Fotografin Herlinde Koelbl "Nicht eitel zu sein, das ist Merkels Stärke"

Die Münchner Fotografin Herlinde Koelbl hat Angela Merkel 30 Jahre lang porträtiert. Nun veröffentlicht sie ihre Langzeitstudie als Buch. Es ist eine Zeitreise weit zurück – bis zu Merkels Anfängen als Frauen- und Jugendministerin. Das Buch zeigt wie Angela Merkel auf jeder weiteren Karrierestufe minimalistischer wird, sicherer und undurchschaubarer.

Von: Andreas Krieger

Stand: 23.11.2021 15:58 Uhr | Archiv

Eine rothaarige Frau steht am Münchner Königsplatz | Bild: BR

Andreas Krieger: Sie haben für Ihr Langzeitprojekt "Spuren der Macht" verschiedene Politiker interviewt und fotografiert, darunter auch Joschka Fischer oder Gerhard Schröder. Was zeichnet Angela Merkel aus?

Herlinde Koelbl: Ihr analytisches Denken. Ihr langfristiges Denken. Dass sie ihr Ego im Griff hat. Sie hatte sehr früh, als sie Umweltministerin war und mit Gerhard Schröder Ärger hatte, gesagt: Eines Tages werde ich Gerhard Schröder in die Ecke stellen. Es dauert noch eine Weile, aber darauf freue ich mich schon.

1991 war Merkel Frauen- und Jugendministerin. Wie wirkte sie damals auf Sie?

Sie war sehr neugierig auf diese Welt. Sie hat sich auf neue Dinge ohne Scheu eingelassen. Ich finde, sie hatte auch schon damals eine gewisse Kraft in ihrem Blick. Die Bilder zeigen aber auch, wie scheu sie ist, aber auch etwas ungelenk. Aber dann hat sie sehr schnell gelernt, dass sie ihre Emotionen im Griff haben muss, damit man ihr nicht jedes Gefühl an der Nasenspitze ansieht.

Wenn man zum ersten Mal durch Ihr Buch über Angela Merkel blättert, denkt man sich noch: Angela Merkel ist ihrem Gesichtsausdruck ziemlich treu geblieben. Wenn man aber sich die Bilder genauer und wiederholt ansieht, merkt man, wie drastisch sie sich geändert hat.

Natürlich hat sie sich verändert. Es geht gar nicht, dass jemand sich nicht verändert, wenn jemand so eine hohe Position hat und immer in der Öffentlichkeit steht. Es ist ja ein Leben wie im Schaufenster. Das ist auch der Grund, warum ich immer Persönlichkeiten ausgesucht habe, die neu in einem hohen öffentlichen Amt waren. Weil die Öffentlichkeit sie verändert. Alles, was sie tun, wird beobachtet, bewertet, verurteilt, besprochen. Und bei einer Frau sowieso. Wenn man sich an die ersten Kommentare über Angela Merkel erinnert, die ganzen ersten Jahre, die waren nicht immer schmeichelhaft.

Nach ein paar Jahren hatte Merkel aber dann eine andere Körpersprache.

Ihre Körpersprache veränderte sich enorm. Gerade in der ersten Periode. Dieses Spontane, Leuchtende, was sie am Anfang hatte, ist heute nicht ganz verschwunden, aber stark reduziert. Um diese Entwicklungen zu zeigen, habe ich immer ein Kopf-Porträt, ein stehendes Porträt und ein sitzendes Porträt gemacht. An der Körpersprache sieht man, wie sie sich verändert. Am Anfang ist sie scheu. Dann wird sie langsam selbstbewusster. Plötzlich, 1994 und 1995 kommen plötzlich Stand- und Spielbein dazu, also ihre Sicherheit. Und dann 1998 zum ersten Mal die Raute. Ganz spontan.

Die später so legendäre Raute soll ja bei Ihnen in einer Foto-Session zum ersten Mal aufgetaucht sein.

Die Raute wurde nicht von irgendeinem Berater angelegt, sondern kam sehr spontan von ihr selbst. Ich glaube, so etwas konnte nur deshalb entstehen, weil ich nie gesagt habe: Machen Sie dies oder jenes. Ich gebe meinen Porträtierten Zeit, dass sie das tun, von dem sie glauben, dass sie bei sich sind. Dann entstehen solche Gesten.

Was halten Sie von der Raute?

Ich habe die Raute auch selbst ausprobiert. Wenn man das tut, spürt man, was die Raute bewirkt. Wenn Sie Ihre Daumen aufeinanderdrücken, dann ist es so, dass automatisch der Körper eine gewisse Spannung hält und die Spannung ist in der Schulter. Wenn Sie langen Reden zuhören müssen, dann fallen automatisch irgendwann mal die Schultern nach vorne. Aber wenn Sie die Daumen aufeinanderdrücken, bleiben Sie immer in Spannung und aufmerksam. Das war und ist ein fantastisches Hilfsmittel für Angela Merkel. Und es hat sich bewährt.

Und solche Gesten entstehen, weil Sie Ihren Porträtierten Zeit und Raum geben?

Ich bin sehr konzentriert, wenn ich fotografiere. Und es hängt auch einiges davon ab, wie ich mich als Fotografin verhalte. Die Bilder entstehen eigentlich schon beim Eintritt des Fotografen. Es gibt männliche Fotografen, die sehr forsch auftreten. , . Es ist ganz wichtig, sich dem anderen behutsam zu nähern, dass er sich sicher fühlt. Ich habe mich lange, bevor ich Fotografin wurde, mit Verhaltensforschung beschäftigt und fast alles gelesen, was es damals dazu gab. Ich achte seither sehr genau auf jede Art von Körpersignal.

2015 sagt Angela Merkel bei einer berühmt gewordenen Pressekonferenz zur Lage der Geflüchteten in Deutschland: "Wir schaffen das." Welche Wirkung hatte sie damals?

Nach dieser Entscheidung, aber auch nach Kritik, die sie bekommt, sieht man, mit welcher inneren Kraft sie trotzdem dasteht. Auch wenn die Kritik kam – und die kam ja ganz viel – oder wenn sie gedemütigt wurde, ist sie immer ruhig geblieben, sie hat den Angreifern nie Raum gegeben. Ich habe die Vermutung, dass die Aussage "Wir schaffen das" vielleicht auch deshalb zustande kam, weil Angela Merkel aus dem Osten kommt. Sie hat Empathie. Sie hat selbst erlebt, welche Folgen es hat, gegen Regime zu sein und dass ein kritischer Satz möglicherweise Gefängnis bedeutet. Sie weiß, was es heißt, nicht offen sprechen zu können. Wir haben das alles im Westen nicht erlebt, wir waren immer frei und konnten kritisieren, was wir wollten, ohne Konsequenzen. Und ich denke, dass sie vielleicht dadurch auch ein anderes Verständnis hat für Menschen, die geflohen sind vor Verfolgung, Terror und Krieg.

Sie lässt Selfies mit Geflüchteten zu, streichelt bei einem offiziellen Termin ein weinendes Mädchen. Sie zeigt sich auch als Kanzlerin der Nähe und der persönlichen Verbindlichkeit.

Sie hat immer auch Pflichtgefühl ausgestrahlt. Wenn sie ein Wort gegeben hat, dann wollte sie es auch halten. Das sind Eigenschaften, für die sie auch sehr geschätzt wurde. Vielleicht manchmal weniger in Deutschland als im Ausland, wo sie für ein positives Ansehen Deutschlands gesorgt hat. Durch Merkel wurde Deutschland international als zuverlässiger Partner wahrgenommen. Wenn ein Wort gegeben wurde, dann ist es auch zu halten. Sie hat neben anderen Politikern auch mit dafür gesorgt, dass Deutschland nach der Wiedervereinigung stabil geblieben ist.

Angela Merkel blickt Sie auf den Fotos so an, wie sie eben möchte. Es ist keine Maske, aber doch eine bewusste Entscheidung wie Sie sie anblickt. Gab es auch einen Moment, in dem sie mal ganz locker gelassen hat?

2018, beim letzten Film, sagte ich: Jetzt haben wir’s. Dann legte sie für einen Moment, das war ganz spontan, die Hände in die Hüfte und lachte. Das ist ein Bild, bei dem die private Angela Merkel durchkommt, die sie sehr selten in der Öffentlichkeit gezeigt hat.

Sie war ansonsten Meisterin im Unaufgeregt sein.

Sie ist fast immer ruhig geblieben, hat den Angreifern nie Raum gegeben, in dem Sinne, dass sie sich echauffiert und einen großen Lärm daraus gemacht hat. Sondern sie hat immer alles "cool down" gehalten. Aber so ist auch alles immer schneller verpufft, als wenn sie sich hätte hinreißen lassen.

Wie unterscheidet sie sich in Ihrem Verhältnis zu Kameras von anderen Spitzenpolitikern?

Angela Merkel hat die Kameras nie so geliebt wie etwa Gerhard Schröder oder Joschka Fischer. Sie hat es akzeptiert. Es gehört zu ihrer Position dazu und somit war hatte sie immer einen gewissen Schutz um sich gelegt. Viele Politiker, wenn sie lange an der Macht sind, werden selbstgefällig. Auch Helmut Kohl war das. Das war Angela Merkel nie. Nicht eitel zu sein, das ist Merkels große Stärke. Denn wer nicht eitel ist, ist nicht verführbar.

Herlinde Koelbl. Angela Merkel von Herlinde Koelb ist am 19. November beim Taschen Verlag erschienen.