#wirsindhanna Wie "unmündiger Nachwuchs behandelt"

Seit Jahren gibt es fast nur befristete Stellen an den Unis. In einem Video des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wurde behauptet, andernfalls "verstopfe" eine Generation alle Stellen. Gegen diese Darstellung regt sich unter #ichbinHanna Widerstand. Hier erklärt die Mitinitiatorin Kristin Eichhorn die Gründe, warum die Lage unerträglich ist.

Von: Christoph Leibold

Stand: 15.06.2021

Screenshot aus dem "Erklärfilm zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz" des Bundesministerium für Bildung und Forschung | Bild: Screenshot: bmbf.de/Bundesministerium für Bildung und Forschung

Das ist Hanna. Sie ist Biologin. Sie schreibt an ihrer Doktorarbeit. Ihr Vertrag bei der Universität ist auf drei Jahre befristet. Hanna ist die Heldin eines Erklärvideos, das das Bundesministerium für Bildung und Forschung vor ziemlich genau drei Jahren ins Netz gestellt hat. Erläutert wird das sogenannte Wissenschaftszeitvertragsgesetz, kurz WissZeitVG. Diese possierliche Animation legt nahe, dass es der Innovation in der Forschung dient, wenn das Gros der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nur befristet beschäftigt wird. Nun regt sich Protest unter Betroffenen, die sich hinter #ichbinHanna versammelt haben. Eine der Initiatorinnen ist Kristin Eichhorn, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Uni Paderborn. Mittlerweile ist das Video gelöscht worden - aber sonst beharrt das Ministerium auf seiner Position.

Christoph Leibold: Werden wir mal die eher unglückliche Wortwahl ausklammert. Von "Verstopfung" war in diesem Video die Rede. Das klingt dann eher nach Toilettenabfluss. Was ist was uns verkehrt dran, wenn man gesetzlich regelt, dass Forschende nicht dauerhaft an einem Stuhl kleben bleiben?

Kristin Eichhorn: Das ist insofern eine schwierige Situation, weil es natürlich dafür sorgt, dass das Personal in den Universitäten ständig ausgewechselt wird. Das heißt, kontinuierliche Forschung kann da eigentlich nicht stattfinden. Abgesehen davon, dass das natürlich eine enorme Belastung für die Betroffenen bedeutet, die einfach bis Mitte 40 gar nicht wissen, wo ihr sich Lebensmittelpunkt befindet, die immer wieder umziehen müssen und natürlich ihr Familienleben entsprechend schlecht planen und organisieren können.

Man ist eigentlich permanent von Arbeitslosigkeit bedroht.

Genau. Es gibt immer wieder Phasen von Arbeitslosigkeit, wo dann zwischen den Stellen mal überbrückt werden muss. Und in der Endphase läuft dann auch die Forschung oft noch weiter. Das ist ja das Problem.

Was ärgert Sie denn mehr an dem Video des Bundesministeriums? Wie hier über die prekäre Lage vieler wissenschaftlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geredet wird und sie schöngeredet wird? Oder vielleicht dieser leicht infantile Erklärton?

Beides ist einfach unmöglich. Das kann ich gar nicht gegeneinander abwägen. Beides zeigt, wie man die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einschätzt, dass man sie einfach als einen unmündigen Nachwuchs behandelt, dem man was erklären muss. Und den man möglichst schnell aus dem System wieder raus haben möchte, weil er sonst das System „verstopft“.

Das Video gibt es seit 2018. Wie kommt es jetzt, drei Jahre später, erst zu dieser Empörung?

DrKEichhorn | Bild: DrKEichhorn (via Twitter)

Das ist ein Zufallsfund. Eine Kollegin hatte mich darauf aufmerksam gemacht und ich hatte das dann getwittert. Und dann ging das halt so durch die Decke, wie das manchmal so ist. Vielleicht wäre es auch vor ein paar Jahren einfach verpufft. Ich glaube, die Zeit ist einfach reif im Moment. Wir haben ja im Herbst schon mal so eine Aktion gehabt, also 95 Thesen gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz gesammelt haben. Und wahrscheinlich ist das einfach jetzt der Moment, wo viele auch gerade wegen der Corona-Belastung besonders sich darüber ärgern, dass ihnen zu wenig Wertschätzung entgegengebracht wird.

Auf unserer KulturBühne haben wir einen Kommentar zum Thema, Mein Kollege Martin Zeyn schreibt da, das Problem sei ein Universitätssystem, das Anreize schaffe, sich weiter zu qualifizieren, ohne echte Job-Perspektiven zu bieten. Man qualifiziert sich für eine Uni Karriere, wo es wenig Jobs gibt und nicht für den Jobmarkt in der freien Wirtschaft. Für den ist man vielleicht überqualifiziert oder hat die falschen Qualifikationen. Würden Sie dem zustimmen?

Ja, genau so ist es. Das ist auch das, womit die Befristungen ja immer begründet werden, dass wir uns alle für den Arbeitsmarkt qualifizieren. Aber das ist definitiv schon mit der Promotion schwierig und nach der Promotion fast nicht mehr möglich. Also, alles was danach läuft, sind Qualifikationen für die Professur, die aber dann nur wenige bekommen können, weil sich in manchen Fächern eben 200 Leute auf eine Professur bewerben. Und da kann man sich ausrechnen, was dann passiert. Die Leute sind dann für den Arbeitsmarkt überqualifiziert und oft auch schon zu alt. Und in der Wissenschaft gibt es keinen Platz mehr für sie.

Eine Situation zu beklagen, ist die eine Sache. Was dran zu ändern wäre, eine andere. Was wären denn Ihre Forderungen?

Es braucht dringend eine groß angelegte Reform, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz müsste man dringend angehen. Insbesondere sollte man die Befristungen bei den Promovierten überdenken. Es gibt auch konkrete Vorschläge. Ich engagiere mich auch im Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft. Wir haben ein Papier aufgelegt, wo wir durchrechnen, wie man selbst mit dem gegenwärtigen Finanzvolumen bessere Perspektiven schaffen könnte. Also Vorschläge gibt es zuhauf. Es ist an der Zeit, dass man die aufgreift.