Franz Marc Museum Kochel So präsentieren sich Brücke- und Blaue Reiter-Maler

Das Franz Marc Museum Kochel zeigt Künstlerbildnisse im Kreis der Brücke und des Blauen Reiters. In ihren Selbstporträts und den Bildern, die sie von einander malten, erfand sich die Avantgarde neu.

Von: Christine Hamel

Stand: 22.06.2021

Max Beckmann Selbstbildnis als Krankenpfleger, 1915  | Bild: Von der Heydt-Museum Wuppertal Foto: Antje Zeis-Loi / Stefanie vom Stein, Medienzentrum Wuppertal


Der expressionistische Maler Otto Müller sieht aus, als sei er gerade aus einem mystischen Reich aus weiter Ferne zurückgekommen: Versonnen, geheimnisumflort taucht er aus einem komplementärfarbenen rot-grünen Hintergrund auf. Eine Hand in der Hosentasche, in der anderen eine Pfeife. Eigentlich scheint er uns anzublicken, doch seine Augen verlieren sich im tiefen Dunkel. Es wird viel geraucht in den Selbstporträts der Brücke- und Blaue Reiter-Maler: eine Reminiszenz an das berühmte Van-Gogh-Selfie in Öl, in dem sich der Maler mit abgeschnittenem Ohr und schmauchender Pfeife festgehalten hat. Die Message: Verrückt ja, aber immer noch Herr meiner selbst.

Der Hang, sich selbst zu porträtieren

"Ich bin mein Stil" ist denn auch das Motto der Kunstschau im Franz Marc Museum in Kochel, die untersucht, wie Künstler der Moderne sich mit Selbstdarstellungen ins Werk setzen. Kuratorin ist Cathrin Klingsöhr-Leroy: "'Ich bin mein Stil' – das ist ein Zitat nach Paul Klee, der hat das 1902 in seinem Tagebuch notiert und mir erschien das passend für alle Künstlerselbstbildnisse des 20. Jahrhunderts. In den Künstlerselbstbildnissen und Künstlerdarstellungen sagen die Künstler programmatisch, was wichtig ist für ihre Kunst und wie sie sich als Künstler sehen. Vergleichbar bei allen Künstlern ist die Einsamkeit des Weges zunächst einmal bis zum Erfolg und bis zur Selbstfindung."

Die Tradition des Künstlerselbstbildnisses ist lang, den Hang der Künstler, sich in ihren Bildern unbewusst selbst zu porträtieren, beschreibt schon Leonardo da Vinci. Die Künstler der Moderne vergewissern sich jedoch beim Blick in den Spiegel nicht mehr ihrer Begabung und Bedeutung für die Ewigkeit, eher schon sind sie hin und hergerissen wie ihre Gegenwart. Beim Blauen Reiter porträtiert man sich denn auch mit Vorliebe als Denkende und Intellektuelle.

Selbstporträts ... als Intellektuelle

August Macke zeichnet Franz Marc als coolen, gutaussehenden Typen mit Zigarette im Mundwinkel, irgendwo zwischen Alain Delon und dem jungen Guter Sachs. Von Pinsel, Palette oder Leinwand – keine Spur. Eine frühe Fotografie, die die Ausstellung immer, wenn möglich, mit den Selbstporträts kombiniert, zeigt Franz Marc als nachdenklichen Kunstschaffenden: Bilder entstehen nun im Kopf, nicht mehr in der Natur. Gabriele Münter malt Wassilij Kandinsky, von dem die programmatische Schrift "Das Geistige in der Kunst" stammt, denn auch mit geheimnisvoll blau aufblitzenden Brillengläsern oder fixierendem Blick. "Und Gabriele Münter hat ein paar Jahre später sich selbst gemalt und das ist tatsächlich ein Selbstportrait, was voller Farbe ist und die Emotion des Künstlers überträgt, in Form der Farbe und in Form des Pinselduktus."

... und als Revolutionäre und als Selbstmörder

Die Brücke-Maler indes mögen es exotisch, sinnlich und erotisch aufgeladen. Erich Heckel hält den schlafenden Max Pechstein 1910 mit weitgeöffneten Beinen, geöffneten Armen und üppigen Lippen fest. Karl Schmidt Rottluff greift in seinem Selbstbild von 1919 indes die ozeanische Kunst vor dem Ersten Weltkrieg auf und porträtiert sich holzschnittartig mit Maske und Zigarre. Die Künstler des Blauen Reiters und der Brücke wollten zu einer Malerei, die nicht mehr die Wirklichkeit spiegele, sondern die hinter die Erscheinung der Dinge trete und mit der Intensität der Farbe die Intensität der Emotionen spiegele, erklärt Cathrin Klingsöhr Leroy. Und mit dieser neuen Haltung gerate der Künstler in eine neue Situation: "Er tritt als Utopist und auch als Revolutionär auf, er trifft auf Widerstand im Publikum. Er hat es schwer, seine Werke zu verkaufen, kann nur mit wenigen Kunsthändlern, hat es schwer, seine Werke auszustellen, und diese Protesthaltung gewissermaßen, die führt zu ganz besonderen Bildnissen, die sich nicht mehr an der Tradition orientieren, sondern die neue Topoi finden: Der Künstler als Clown, der Künstler als Raucher, der Künstler als einsamer Melancholiker, der Künstler als der der Realität gegenüber Verschlossene."

Ein sich Ausprobieren, sich in Frage stellen, eine Lust an Travestien, an Träumen, Pose und Selbstironie und Ich-Suche zwischen dem Sanitäter – so malt sich Max Beckmann im Ersten Weltkrieg 1915 mit leicht wahnsinnigen Augen – und dem todessüchtigen Selbstmörder, wie Ludwig Meidner sich sieht. Eine Schau, die die Kunst und den Menschen feiert und in der man sich immer wieder selbst begegnet. 

"Ich bin mein Stil: Künstlerbildnisse im Kreis von Brücke und Blauem Reiter": Die Ausstellung läuft bis 3. Oktober im Franz Marc Museum in Kochel.

Der Beitrag zu der Ausstellung "Ich bin mein Stil" lief in der
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