Impfprogrammen als Eingriff in die Grundrechte. Da wird auch schon im 19. Jahrhundert darüber gestritten, ob man die "Persönlichkeitsfreiheit", wie es heißt, die "Familienfreiheit" beschneiden darf. Es gibt aber auch die Kritik von ganz rechts, also die Vorstellung, dass das Impfen eine "Rassenschande" sei, wie es auch vor dem Dritten Reich schon heißt, dass Impfungen den "Volkskörper" vergiften würden. Oder auch Modernekritik, die sich mit dem Impfen verbindet. Das heißt: An der Geschichte der Impfkritik wird deutlich, dass wir es mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und Motiven zu tun haben.

Welche Rolle spielt der Antisemitismus in der Impfkritik des Dritten Reichs?

Es gibt von Beginn an immer wieder antisemitische Argumente in der Impfkritik, auch schon im 19. Jahrhundert, und im Dritten Reich bekommt das natürlich noch einmal einen Schub. Da gibt es Zeitschriften der Impfgegner, die dann vom "Onkel Hitler" jubeln, der als Impfgegner jetzt eine neue Zeit einläute, und da stoßen natürlich antisemitische Stereotype wieder auf besonders fruchtbaren Boden. Es gibt unter den führenden Nazis Impfgegner, zum Beispiel Heinrich Himmler oder Julius Streicher. Und insbesondere Streicher tut sich mit besonders perfiden Slogans hervor, zum Beispiel das Impfen sei eben eine "Rassenschande" oder eine "jüdische Vergiftung".

Weil das Impfen etwas mit gesellschaftlicher Solidarität zu tun hat, wird immer wieder die Frage debattiert, ob es eine Impflicht geben soll. 1874 führte das Deutsche Reich eine solche Pflicht im Zusammenhang mit der Pockenschutzimpfung ein. Was lässt sich aus der Geschichte lernen für die Frage nach Freiwilligkeit oder Pflicht?

Am Anfang steht tatsächlich die Impfpflicht oder der "Impfzwang", wie er damals explizit genannt wird. Dieser Zwang gerät zwar von Anfang an in die Kritik, aber das wandelt sich erst langsam im Laufe des 20. Jahrhunderts. Ein gutes Beispiel ist die Einführung der Diphtherie-Schutzimpfung – eigentlich das zweite große Impfprogramm in Deutschland –, die Ende der 1930er-Jahre als freiwillige Impfung eingeführt wird. Da horcht man erstmal auf: Freiwilligkeit im Dritten Reich? Aber tatsächlich hat man damals festgestellt, dass man mit einer freiwilligen Impfung zu viel höheren Quoten kam als bei der Pflichtimpfung gegen Pocken.

Die Diphtherie-Schutzimpfung wird begleitet von massiver Propaganda, von Werbekampagnen. Da gibt es Filme, da gibt es Hörspiele, Theaterstücke, bunte Broschüren, Plakate. Und diese Werbe-Offensive, die verfängt bei den Eltern sehr viel besser als staatlicher Druck, so stellt man fest. In diesen Bildern, im Film oder in den Plakaten bekommen der Schrecken oder auch die Hoffnung ein Gesicht im eigentlichen Wortsinne: Man kann die gesunden Kinder und auch die erkrankten Kinder sehen, und das motiviert sehr viel mehr, an der Impfung teilzunehmen als die staatliche Anordnung. Die Sorge um sich selbst und die eigenen Kinder ist eines der großen Motive, das im Laufe des 20. Jahrhundert immer stärker angesprochen wird, um über Freiwilligkeit eine möglichst hohe Impfquote zu erreichen.

Wichtig ist immer die Frage, wer geimpft werden, wer diesen Schutz also bekommen soll. Ist Immunität ein Privileg?

Malte Thießen

Für einen Großteil der Bevölkerung ist Immunität eher ein Lebensgefühl geworden, das für uns selbstverständlich dazugehört. Bis Anfang 2020 hatten wir die Angst vor Infektionskrankheiten fast schon vergessen. Deshalb ist, glaube ich, dieser Kontrollverlust auch so groß, als den wir Corona empfinden, weil das einbricht in unser Sicherheitsgefühl, in unser Grundverständnis vom Körper, der doch eigentlich gegen alle "Volksseuchen", wie es früher hieß, geimpft und geschützt ist. Wenn diese Selbstverständlichkeit erschüttert wird, das sorgt für so massive emotionale Debatten, wie wir sie während der Corona Pandemie erlebt haben. Und der Staat als Sicherheitsversprechen für seine Bürger, der steht in der Kritik, wenn jetzt plötzlich im 21. Jahrhundert keine Impfstoffe bereitstehen für eine Infektionskrankheit.

Sie haben einmal vom Leitbild des "präventiven Selbst" in der Nachkriegszeit gesprochen – das natürlich sehr gut zu einer individualistischen Gesellschaftsvorstellung passt. Wird dieses Leitbild nun durch den großen Solidaritäts-Appell in der Corona-Krise, der ja auch die Impfung betrifft, neu definiert?

Im 20. Jahrhundert ist das "präventive Selbst" einerseits tatsächlich Ausdruck einer Individualisierung, aber man versucht, dieses präventive Selbst von Beginn an auf das Allgemeinwohl zu verpflichten. Das heißt, diese Appelle an das präventive Selbst sind immer begleitet von Appellen, dass man mit dem Impfschutz des Einzelnen immer auch einen Dienst für die anderen tut, insbesondere für die Kinder, die immer eine ganz starke Rolle spielen als Zukunftsversprechen einer Gesellschaft.

Was wir in der Corona-Pandemie erleben – und das ist in dieser Form tatsächlich etwas ganz Neues – ist, dass diese Solidarität und der Schutz sich vor allen Dingen auf Ältere und Vorerkrankte richtet. Die Vorstellung also, dass wir die Hygienemaßnahmen und auch die Impfprogramme insbesondere als Dienst für die Schwächeren der Gesellschaft leisten sollen, das ist in diesem Ausmaß tatsächlich etwas Neues – und ich finde, ein sehr großer Fortschritt. Aber das sorgt vielleicht auch dafür, dass wir dann zum Teil generationelle Gegensätze bemerken, dass gerade viele Jüngere zumindest fragen, wie wichtig denn der eigene Impfschutz tatsächlich für die Allgemeinheit ist.

Das Interview wurde zu einem Beitrag für das Kulturjournal auf Bayern 2 vom 31. Januar geführt: „Macht, Schutz, Privileg: Fünf Bilder zur Immunität“. Den Podcast zur Sendung gibt es hier.