#ichbinHanna Wieso die Unis Perspektivlosigkeit fördern

Zeitverträge sind an der Universität die Regel. Für die prekäre Beschäftigung hat jetzt das Bildungsministerium eine zynische Begründung formuliert: Sonst würde eine Generation die Uni "verstopfen". Gegen diese Behauptung regt sich Widerstand unter #ichbinHanna.  

Von: Martin Zeyn

Stand: 11.06.2021 | Archiv

Screenshot aus dem "Erklärfilm zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz" des Bundesministerium für Bildung und Forschung | Bild: Screenshot: bmbf.de/Bundesministerium für Bildung und Forschung

Nein, es sind nicht die alten Professoren, die die Unis "verstopfen". Es sind auch nicht jene Menschen, die versuchen, sich so lange zu qualifizieren, bis sie endlich an eine der raren Festanstellungen kommen. Es ist ein System, das Anreize schafft, sich weiter zu qualifizieren, ohne daran eine echte Jobperspektive zu entwickeln. Die Universitäten produzieren einen Überschuss an Personal, das nur für die Belange der Alma Mater ausgebildet ist. Eine schmerzhafte Erfahrung, wenn sich Menschen mit Doktortitel mit Mitte 30 um einen Job in Verwaltung oder freier Wirtschaft bewerben. Fast alle haben schon ein Ablehnungsschreiben bekommen, in dem steht, sie seien "überqualifiziert". Wer einen Doktor hat, dem sind viele Stellen im öffentlichen Dienst versperrt, weil dort die Honorierung sich an der Ausbildung orientiert – diese Bewerber sind schlicht zu teuer.   

Fortbildung zahlt sich aus – für die Universitäten  

Warum also nehmen die Universitäten so viele Doktoranden und Habilitierende an? Weil es in ihrem Interesse ist, denn es finanziert die Universitäten. Die bekommen Geld für alle, die sich einschreiben. Die bekommen Geld, für alle, die einen Abschluss machen. Um aber das alles betreuen zu können (oder wenigstens den Anschein zu erwecken), reichen die Professoren nicht aus. Also brauchen die Universitäten Leute, die für einen Hungerlohn Lehraufträge annehmen, weil nur so sie die Lehre nachweisen können, um sich für eine Professur bewerben zu können. Außerdem sind viele Stellen nur noch als halbe ausgeschrieben – erwartet wird aber die Arbeitsleistung wie bei Vollzeit. Oder sie werden gar nicht bezahlt, wie die Honorarprofessoren, ein fieser Euphemismus. Die lehren nämlich für lau, weil sie sonst ihre Lehrbefähigung wieder verlieren. 

 Drittmittel von der Arbeitsagentur 

Die Zahlen sind eindeutig: Unter 35 Jahren sind rund 98 Prozent der Nachwuchswissenschaftler befristet beschäftigt, zwischen 35 Jahren und 44 Jahren noch immer rund 80 Prozent. D.h. die allermeisten Menschen bekommen über Jahre keine Festanstellung, sehr viele nie. Im mittlerweile depublizierten Erklärvideo des Bundesministeriums für Bildung (mit der Doktorandin Hanna) heißt es dazu: "Das führt zur Fluktuation und die fördert die Innovationskraft." Das Ziel: "dass nicht eine Generation alle Stellen verstopft." 

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Einfach erklärt: Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) | Bild: KOMPAKTMEDIEN Agentur für Kommunikation GmbH (via YouTube)

Einfach erklärt: Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG)

Zyniker könnten das als Einladung lesen, möglichst viele Aspiranten auszupressen, bevor sie Anspruch auf eine Festanstellung haben. Maximal 6 Jahre bekommen Doktorierende (Mediziner drei Jahre mehr) an der Uni eine Stelle, denn sonst könnten sie sich danach einklagen. Und oft werden die Zwischenphasen zwischen zwei Anstellungen bzw. Stipendien mit ALG I und II überbrückt. Wie Kristin Eichhorn in einem Tweed bitter kommentiert: "Forschung finanziert auch die Arbeitsagentur.“ 

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Kristin Eichhorn #IchbinHanna bedeutet auch, dass Zwischenphasen zwischen zwei Arbeitsverträgen/Stipendien mit ALG I und II überbrückt werden müssen. Forschung finanziert auch die Arbeitsagentur. Der neue Artikel von @AmreiBahr, @SebastianKubon und mir: https://t.co/Q5QJYwMoQ4.

Am Bedarf vorbei  

Das heißt, es ist durchaus im Interesse der Universitäten, Menschen auszubilden für die es nicht annähernd eine realistische Jobperspektive gibt. Sie profitieren davon, viele in eine berufliche Sackgasse zu locken.   

Nun steht es in unserer Gesellschaft jedem frei, sich auf ein aussichtloses Unterfangen zu begeben: Wer unbedingt Professor werden will, der kann das gerne tun. Nur sollten staatliche Institutionen sie nicht noch dabei unterstützen, diesen Weg zu gehen. Es lässt sich ziemlich genau berechnen, wie viele Stellen in den nächsten Jahren freiwerden. Eine Sicherheitsreserve von 20 Prozent oben draufschlagen – und das muss die Maßgabe sein, wie viele Doktoranden oder Habilitanden angenommen werden. Also nicht über Kollegs und Stipendien eine Anreizkultur schaffen, doch noch weiter an der Uni zu bleiben.   

Ja, die Universitäten bilden aus. Aber oft am Bedarf vorbei. Sie verschwenden menschliche Ressourcen. Sie animieren Menschen, 15-20 Jahre ein Projekt zu verfolgen – aber nur für ganz wenige steht am Ende wirklich eine Lebensanstellung. Für sehr viele heißt das, über Jahre nur temporäre, schlecht bezahlte Anstellungsverhältnisse. Wer nicht eine feste Stelle mit Pensionsanspruch bekommt, der zahlt dafür spätestens bei der Rente den Preis. Von Kollateralschäden wie nahezu unmöglicher Familienplanung einmal ganz abgesehen. 

Die Universitäten sind Hauptverursacher des akademischen Prekariats. Das war nicht immer so. Es gab mal einen Mittelbau, der vor allem für die Lehre zuständig war. Der hatte sein Auskommen. Daran müssen wir uns wieder orientieren. Es können nicht alle Professorinnen oder Professoren werden. Aber wir müssen aufhören, Anreize zu schaffen, es wenigstens zu versuchen. Es gibt kein temporäres Problem, dass die Babyboomer die Lehrstühle blockieren. Es gibt ein strukturelles Problem, dass wir Menschen ausnützen und sie bewusst eine unrealistische Karriere einschlagen lassen. Das muss aufhören.  Und "verstopft" ist nur die Innovationskraft von universitären Verwaltungen, die eiskalt die Lage von zehntausenden jungen Akademikern und Akademikerinnen ausnützen.