"Heimaten"-Austellung "Man kann sich nicht nicht politisch zu Heimat äußern"

Der Begriff "Heimat" ist kontrovers, vielschichtig – deshalb ist Partizipation alles in einer "Heimaten"-Schau in Hamburg. Besucherinnen und Besucher werden Teil der Ausstellung, wenn sie beantworten, was Heimat für sie ist. Und das ist nur ein Kniff, um die Offenheit des Begriffs zu zeigen. Ein Gespräch mit der Ausstellungsmacherin Amelie Klein.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 10.06.2021 | Archiv

AUSSTELLUNG
Heimaten
11. Juni 2020 bis 9. Januar 2021
Bildlegenden: 9. Juni 2021
Seite 4
STUDIOLOW
Border as Producer of Design, 2019
Installationsansicht
© Studiolow, Foto: Femke Reijerman
KLAUS STAECK (*1938)
Deutscher Mischwald (regenfest), 1984
Offsetdruck, 84 x 59,4 cm
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
© Klaus Staeck
BENOÎT AUBARD (*1990)
Homesick, 2017
| Bild: Benoît Aubard, photo courtesy of Manchester

Judith Heitkamp: Herausgekommen sind unter anderem: leere Vitrinen und unbeantwortete Fragen. Das müssen Sie erklären …

Amelie Klein: Natürlich kann man keine Ausstellung machen, die eine endgültige Aussage über Heimat trifft. Das ist genau das Problem, das Heimat hat, dass zu viele Menschen zu vielen anderen Menschen vorschreiben wollen, was Heimat ist oder zu sein hat. Bei unserer Umfrage kann sich jeder Besucher und jede Besucherin in ein lokales Netzwerk einloggen und teilnehmen. Jede Antwort, die gegeben wird, wird sofort an die Wand projiziert und wird sofort Teil der Ausstellung – und Teil der Debatte darum, was Heimat oder Heimaten sein könnten.

Ich denke schon, dass wir anerkennen müssen, dass Heimat etwas ganz Subjektives ist und dass wir es in dieser Subjektivität auch unantastbar lassen müssen. Und alles andere, was darüber hinausgeht und die geteilten Heimaten betrifft, müssen wir täglich verhandeln. Da kommen dann die nicht befüllten und offenen Vitrinen ins Spiel, rote Podeste, die leer sind und sich erst mit der Zeit füllen werden. Das macht klar: Heimat ist etwas, das jeden Tag aufs Neue diskutiert wird.

Was kann man denn sehen?

Was man sehen kann – wie man es sich auch bei einer Ausstellung erwartet – sind in Anführungszeichen „gewöhnliche“ Objekte, Exponate vom antiken Tongefäß bis hin zu Handy Apps und Spielen. Jedes einzelne Exponat bringt eine Frage mit, die zusätzlich einen Gedankengang lostreten kann. Es ist ein bisschen was zu tun für die Besucherinnen und Besucher in der Ausstellung, man kann sich nicht nur berieseln lassen, man muss auch ein Stück weit arbeiten.

Es ist auch was aus München dabei, ein afrikanisches Dirndl von einem Münchner Design Label. Welche Frage stellt das?

Um die Frage: Kann man eine neue Heimat gestalten? Wie kann man eine neue Heimat für sich aufbauen? Sehr oft stoßen wir dabei auf hybride Objekte, die Verschiedenes in sich vereinen. Musik, die eine Klangwelt von hier, aber die Sprache von da vereint. Oder eben ein Dirndl, das einen klassischen Dirndl-Schnitt aus den 1950er-Jahren aus Bayern mit einer Textil- und Farbwelt vereint, die von woanders kommt. Wir haben antike Keramiken, wo ein sehr ähnliches Prinzip zu sehen ist: eine Gestaltung, die im antiken Athen verwendet wurde, aber umgesetzt mit Material und den Möglichkeiten von griechischen Kolonien in Süditalien. Die neue Heimat nimmt oft die alte mit und verwandelt sie in etwas ganz Eigenes. Auf die Art und Weise wird dann neue Heimat aufgebaut.

Wenn es um neue und alte Heimaten geht, dann könnte ein Heimatbegriff ja auch zum Ausdruck bringen, wer hier nicht zuhause ist oder sein soll. Wie politisch ist Ihre Ausstellung?

Ich würde sagen, sie ist sehr politisch, weil das Thema einfach sehr politisch ist. Wir fangen mit dem Naheliegenden an: Ist Heimat ein Ort oder eine Gemeinschaft? Ein ganz wichtiger Aspekt von Heimat ist die soziale Komponente von Heimat. Ist Heimat eine sinnliche Erfahrung, ein Geschmack, Geruch oder so etwas? Dann beginnt das Eis schon dünner zu werden. Ist Ihre Heimat ein Staat? Da geht es also um Papiere, darum, wer darf rein, wer muss da raus… . Dann: Ist Ihre Heimat ein Grund zur Sorge? Ist Ihre Heimat mit Verlust verbunden? Und die letzte Frage: Ist Heimat etwas Neues, kann man eine neue Heimat aufbauen? Ich glaube, dass man sich nicht nicht politisch zu Heimat äußern kann. Und wir müssen auch aushalten, dass es widersprüchlich ist, anders, als wir es uns gedacht oder gewünscht haben. Trotzdem müssen wir Kompromisse schließen. Das ist das Wesen von Heimat und Heimaten. Und das ist auch das Wesen unserer Demokratie.

Ist es dann am Ende gut, wenn Heimat etwas radikal Subjektives wäre, wie sie am Anfang gesagt haben? In viele kleine individuelle Vorstellungen zersplittert?

Grundsätzlich ist es gut, wenn man anerkennt, dass jeder seine persönliche Heimat hat. Ich glaube, das ist schon der erste Schritt. Weil das auch etwas ist, was öfter mal in der Diskussion untergeht, nicht anerkannt wird. Und in dem Moment, wo wir dann an die größere gemeinsame Heimat herangehen, müssen wir sowieso im Reden bleiben.

Beim Zuhören wird klar, dass Sie eindeutig nicht aus Hamburg kommen … also noch eine persönliche Frage: Was sind Heimaten für eine Österreicherin in Hamburg?

In Zeiten von Corona – (seufzt) – bin ich tatsächlich ein bisschen wehleidig. Ich habe großes Heimweh, immer wieder. Leider, ich bin nicht so ein Kosmopolit wie andere. Ich finde es großartig und spannend, wenn jemand für sich sagen kann, er sei auch woanders beheimatet. Ich bin vielen Orten verbunden, aber so richtig beheimatet bin ich in Wien.

"Heimaten" Die Ausstellung und Umfrage läuft im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg bis 9.1. 2022

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