Meinung Verschafft uns ein Kunstkollektiv mehr Impfstoff?

Wie Corona besiegen? Durch eine Impfkampagne! Das Kunst- und Aktivistinnen-Kollektiv Peng! fordert deswegen die Mitarbeiter von BioNTech auf, die Formel für den Impfstoff zu leaken. Eine gute Idee?

Von: Martin Zeyn

Stand: 11.02.2021

"Leakt den Impfstoff"-Plakat an einer Bushaltestelle in Mainz | Bild: Das Peng! Kollektiv

Wir brauchen mehr Impfstoff im Kampf gegen Corona. Im Moment sind die Produktionskapazitäten das Problem. Eine Möglichkeit, sie zu erweitern: Generika zu erlauben. Dazu müsste aber der Patentschutz ausgesetzt werden. Ein anderer Weg: die Formel für den Impfstoff zu leaken. Das schlägt das Künstler- und Aktivistinnen-Kollektiv Peng! jetzt vor. Das Kollektiv hat eine Website freigeschaltet, über die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von BioNTech anonym Informationen weitergeben können. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Mehr Impfstoff für die Welt, weniger Profit für eine Firma. Ist das jetzt ein Fall von Philanthropie oder einfach nur grobschlächtiger Antikapitalismus, getarnt als Kunstaktion?

Eine einfache Lösung, die keine ist 

Die Lösung scheint einfach: Über das Veröffentlichen der Informationen könnte jeder Hersteller weltweit das Vakzin kopieren. Auf der Homepage heißt es: "Impfstoffe sind kompliziert herzustellen. Die Produktion von mRNA-Vakzinen ist allerdings vergleichsweise einfach. Benötigt werden die Ausgangsstoffe und die genaue Herstellungsanleitung. Mit dieser Anleitung könnten Pharma-Unternehmen weltweit in die Produktionskette des Impfstoffs einsteigen. Doch dieses Wissen haltet ihr bei BioNTech unter Verschluss. Deshalb fordern wir euch jetzt auf: gebt den Impfstoff-Wissen frei und ermöglicht die weltweite Produktion!" Was die Aktivistinnen verschweigen: Damit wäre keineswegs der Patentschutz entfallen. Das heißt, alle Nachahmer machten sich strafbar und könnten von BioNTech verklagt werden.

Das Problem ist bekannt. Die Preise für patentgeschützte Medikamente sind hoch. So hoch, dass sich die Armen der Welt sie nicht leisten können. Die indischen Arzneimittelhersteller reagierten darauf, indem sie die Zusammensetzung leicht veränderten und so den Patentschutz umgingen. Allerdings war das immer ein Problem bei Freihandelsabkommen, bei denen der Schutz westlicher Patente als Gegenleistung für Zollvergünstigungen eingefordert wurde. Das heißt, es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich, falls wirklich die Formel geleakt wird, Generika-Hersteller auf die Herstellung des neuen Impfstoffs stürzen werden – noch dazu, da dessen Produktionsprozess sehr kompliziert ist.

Bitte erst einmal recherchieren!

Politische Künstler wie Hans Haacke oder Jeremy Deller haben immer wieder auf gesellschaftliche Versäumnisse und Konflikte hingewiesen. Ihr Vorgehen: Eine sinnliche Ebene zu schaffen, um Probleme zu verdeutlichen – oder verdrängte und vergessene Konflikte wieder ins Bewusstsein zu bringen. Peng! kann weder das eine noch das andere für sich beanspruchen. Und ihr Projekt fußt anders als Haackes Arbeit über schlechte Arbeitsbedingungen in den Fabriken des Kunstsammlers Peter Ludwig auch nicht auf originärer Recherche. Peng! setzt auf den lauten Knall. Sorry, aber so plumpen Antikapitalismus braucht jetzt gerade niemand.