Wahlkampf als Sprachkampf Sprachpolitische Themen auf dem Vormarsch

Im Wahlkampf setzen die Parteien mittlerweile auch stark auf sprachpolitische Themen wie das Gendern. Warum das so ist, erklärt Henning Lobin, der Leiter des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache, im Gespräch.

Von: Joana Ortmann

Stand: 23.08.2021 | Archiv

Deutschlandfahne mit Aufschrift Kanzler*in | Bild: picture alliance / ZB | Z6944 Sascha Steinach

Sprache ist selbst für Politikerinnen und Politiker, deren Element ja die Rede ist, alles andere als reines Kommunikationsmittel. Schon seit ein paar Jahren kann man beobachten, dass mit Sprache mehr und mehr Politik gemacht wird. Das schlägt sich auch deutlich in den aktuellen Wahlprogrammen der großen Parteien nieder. In seinem Buch "Sprachkampf" beleuchtet Henning Lobin, der Direktor des Leibniz Instituts für deutsche Sprache, die Hintergründe dafür.

Joana Ortmann: Herr Lobin, wie macht sich die wachsende Tendenz der Parteien zu Sprachpolitik bemerkbar?

Henning Lobin: Das macht sich in quantitativer Hinsicht bemerkbar. Einige Parteien – die AfD, die CDU auch die Grünen – haben eine größere Anzahl von verschiedenen sprachpolitischen Positionen in ihren Wahlprogrammen aufgenommen. Und es macht sich auch in inhaltlicher Hinsicht bemerkbar, weil wir neben den klassischen Themen wie Migration, Integration und sprachliche Bildung auch einige neue Themen haben. Teilweise sind das sehr detaillierte, spezifische Themen, wie beispielsweise leichte Sprache oder Arbeitsmarktqualifikation, oder an einer Stelle spricht die CDU auch sogar von Sprachtechnologie.

Interessant, denn das waren vor vier Jahren noch Positionen, die die AfD für sich teilweise beansprucht hatte. Damals hatten Sie schon nachgewiesen, dass im Parteiprogramm von 2016 die AfD 13 Positionen zur sprachpolitischen Themen hatte. Und jetzt hat die AfD nochmal mehr, richtig?

Jetzt sind 16 sprachpolitische Positionen im Wahlprogramm der AfD enthalten und wir haben jetzt eine weitere Ausdifferenzierung. Es ist beispielsweise etwas gesagt zu den Sprachkompetenzen von medizinischem Fachpersonal, oder eine neue Position, dass politisches Asyl nur bei entsprechenden Sprachkompetenzen im Deutschen gewährt werden soll. Es geht um die Ausbildung islamischer Religionslehrer, es geht um Deutsch in der EU, um Leichte Sprache. Man kann sagen, dass auch die CDU insbesondere hier auch einen großen Anstieg von Positionen zu verzeichnen hat. Vor vier Jahren gab es da nur sehr wenige, eigentlich nur drei, die Integration und Bildung betrafen. Und jetzt haben wir auch bei der CDU spezifischere Positionen zu verzeichnen, die sich scheinbar teilweise auch in einem direkten Konkurrenzverhältnis zu denen der AfD bewegen.

Wie unterscheiden sich die Anhänger der Parteien? Weil auf der einen Seite werden bei der AfD ja ganz stark auch kulturelle Kämpfe befeuert durch sprachpolitische Themen – ich sag mal nur das Gendern –,  aber die anderen Parteien müssen sich ja dazu verhalten. Wie sehr steigen die darauf ein? Wie sehr versuchen sie sich abzugrenzen?

Also ich glaube, die Abgrenzung wird hier tatsächlich sehr klar vorgenommen. Wir haben ja - Stichwort Gendern - drei Parteien, nämlich die Grünen, die Linke Partei und die SPD, die ihre Wahlprogramme konsequent mit dem Genderstern durchgegendert haben und damit natürlich auch klare Statements verbinden. Die Linken sprechen sogar ganz explizit im Wahlprogramm von der Forderung nach einer diskriminierungsfreien Sprache. Bei der AfD sieht es natürlich genau andersherum aus. Da haben wir konsequent das generische Maskulinum in der Verwendung und eben auch explizit die Ablehnung von gegenderten Formen. Also an dieser Stelle kann man das deutlich sehen, ebenso auch beispielsweise bei Positionen wie der Leichten Sprache, einem Thema, wo man eigentlich meint, da ist gar nicht so furchtbar viel Streitpotenzial drin enthalten. Da sagt die AfD: Wir wollen, dass Leichte Sprache nur eingesetzt wird für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, das heißt nicht für Menschen mit unzureichender Sprachkompetenz wie zum Beispiel Migranten. Und auf der anderen Seite haben wir hier die Grünen und die Linken, die eine Ausweitung der Verwendung der Leichten Sprache in der Verwaltung, in der öffentlichen Kommunikation fordern, um eben eine breitere Teilhabe auch in die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche zu ermöglichen.

Wenn wir jetzt seltsamerweise noch gar nicht genannt haben, ist die SPD.

Ja richtig und das hat auch einen Grund. Denn tatsächlich ist hier interessanterweise eine gegenläufige Tendenz zu verzeichnen. Die SPD hatte ohnehin nicht viele sprachpolitische Forderungen in ihrem Parteiprogramm von 2007 und auch vor vier Jahren gab es da sieben an der Zahl. Die waren auf Asyl, auf Religionsvermittlung und sprachliche Bildung bezogen. Und das ist jetzt in dem aktuellen Wahlprogramm auf drei reduziert worden. Und das ist eine interessante und auch etwas überraschende Beobachtung.

Warum ist es denn für den Großteil der Parteien wieder so wichtig, über sprachpolitische Setzungen eine Welt zu schaffen? Das ist ja eigentlich ein ganz interessanter Befund zu Zeiten, in denen wir denken, eigentlich schaffen Bilder die größte Aufmerksamkeit.

Ich glaube, es gibt zwei Gründe dafür. Das eine ist die Tatsache, dass im Moment seit zwei, drei, vier Jahren sehr intensiv über Sprache in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Zuallererst über das Thema Gendern, aber wir hatten vor drei Jahren auch das Thema sprachliche Verrohung oder das gegenteilige Thema der sogenannten politischen Korrektheit. Diese Themen sind sehr intensiv in der öffentlichen Diskussion und beispielsweise auch in Forderungen nach Sprachgesetzen in Talkshows usw. erhoben worden. Und ein zweiter Grund ist, glaube ich, ganz konkret der, dass die AfD schon vor geraumer Zeit entdeckt hat, dass man die deutsche Sprache als ein positives Thema politisch einbringen kann. Ansonsten gibt es ja viele Positionen im Parteiprogramm der AfD, die auf Ablehnung ausgerichtet sind: Euro, Migration und so weiter. Und dieses Thema kann man als ein positives, integratives und auch auf die Identitätsstiftung in der deutschen Gesellschaft ausgerichtetes Thema nutzen. Da haben sie einen gewissen Erfolg zu verzeichnen in der öffentlichen Wahrnehmung – auch durch ihre Gesetzesinitiativen. Und das greifen andere Parteien auf.

Mit welcher Sprache wird da agiert? Geht es wirklich um Sprache?

Prof. Henning Lobin, Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache

Ja, wir haben hier natürlich eine ganz bestimmte Auffassung von Sprache, die sich manifestiert in dieser Art und Weise der Positionierung in den Wahlprogrammen. Es geht um die Vorstellung, zum Teil zumindest, dass wir eine Nationalsprache haben, die eine hochgradig integrierende Funktion ausübt. Die integrierende Funktion der deutschen Sprache in der deutschen Gesellschaft ist völlig unbestritten. Das ist die eine Sprache, in der wir in Ämtern, in Behörden, im kulturellen Raum, in den Medien, in der Bildung, in der Wissenschaft und Wirtschaft und so weiter kommunizieren, neben einigen anderen, aber das ist die zentrale Sprache. Ich glaube, das ist etwas, was für alle Parteien von ganz großer Bedeutung ist, dass die Kenntnis der deutschen Sprache für die Entwicklung unserer Gesellschaft, für die gesellschaftliche Teilhabe eine sehr große Bedeutung hat. Aber man kann natürlich dieses Thema weiter aufladen – und ich glaube, da verlässt man eigentlich den Raum dessen, was man aus der Sprachwissenschaft heraus als eine solche integrierende soziale Funktion ansehen würde – wenn man eben sehr stark auf die nationale Komponente setzt. Und das ist etwas, was die AfD auch explizit in ihrer Beschreibung dieses Anliegens deutlich macht. Es ist ein Dreiklang von deutscher Sprache, Kultur und Identität. Und sie verbinden diese Begriffe direkt miteinander, indem sie sagen: die deutsche Sprache ist der Kern der deutschen kulturellen Identität. Und insofern haben wir hier eine Positionierung, wie sie in der Weise in anderen Parteien nicht vorgenommen wird.

Das heißt aber, wir sind dann da an einem Punkt, an dem es gar nicht mehr um eine Verständigung über Sprache geht, sondern – wie Sie das auch in Ihrem Buch ausführen – um Sprachkampf.

Ich denke, es ist grundsätzlich so, dass wir über sprachliche Themen immer auch andere politische Themen adressieren können. Wenn wir beispielsweise über Integration, Integrationskurse und die Finanzierung davon sprechen, sprechen wir natürlich auch über Migration und die Notwendigkeit von Integration als solcher. Genauso ist es eben im Bereich der Bildung. Wenn wir dort über sprachliche Bildung sprechen, sprechen wir auch über den Stellenwert von Bildung als solches. Und das macht das Thema Sprache auch so interessant in meinen Augen und so wichtig. Ich glaube, es ist ein Querschnittsthema mit einer geradezu symbolischen Funktion in der politischen Debatte. Wenn eine Partei, ein Parteiprogramm, ein Wahlprogramm komplett durchgendert und das auch wie die Grünen etwa so konsequent zu tun versucht, dass da dann auch sogar von „Rechtsextremist*innen“ und „Kriegsverbrecher*innen“ die Rede ist, dann ist das natürlich eine ganz wichtige Position, die auch gesellschaftspolitisch zu deuten ist. Insofern glaube ich, haben wir hier auch immer natürlich einen Anker für eine gewisse übergreifende gesellschaftliche Positionierung, die sich dann auch in der weiteren Politik manifestieren wird.

Henning Lobin. "Sprachkampf: Wie die Neue Rechte die deutsche Sprache instrumentalisiert", Duden Verlag.

Das Gespräch mit Henning Lobin lief in Sozusagen auf Bayern 2, das sie hier abonnieren können.