Hörspiel über Angststörungen Wie eine Autorin lernte, ihre Angst zu mögen

Für sie ist die Angst wie eine ständige Mitbewohnerin. Die Journalistin Franziska Seyboldt leidet unter einer Angststörung. Im BR-Hörspiel „Rattatam, mein Herz“ hat diese Angst eine eigene Stimme – für die Autorin nicht nur ein literarischer Kunstgriff.

Von: Katja Huber

Stand: 18.11.2020

Die Autorin Franziska Seyboldt mit blonden Locken und breitem Lächeln | Bild: Linda Rosa Saal

„Die Angst ist wie eine Mitbewohnerin, nur eben im eigenen Körper“, sagt die Journalistin Franziska Seyboldt über ihre Angst- und Panikattacken, die sie in allen Lebenslagen überfielen. Bis sie sich dazu entschloss, sich öffentlich zu ihrer Angststörung zu bekennen und in der taz einen Artikel unter ihrem Klarnamen veröffentlichte, vergingen Jahre. Doch dann folgte sogar ein Buch, das als eine Art Ratgeber fungiert und den schönen Titel „Ratatatam, mein Herz“ trägt. Obwohl es als Sachbuch deklariert ist, schrie es förmlich danach, als Hörspiel vertont zu werden, fanden Regisseurin Elisabeth Weilenmann und Redakteurin Katja Huber.

Wie aus der Angst eine Figur wurde

Angst wird immer noch mit Schwäche assoziiert. Daher haben sich viele Betroffene Gewohnheiten antrainiert: „Bei den meisten geht es darum, sich bloß nicht zu blamieren und diese Maske aufzubehalten. Denn schnell sind einem Situationen peinlich, und man möchte ja nicht auffallen“, sagt Franziska Seyboldt. Sie selbst ging mit dem Thema an die Öffentlichkeit, um es ein Stück weit aus dieser Nische zu holen und anderen Betroffenen zu signalisieren, dass sie nicht alleine sind.
Im Artmix-Interview mit Ralf Homann erzählt sie, wie sie einen künstlerischen Umgang mit der Angst fand: „Als ich überlegt habe, wie ich diese Gefühle ausdrücken kann, kam mir die Idee, die Angst zu personifizieren. Im Verlauf des Schreibens hat sich dann aber etwas ganz Interessantes entwickelt: Ich habe irgendwie diese Person der Angst, die ich selbst geschaffen habe, lieben gelernt. Ich fand sie nervig, aber auch irgendwie witzig und konnte mich so eigentlich besser an sie annähern.“

Panikattacken: Was Seyboldt rät

„Seit das Buch fertig ist, schaffe ich das in bestimmten Situationen, in denen die Panik wiederkommt oder eine Angstattacke, dass ich ganz bewusst in diesen Dialog mit der Angst reingehe“, sagt Franziska Seyboldt rückblickend. Als Therapie möchte sie das Schreiben trotzdem nicht sehen. „Die Therapie selbst, die gehört in die Therapiesitzung und nicht ins Buch“, würde sie Betroffenen raten.
Entstanden ist ein sehr musikalisches, rhythmisches Hörspiel, das auch als ein einziges großes „Rattatatam“ gesehen werden kann. Es verleiht der personifizierten Angst, die ja ein Teil der Autorin ist, eine Stimme. Regisseurin Elisabeth Weilenmann wählte für diese Rolle ganz bewusst einen Mann, den Schauspieler Franz Pätzold, der lange im Ensemble des Münchner Residenztheater war.

Franziska Seyboldt, 1984 in Baden-Württemberg geboren, lebt in Berlin und ist Autorin und Journalistin. Nach einem Modejournalismus- und Medienkommunikation-Studium wurde sie Redakteurin bei der taz. Veröffentlichungen: Müslimädchen. Mein Trauma vom gesunden Leben (2013), Theo weiß, was er will (Kinderbuch, 2016), Rattatatam, mein Herz. Vom Leben mit der Angst (2018). Rattatatam, mein Herz ist ihr Hörspiel-Debüt.