"imPERFEKT" in Memmingen Schönheit ist nicht alles

Kein Mensch ist perfekt. Jeder und Jede hat Ecken und Kanten. Und doch sind uns diese Dinge extrem wichtig: Vollkommenheit. Schönheit. Wie aber gehen wir mit den durch die Medien vorgeführten Idealen um? Wie bringen wir diese mit unserer eigenen Realität in Einklang? Wie beeinflusst all das unsere Sicht auf Behinderungen? Fragen mit denen sich jetzt die Ausstellung "imPERFEKT" in der Mewo-Kunsthalle in Memmingen beschäftigt.

Von: Doris Bimmer

Stand: 02.07.2021

Mann hält sich ein Foto vor die eine Gesichtshälfte. Bruno Metra & Laurence Jeanson, Gregoire, 2012, C-Print | Bild: Kunsthalle Memmingen/Bruno Metra & Laurence Jeanson

"Ganz viel liegt an den Barrieren, die die Museen aufbauen", sagt der Leiter der Mewo-Kunsthalle, Axel Lapp: "Sie schreiben ihre Texte in einer bestimmten Sprache, die viele Leute nicht verstehen oder auch nicht besonders spannend finden. Und da müssen sich die Museen wirklich am Kragen packen und müssen die Art ihrer Texte verändern, die Art ihrer Kommunikation verändern. Und das versuchen wir, soweit wir es können. Und mit der Barrierefreiheit ist es so, viele Sachen sind eigentlich ganz einfach. Man muss es nur machen."

Lapp hat sich also selbst den Spiegel vorgehalten und gemeinsam mit verschiedenen Gruppen in Memmingen die Ausstellung "ImPERFEKT" erarbeitet. Eine Schau, die den Umgang der Gesellschaft mit Schönheitsidealen thematisiert. Die barrierefrei sein will. Und die alltägliche Elemente wie die Braille-Schrift aus der Welt blinder Menschen zur Kunstform erhebt. Yvonne Burkhardt ist von Geburt an blind und begleitet Axel Lapp durch die Ausstellung zu einer Wand, etwa zwei Meter hoch mit überdimensional großen Braille-Buchstaben, ein Werk von Adi Hösle. Normalerweise beherrscht sie die Braille-Schrift bestens. Weil die Buchstaben-Punkte hier aber mehrere Zentimeter groß sind, hat auch sie enorme Anlaufschwierigkeiten.

Normalo-Gesichter mit Model-Augen

Hilfe bietet ein Audioguide. Der ist ja mittlerweile Standard in Museen, doch in der Mewo-Kunsthalle können die Besucher zwischen zwei Versionen wählen: Einem rein informativen Guide oder einem mit kurzen poetischen Texten zu jedem Kunstwerk, verfasst von der britischen Autorin Emma Bolland, auf Deutsch gelesen von der Schauspielerin Regina Vogel: "Die Torsi von Belvedere: Ein Schnitt. Eine andere Ebene. Immer noch dort. Immer noch hier."

Der berühmte Torso von Belvedere steht als 3D-Kopie in der Mewo Kunsthalle, neben einem Gipsabdruck der Hochschule Augsburg. Ein Kunstobjekt zum Anfassen, ebenso wie ein eigens für die Ausstellung in Memmingen angefertigtes Gemälde von Nikola Irmer. Für sehende Besucher hält Axel Lapp unter anderem Fotos der längst verstorbenen Künstlerin Anna Coleman Ladd bereit: Sie gab nach dem Ersten Weltkrieg versehrten Soldaten buchstäblich ein Gesicht zurück, baute ihnen individuelle Gesichtsmasken. Nur ein paar Meter weiter hängt eine von Bruno Metra und Laurence Jeanson stammende Reihe namens "ID", erklärt Museumsleiter Axel Lapp: "Die haben normale Leute von der Straße fotografiert und weil sie auf den Zwiespalt hinweisen sollten, dass normalerweise immer nur gephotoshopte und super perfekt geschminkte Models abgebildet werden, haben sie aus Zeitschriften Augen, Nasen und Münder von Models ausgeschnitten und die dann mit Klebestreifen auf ihre Modelle geklebt. Die sind so’n bißchen unheimlich diese Bilder. Aber sie sind halt eine ganz klare Kritik an den Schönheitsidealen, die durch die Medien präsentiert werden."

Schönheit? Uninteressant!

So ähnlich könnten auch die Bilder in Katalogen von Schönheitschirurgen aussehen. Yvonne Burkhardt legt andere Maßstäbe an. Oberflächliche Schönheit und das Aussehen sind für sie nicht wichtig: "Es gibt einen Spruch: Schönheit kommt von innen. Und ich denke, ich bin selber auch nicht die Hübscheste und nicht die Schlankeste. Aber ich denke mal, ich geh nicht nach solchen Attributen bei Menschen. Für mich ist wichtig, wie sie ticken, wie sie auf mich zugehen, mit mir umgehen. Und nicht, wie sie aussehen."

Yvonne Burkhardt war schon jahrelang nicht mehr im Museum – weil die Aufbereitung vieler anderer Ausstellungen sie schlicht mehr oder weniger alleine ließ. Das könnte sich durch die Schau in der Mewo-Kunsthalle jetzt wieder ändern. Das ist dringend überfällig. Und so ganz nebenbei: Die Werke, die gezeigt werden, sind auch bei dieser Schau gerade für Sehende und Nichtbehinderte Menschen ein guter Anlass, mal wieder den eigenen Standpunkt zum Thema Schönheit zu hinterfragen.