Sprachpolitik Warum "Normalität" ein gefährlicher Begriff ist

Die AfD geht mit dem Slogan "Deutschland, aber normal" in den Wahlkampf. Damit tritt die Partei für "viele normalen" Menschen auf, die die Diskurse um Gender oder Rassismus nicht mehr verstehen. Das klingt politisch harmlos – markiert aber vor allem die "Unnormalen".

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 11.03.2021 | Archiv

Wolfgang Thierse spricht in die Kamera | Bild: dpa-Bildfunk/Christoph Soeder

Die Debatten der vergangenen Jahre haben so einige Begriffe für eine schwer greifbare soziale Größe durchprobiert: "Mehrheitsgesellschaft" zum Beispiel, was sachlich und quantitativ entlastend, "Mitte", was angenehm gemäßigt klingt. Die "Leitkultur" ist da schon fordernder, die "schweigende Mehrheit" verschanzt sich in leicht verdruckster Verteidigungsbereitschaft.

Das Herz der Gesellschaft

Es gibt aber noch einen anderen Begriff zur Bezeichnung einer gesellschaftlichen Position, die gar keine zu sein vorgibt: "Normalität". Einen mit tröstlichen Nebenbedeutungen von politischer Neutralität oder gar politischer Unschuld. Dann spricht man, wie Wolfgang Thierse es nun emphatisch im ZEITmagazin tut, von den "normalen Menschen", für die er "mittlerweile zum Symbol" geworden sei und die ihm für seinen Mut dankten. Oder man führt gleich die "ganz normalen Menschen" an – als liege der Reiz der Normalität nicht gerade darin, dass sie nicht steigerbar und nicht auf Steigerung angewiesen ist, sondern vollständig in ihrem unhinterfragten So-Sein ruht. Diese "ganz normalen Menschen", so die Annahme, seien das Herz der Gesellschaft. Zugleich aber fänden sie immer weniger Gehör, weil eine soziale Elite, eine kulturelle Avantgarde, weil gut organisierte Anti-Diskriminierungs-Aktivisten die Diskurse dominierten. Und eigentlich, obwohl das an der Oberfläche anders aussehen mag, längst auch die Macht unter sich aufgeteilt hätten.

Die verführerische Idee einer "normativen Normalität"

Man kennt solche Narrative eigentlich von rechts. Dort sind sie politisch gefährlich plausibel, weil sie einer Logik der Ausgrenzung folgen, die sich nicht einmal explizit machen muss. Wer von den "Normalen" spricht, markiert vor allem die "Unnormalen". Der konservative katholische Philosoph Robert Spaemann hat dafür 2013 im Zusammenhang mit dem Genderthema die Formel der unverzichtbaren "normativen Normalität" gefunden. Damals nicht besonders beachtet, für die aktuelle Diskussion aber sehr aufschlussreich, auch wenn diese Formel philosophisch beinahe eine Kurzfassung dafür ist, was man "naturalistischen Fehlschluss" nennt: Aus der Beschreibung dessen, was ist, folgt nicht ohne Weiteres, was sein soll. Weder kann man aus Natur eine kulturelle, noch aus dem statistischen Normalfall eine politische Norm ableiten.

Trotzdem ist die explizite Idee einer "normativen Normalität" verführerisch, weil sie die implizite Zauberkraft der Kategorie "Normalität" vorführt: Es wird etwas anderes aus dem Hut gezogen, als man reingetan hatte. "Normalität" lässt sich zunächst ganz harmlos als eine statistische Größe lesen – "die meisten Leute machen es so und so" – dann aber eben doch von der Statistik zum Standard wenden. Beispiel: Die weiße und heterosexuelle deutsche Mehrheitsgesellschaft ist dann nicht nur in der Mehrheit, sie ist die Norm. So wie sie ist die deutsche Gesellschaft "eigentlich", so soll sie sein. Und daneben gibt es noch ein paar Abweichungen und Uneigentlichkeiten. Worauf es ankommt: Diese Wendung vom Quantitativen zu einer harten Hierarchie der Geltung ist kein Missbrauch des Begriffs der Normalität, sondern seine wohlkalkulierte Pointe. Er dient genau dazu, diese Bedeutung zu transportieren, ohne sie ausdrücklich machen zu müssen.

Clash der linken Kulturen

Zurück zu Wolfgang Thierse: Dass gerade die Sozialdemokratie derzeit auf offener Bühne eine Zerreißprobe vorführt, wird mit einiger Häme verfolgt. Und ist tatsächlich für ihre Gegner ein gefundenes Fressen: Selten hat man etwa ein so unvermitteltes Aufeinandertreffen linker Welten beobachten können, wie beim digitalen Jour Fixe "Kultur schafft Demokratie" der SPD Grundwertekommission mit ihrer Vorsitzenden Gesine Schwan und Vertretern der queeren Community. Dazwischen Feuilleton und Kulturbetrieb – und das Ganze zu sehen auf dem YouTube-Kanal des Vorwärts.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Jour Fixe - Kultur schafft Demokratie - mit Sandra Kegel | Bild: vorwärts 1876 (via YouTube)

Jour Fixe - Kultur schafft Demokratie - mit Sandra Kegel

Hier prallten Codes, Redeweisen, Haltungen, analog sozialisierte und digitale Welt, politische Milieus und Ästhetiken aufeinander, dass es eigentlich gar nicht gut gehen konnte. Ein bisschen besser allerdings hätte es schon gehen können – doch die Sache ist ziemlich verunglückt. Vorrangig das haben Saskia Esken und Kevin Kühnert beschämend genannt, was in der öffentlichen Präsenz von Wolfgang Thierses prominenter Wut beinahe unterging.

Dabei hat diese Veranstaltung viel deutlicher und schmerzhafter vorgeführt, worum es geht, als Thierses etwas weinerliche Rumpelstilzchenhaftigkeit: Die Kluft zwischen traditioneller und "identitätspolitischer" Linker ist groß. Sie ist nicht leicht zu überbrücken, selbst wo der Versuch dazu unternommen wird. Und vielleicht ist sie sogar grundsätzlich. Didier Eribon und Éduard Louis, Soziologe und Schriftsteller, arbeiten sich daran für das Beispiel Frankreich seit einigen Jahren ab, ohne freilich das Dilemma immer in seiner ganzen Abgründigkeit zu bezeichnen: Die Arbeiter abgewirtschafteter Industriezonen wenden sich von der Linken ab, weil sie sich dort nicht mehr repräsentiert sehen. Das hat aber nicht nur wirtschaftliche Gründe, sondern auch mit ihrer Homophobie und ihrer Abneigung gegen Migrantinnen und Migranten zu tun.

Klasse oder Identität?

Lassen sich solche Gegensätze versöhnen? Kann man die Arbeiter, "die das Gendersternchen nicht mitsprechen wollen und können", wie Wolfgang Thierse durchaus paternalistisch im ZEITmagazin zu Protokoll gab, und die Aktivistinnen für Geschlechtergerechtigkeit hinter einer Fahne versammeln? Vielleicht sogar, beflügelt von einer Art Retro-Utopie, in einen neuen Klassenkampf führen? Das dürfte schwierig werden, wenn der ein gemeinsames Klassenbewusstsein fordert. Eine künstliche Alternative zwischen linker Politik, die auf Klassendifferenzen blickt, und linker "Identitätspolitik" muss man sich deshalb noch nicht aufreden lassen – Linke können beides betreiben. Doch vielleicht nicht immer beides überall und in gleicher Weise.

Es gibt nun einmal substanzielle Interessensunterschiede innerhalb der Linken, die man benennen und diskutieren muss. Aber bitte nicht mit der Kategorie der Normalität. Denn die zieht eine verhängnisvolle Linie zwischen den vermeintlich Guten, die einfach sind, wie sie sind – und irgendwie gar nicht anders können. Und denen, die davon, wie sie sind, nicht so viel Aufhebens machen sollen – und vielleicht ja auch ganz so unnormal gar nicht sein müssten. Zwischen Verletzlichkeit, die zählt, und Verletzlichkeit, die sich nicht so haben oder wenigstens ein bisschen bescheidener auftreten soll. Unpolitisch ist das alles nur auf den allerersten Blick. Das weiße Kaninchen Normalität ist kein unschuldiges Tier, und es wird von Leuten an den Ohren gehalten, die eine Agenda des Ausschlusses verfolgen. Deren Geschäft muss man nicht betreiben.