Howard Carpendale wird 75 "Mein Akzent hat mir sehr geholfen"

Seinen Hit "Ti amo" konnten in den 70ern alle mitsingen: Howard Carpendale. Im Capriccio-Interview erzählt er von seiner Kindheit während der Apartheit und wieso ihm der Vergleich mit Toast Hawai sogar gefällt.

Von: Andreas Krieger

Stand: 13.01.2021

Carpendale steht allein im Studio. | Bild: BR

Howard Carpendale. Großmeister des deutschen Schlagers. Seine Lieder sind raffiniert, haben einen literarischen Ansatz. In seinen Liedern wie "Ti Amo" oder "Fremde oder Freunde" erzählt er die Liebe von ihrem Ende, ihrem Scheitern her. Geboren wurde Carpendale am 14. Januar 1946 in Durban, Südafrika. Der Vater war ein bekannter Lokalpolitiker, die Mutter Geschäftsfrau. Bei politischen Themen hat er sich nie zurückgehalten. Bei seinen Konzerten widmete er Songs immer wieder Geflüchteten und rief die Menschen auf, sich gegenseitig zu helfen. Carpendale hat sich in Äußerungen und Handlungen auch immer wieder als großer Humanist gezeigt. Er ist selbstironisch, witzig, bescheiden – und: leise.

Andreas Krieger: Wann haben Sie als Kind entdeckt, dass Sie eine Stimme haben?

Howard Carpendale (lacht): Das habe ich bis heute noch nicht entdeckt. Es gibt mindestens 5000 Menschen in Deutschland, die besser singen als ich. Aber vielleicht können sie Lieder nicht so verkaufen wie ich. Ich habe eine nette Stimme und treffe die Töne. Mein Talent: Ich kann interpretieren. Und das ist etwas, wobei mir meine angelsächsische Herkunft zugute kommt. Ich verstehe, was Phrasierung heißt. Und ich wundere mich manchmal über viele Kollegen, die ihre Lieder singen, als ob es ein Marsch wäre. In Deutschland klatscht man halt auf die Eins und auf die Drei, so sehr steckt die Volksmusik im Blut.

Ihre Songs sind immer wieder auch eine Feier der Einsamkeit. Schon Ihr erster großer Hit hieß "Ich geb mir selbst ne Party" und handelte vom Alleinsein. Singen Sie für all die einsamen Herzen da draußen?

Ich bekomme viele Briefe und die Menschen teilen mit mir ihre Probleme. Über ihre Probleme singe ich gerne. In den Briefen merke ich auch, was meine Lieder für eine Bedeutung für viele Menschen haben. Es gibt viele Menschen, die meine Texte als Lebenshilfe sehen. Und deswegen passe ich sehr gut auf, dass meine Texte kein Blödsinn sind.

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Ich geb mir selbst 'ne Party | Bild: Howard Carpendale - Topic (via YouTube)

Ich geb mir selbst 'ne Party

Sie sind während der Apartheid in Südafrika aufgewachsen. Aber ihr Umfeld war liberal.

Es war schrecklich. Es gab überall Schilder. Hier nur Weiße. Dort nur Schwarze. Alles war getrennt. Aber es gab kein Schild, auf dem stand: Wir dürfen mit Schwarzen nicht Fußball spielen. Deswegen haben wir das als Kinder getan. Wir haben uns getroffen und jemand hatte einen Ball dabei. Wir haben eine Stunde lang miteinander gespielt und um 18 Uhr stiegen die Jungs in einen Bus und fuhren raus zu ihren Townships. Und ich fuhr im Fahrstuhl hoch in meine Wohnung, die am Strand war. Das war ein System, das funktionierte so, ohne dass es groß auffällt. Das ist unglaublich, wenn ich daran zurückdenke. Als ich in England landete und sah, wie Menschen verschiedene Hautfarben Hand in Hand die Straßen entlanggehen, da ist mir erst wirklich klar geworden in welchen Land ich aufgewachsen bin.

Was ist Ihre früheste Erinnerung an die Apartheid?

Das war mit acht Jahren. Da habe ich ein Fahrrad zum Geburtstag bekommen und bin herumgefahren wie ein Verrückter. Am ersten Tag 50 Meilen, am zweiten Tag 30 Meilen. Ich bin kurz vor unserem Haus gestürzt. Und mein Zehe ist in die Kette gekommen. Ich lag verletzt auf der Straße. Von der Baustelle gegenüber kam ein großer Schwarzer auf mich zu: Samson. Ich kannte ihn. Er hat mich in den Arm genommen und mich zu meiner Mutter getragen. Das war ein Akt von Liebe. Und mir ist da als Kind klar geworden, was alles in unserem Land schief läuft. Ich habe später noch viele Erlebnisse dieser Art gehabt. Das ist doch unser größtes Problem: Wir kennen uns nicht gut genug. Wir verbringen nicht genug Zeit mit Menschen, die anders sind als wir. Es täte uns gut.

Wie sehen Sie Südafrika heute?

Mandela ist nicht mehr da und das macht mich sehr melancholisch. Südafrika ist ein großartiges Land. Es gibt kein schöneres Land, um als Kind aufzuwachsen. Und ich sehe heute ein Land, das korrupt und kaputt ist. Und es sieht nicht aus, dass es bald besser wird.

Sie wollten eigentlich in England Karriere als Sportler machen. Ein Auftritt als Musiker brachte Sie 1966 nach Deutschland, wo Sie im Radio etwas Seltsames hörten: Schlager.

Schlager lief pausenlos im Radio. Ich fand die Musik eigentlich sehr schön. Es war sicherlich was anderes, als die Musik, mit der ich in Südafrika aufgewachsen bin. Aber da habe ich mich entschieden mitzumachen.

Ihr Erfolg in Deutschland kam dann sehr schnell. Sie waren der "singende Toast Hawaii" und bedienten den Exotismus der Deutschen.

"Toast Hawaii". Den Vergleich mag ich sehr, das trifft es genau. Ich war exotisch und viele Menschen konnten nicht verstehen, dass ich eine weiße Haut hatte. Die Welt war damals nicht so offen wie heute. Mein Akzent hat mir sehr geholfen. Warum ich nie versucht habe, ihn loszuwerden.

Sie haben Haltung und zeigen Sie auch. In Ihren Äußerungen sind Sie oft das Gegenteil von Eskapismus und Weltflucht.

Unsere Zeiten sind seltsam. Da brauchst du nur zwei Stunden auf die Autobahn zu fahren, dann weißt du, was es für komische Leute da draußen gibt, die alle in Eile sind. Jemand hat mich gefragt: Warum überholen wir überhaupt? Diese Frage war schwer zu beantworten. Ich habe immer gesagt, wenn sich der eine zum nächsten anders verhält und der dann weiter, entsteht irgendwann eine Kette der Solidarität. Das erste Problem, was wir vollkommen neu klären und lösen müssen: die Verteilung von Geld. Es wird in dieser Welt nie Frieden geben, solange 60, 70 Prozent der Menschen keine Perspektive haben.

Sind Sie zufrieden?

Ich habe neulich eine Frage gelesen, die mir gefallen hat: Ist dieses Leben eine Aneinanderreihung von traurigen Momenten mit glücklichen Momenten dazwischen oder sind es umgekehrt glückliche Momente mit ein paar traurigen Momenten dazwischen? Man braucht sich nicht zu schämen, wenn man unglückliche Momente hat. Die gehören einfach zum Leben dazu.  

Sie wirken im Gespräch sehr leise und bescheiden. Was soll einmal auf Ihrem Grab stehen?

Danke! Einfach nur: Danke. Ich habe mal andere Sprüche vorgehabt, einer war zum Beispiel "Er war ein cooler Typ, aber jetzt ist er eiskalt." Das fand ich mal ganz lustig. Jetzt möchte ich nicht mehr lustig sein. Ich möchte einfach "Danke" sagen. Mein Leben war schon ziemlich bunt.

Das ganze Interview mit Howard Carpendale sendet Capriccio im BR Fernsehen am 14.1. um 22:45 Uhr.