Vakzine leaken als Kunst Weniger Patent ist gleich mehr Impfstoff?

Wie Corona besiegen? Durch mehr Impfstoff! Deswegen denken jetzt auch Regierungen darüber nach, Patente auszusetzen. Das Kunst- und Aktivistinnen-Kollektiv Peng! forderte schon vor Monaten die Mitarbeiter von BioNTech auf, die Formel für den Impfstoff zu leaken. Eine gute Idee?

Von: Martin Zeyn

Stand: 06.05.2021

"Leakt den Impfstoff"-Plakat an einer Bushaltestelle in Mainz | Bild: Das Peng! Kollektiv

Wir brauchen mehr Impfstoff im Kampf gegen Corona. Im Moment sind die Produktionskapazitäten das Problem. Eine Möglichkeit, sie zu erweitern: Generika zu erlauben. Dazu müsste aber der Patentschutz ausgesetzt werden. Ein anderer Weg: die Formel für den Impfstoff zu leaken. Das schlug das Künstler-, Hacker- und Aktivisten-Kollektiv Peng! schon vor drei Monaten vor. Das Kollektiv hatte eine Website freigeschaltet (nicht mehr abrufbar, Stand 7.5.), über die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von BioNTech anonym Informationen weitergeben können. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Mehr Impfstoff für die Welt, weniger Profit für eine Firma. Ist das jetzt ein Fall von Philanthropie oder einfach nur grobschlächtiger Antikapitalismus, getarnt als Kunstaktion?

Eine einfache Lösung, die keine ist 

Die Lösung scheint einfach: Über das Veröffentlichen der Informationen könnte jeder Hersteller weltweit das Vakzin kopieren. Auf der Homepage hieß es: "Impfstoffe sind kompliziert herzustellen. Die Produktion von mRNA-Vakzinen ist allerdings vergleichsweise einfach. Benötigt werden die Ausgangsstoffe und die genaue Herstellungsanleitung. Mit dieser Anleitung könnten Pharma-Unternehmen weltweit in die Produktionskette des Impfstoffs einsteigen. Doch dieses Wissen haltet ihr bei BioNTech unter Verschluss. Deshalb fordern wir euch jetzt auf: gebt den Impfstoff-Wissen frei und ermöglicht die weltweite Produktion!" Was die Aktivistinnen verschweigen: Damit wäre keineswegs der Patentschutz entfallen. Das heißt, alle Nachahmer machten sich strafbar und könnten von BioNTech verklagt werden. Außerdem fehlte jeder Beleg dafür, weshalb die mRNA-Impfstoffherstellungen einfacher sein sollte.

"Also die drei Formen von Kunst, Journalismus und Aktivismus greifen eigentlich bei fast allen unseren Kampagnen gut zusammen. Weil wir recherchieren diese Informationen, die wir zusammentragen und ordnen auch weitergeben. Weil wir uns ästhetisch überlegen, wie kann man das vermitteln, so dass es auch einen eventuell berührt, einen mitreißt. Und naja, was ist denn die Haltung, die wir dabei haben? Also was wollen wir denn eventuell verändern? Was unsere politische Motivation dabei?"

Jean Peters von Peng!

Das Problem ist bekannt. Die Preise für patentgeschützte Medikamente sind hoch. So hoch, dass sich die Armen der Welt sie nicht leisten können. Die indischen Arzneimittelhersteller reagierten darauf, indem sie die Zusammensetzung leicht veränderten und so den Patentschutz umgingen. Allerdings war das immer ein Problem bei Freihandelsabkommen, bei denen der Schutz westlicher Patente als Gegenleistung für Zollvergünstigungen eingefordert wurde. Das heißt, es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich, falls wirklich noch die Formel geleakt wird, Generika-Hersteller auf die Herstellung des neuen Impfstoffs stürzen werden.

Bitte erst einmal recherchieren!

Politische Künstler wie Hans Haacke oder Jeremy Deller haben immer wieder auf gesellschaftliche Versäumnisse und Konflikte hingewiesen. Ihr Vorgehen: Eine sinnliche Ebene zu schaffen, um Probleme zu verdeutlichen – oder verdrängte und vergessene Konflikte wieder ins Bewusstsein zu bringen. Peng!Kollektiv kann weder das eine noch das andere für sich beanspruchen. Und ihr Projekt fußt anders als Haackes Arbeit über schlechte Arbeitsbedingungen in den Fabriken des Kunstsammlers Peter Ludwig auch nicht auf originärer Recherche. Peng! setzte auf den lauten Knall. Sorry, aber so plumpen Antikapitalismus braucht jetzt gerade niemand.