Andreas Gabalier vs Rosalía Wie viel Heimat braucht der Pop?

Heimatseligkeit scheint die Popmusik ergriffen zu haben. Doch ist alpenländische Folklore im Pop nicht eher eine Ethnomaskerade? Darüber, was echt und was authentisch ist, wird erbittert gestritten.

Von: Jens Balzer

Stand: 29.05.2020

Andreas Gabalier ist ein Phänomen. Nicht nur in seinem Heimatland Österreich, auch in Deutschland füllt er große Hallen und Open-Air-Bühnen. Jedenfalls tat er das, solange noch Menschen sich in Konzerten versammeln durften. Sein erstes Album erschien 2009, und heute hat man den Eindruck, dass er schon damals eine Stimmung oder ein kulturelles Bedürfnis getroffen hat, das dann erst ein paar Jahre später bei FPÖ, AfD und den neuen Rechten zu einem politischen Ausdruck gelangte. Eigentlich singt Gabalier über fast nichts anderes als darüber, wie schön es "dahoam" ist. "Da komm' ich her" hieß gleich sein erstes Album aus dem Jahr 2009; er selbst bezeichnet sich als "Volks-Rock'n'Roller" – das ist auch der Titel seines dritten Albums aus dem Jahr 2011. Ein Stück darauf heißt vielsagend: "Vergiss die Heimat nicht".

Alpenländische Ethnomaskerade?

Gabalier macht Musik für Menschen, denen die volkstümliche Musik und der Musikantenstadl irgendwie zu gestrig und spießig sind – die aber gleichzeitig die Sehnsucht nach einem Heimatidyll teilen, das sich darin ausdrückt. In seinen Videos gibt es jedenfalls fast immer idyllische Alpen-Panoramen zu sehen und Menschen in Tracht. Nicht nur Gabalier zieht sich an, als ob er gerade von der Alm heruntergestiegen ist. Auch sein Publikum kommt in Tracht, in Dirndln und krachledernen Hosen, egal, ob das in Wien oder in München ist oder in Berlin oder Hamburg oder sonstwo in Deutschland. Manchmal sind es original steirische Trachten, oft kleiden die Leute sich aber auch in die vom Künstler designte "Andreas Gabalier Kollektion".

Der "Volks-Rock'n'Roller" Andreas Gabalier auf der Bühne

Um diese Liebe zur Tracht zu entschlüsseln, benötigen wir den Begriff "Ethnic Drag". Der kommt aus der Kulturwissenschaft; geprägt hat ihn die Kulturwissenchaftlerin Katrin Sieg in ihrem gleichnamigen Buch aus dem Jahr 2002, und er meint so viel wie "Ethnomaskerade". Was ist damit gemeint? Ganz normale Bürger verkleideten sich als Angehörige anderer Stämme und kultureller Minderheiten – die etwas hatten, was der kostümierte Normalbürger nicht besaß. Katrin Sieg sagt in ihrem Buch, bei "ethnic drag" gehe es immer um Übertragung und Projektion, darum, eine empfundene Unzulänglichkeit der eigenen kulturellen Disposition zu überwinden oder gar ein kulturelles Trauma.

Was haben Indianer und der Holocaust miteinander zu tun?

In der westdeutschen Kultur der ersten Nachkriegsjahrzehnte war es so: Wer sich im Sinne Karl Mays als Indianer verkleidete, der schlüpfte in die Rolle eines Volkes, das authentisch und naturverbunden und von allen entfremdeten Tendenzen der modernen Zivilisation noch völlig unbeeinflusst war – darin drückt sich das generelle Unbehagen der "normalen", heimatverbundenen Menschen mit den Zumutungen der Nachkriegsmoderne aus. Und zweitens erscheinen die Indianer als ethnische Gemeinschaft, die von einem Genozid bedroht ist. So wollten die Deutschen, die selber ja gerade erst einen Genozid vollzogen hatten, im "ethnic drag" gewissermaßen aus der Rolle der Täter in jene der Opfer hinüberwechseln. Wobei – drittens – die guten Cowboys und "Westmänner" bei Karl May ja immer Deutsche im Ausland waren, die hier nun als strahlende Helden den bedrängten Indianern beistehen. Eine Win-Win-Situation: Man befand sich also nun, egal in welche Kostüme man schlüpfte, auf der richtigen Seite der Geschichte und konnte sich von der eigenen historischen Schuld exkulpieren.

Wer sich in solche Heimatfantasien begibt, dem geht es gar nicht darum, zu etwas "Eigenem" zurückzufinden. Sondern vielmehr darum, sich in einen Zustand zu versetzen, in dem das "Eigene" mit all seinen negativen Seiten, seinen Traumata keine Rolle spielt. Es ist ein bereinigtes Eigenes, eine bereinigte Tradition, ein fantasmagorisches, ahistorisches Idyll. Die Faszination besteht darin, sich aus den kulturellen Räumen der eigenen Lebenswelt – und die ist zwangsläufig modern, häufig urban, jedenfalls globalisiert – in eine Welt zu beamen, in der die Prozesse der Modernisierung nicht stattgefunden haben. In die Kostüme einer Heimat zu schlüpfen, die man selber gar nicht besitzt, aber gern besitzen würde.

Provinz gegen Zentrum

Die neuen Rechtspopulisten spielen auf derselben Klaviatur. Bei denen geht es nun aber nicht nur mehr darum, dass man die eigene Heimat gegen all das verteidigen soll, was von außen in sie hineindringen will, sondern auch um den überfälligen Aufstand der Provinz gegen die urbanen Zentren. Das Land gegen die Stadt, die Provinz gegen die Zentren, die authentisch gebliebenen Landbewohner gegen die entfremdeten urbanen Eliten. Ein wesentlicher Grund für die aktuelle Misere der Politik – so heißt es bei Vertretern der AfD gern – läge in dem Umstand, dass die politische und kulturelle Macht in den Händen entwurzelter kosmopolitischer Eliten liegt. Und die können für die Bedürfnisse der normalen Bürger kein Verständnis mehr aufbringen.

So hat es Alexander Gauland – von 2017 bis 2019 einer von zwei Bundessprechern der AfD – in diversen Reden und Essays dargelegt. Er bezieht sich dabei auf den britischen Soziologen David Goodhart, der die Bevölkerung in "somewheres" und "anywheres" unterteilt. Die einen sind überall und nirgendwo zu Hause – das sind die "anywheres", oder eben: die "kosmopolitischen Eliten". Und weil sie eben nirgendwo zu Hause sind, haben sie auch für die Bewahrung regionaler Traditionen und Identitäten keinen Sinn. Und die "somewheres", das sind all jene, die an einem bestimmten Ort leben, den sie nicht verlassen möchten. Und die sich die Bewegungsfreiheit der "anywheres", selbst wenn sie es wollten, auch gar nicht leisten können. Die generelle Benachteiligung dieses Teils der Bevölkerung, so David Goodhart, hat wesentlich zum Aufschwung der rechtspopulistischen Parteien beigetragen.

Ist der Pop müde geworden?

Nun hatte man eigentlich immer gedacht, dass Popmusik ein Medium des Internationalismus und des Kosmopolitismus ist, eine Musik, in der sich die unterschiedlichsten Traditionen unentwegt miteinander verbinden und miteinander vermischen. Um mal ganz tief in die Mottenkiste zu greifen: Deutsche Jugendliche begeistern sich Mitte der 1960er-Jahre für eine britische Band namens The Rolling Stones, die ihre Inspirationen vor allem aus dem afroamerikanischen Blues bezieht. Oder, ein Vierteljahrhundert später: Afroamerikanische DJs in der Bronx und später in Detroit lassen sich von der deutschen Band Kraftwerk inspirieren, prägen so den frühen HipHop und erfinden eine Musik namens Techno, die über Detroit ins gerade wieder vereinigte Berlin gelangt und von dort um die Welt geht ...

Und heute? Hat sich der Pop gerade fundamental gewandelt? Beim Blick in die deutschen Hitparaden kann man schon diesen Eindruck gewinnen. Da tummeln sich ja nicht nur Frei.Wild und Andreas Gabalier, sondern auch diverse andere Bands, die sich mit der Pflege heimischen Traditionsguts befassen – auch wenn viele von denen das in ganz unpolitischer Weise tun. Also zum Beispiel: die norddeutschen "Shantyrocker" Santiano – oder die sogenannten Mittelalter-Rock-Bands wie In Extremo und Schandmaul, die bei der Suche nach dem Eigenen noch weiter in die Vergangenheit zurückgehen und dann bei Sackpfeifen und Drehleiern landen. Und auch deren Musik wird millionenfach gekauft.

Pop – eine Kultur des Hybriden

Rosalía bei einem Auftritt in London 2019

Trotzdem: Es ist keineswegs so, dass kulturelle Hybridität und Vermischung als Motor der Popmusik keine Rolle mehr spielen. Im Gegenteil. Zum Beispiel der Song "Malamente" von der spanischen Sängerin Rosalía. Eine der großen Entdeckungen der letzten Jahre und in ihrem Heimatland und in vielen lateinamerikanischen Ländern inzwischen ein großer Star. Der Rhythmus des Stücks wird mit den Händen geklatscht wie in einem Flamenco-Stück: in den komplizierten, einander überlagernden Metren der sogenannten Palmas. Doch darunter puckert auch eine alte 808-Drummachine, wie sie einst den Sound von House und Techno mitprägte, und ein schwingender Bass unterwühlt das Gefüge der Klänge wie in einem zeitgenössischen R'n'B-Track.

Bei Andreas Gabalier geht es darum, mit der Vermischung von Heimatmusik und altem Rock’n’Roll nostalgische Gefühle für ein verschwundenes Idyll zu erzeugen. Bei Rosalía geht es darum, die musikalische Tradition, aus der sie kommt, in die Zukunft zu führen, und das heißt hier eben auch: in eine globalisierte Gegenwart. Sie hat ursprünglich als klassische Flamenco-Sängerin begonnen, schon als Teenager hat sie in ihrer Heimatstadt Barcelona regelmäßig die Gitarristen in den tablaos begleitet, jenen Bars, in denen das musikalische Erbe bewahrt und weitergereicht wird. Auf ihrem Debütalbum 2017 "Los Ángeles" sang sie denn auch noch ganz klassisch-minimalistisch – aber auf der zweiten Platte "El Mal Querer" hat sie die Palette der Rhythmen und Sounds entschieden erweitert: Es gibt Synthesizer, Drummachines, Streicher, Rosalía singt mit sich selber im Chor und lässt ihre Stimme von elektronisch verfremdeten Stimmfragmenten umschwirren, im Stück "De Aquí No Sales" sampelt sie den Beat aus den Geräuschen startender Motorräder, um zum Finale wieder helles Händeklatschen darüber zu legen. Das ist durchaus traditionsbewusst, aber absolut nicht rückwärtsgewandt.

Heimatklänge für die Ortlosen

Es gibt also nicht nur popistische Heimatklänge für die "somewheres", sondern auch solche für die "anywheres", es gibt wie Rosalía viele Künstlerinnen und Künstler, die sich ganz offensiv der Verbindung von Tradition und Moderne verschrieben haben. Vielleicht kann man sagen, dass sich auch da eine Polarisierung vollzogen hat, das ist im Pop nicht anders als in den westlichen Gesellschaften im Ganzen: auf der einen Seite noch mehr Traditionspflege und Heimatverbundenheit, auf der anderen Seite noch mehr Hybridität, Globalisierung und kulturelle Vermischung.

So wie Rosalía Tradition und Moderne, das Eigene und das vermeintlich Fremde miteinander verbindet, zeigt sie, dass Popmusik absolut gegenwärtig sein kann und dabei weder in einen wurzellos gewordenen Klangeklektizismus mündet noch in dessen Gegenteil, die welt- und erfahrungsarme Beschwörung von Herkunftstreue. Rosalía zeigt uns, wie man diese Pole in eine spannungsreiche Verbindung versetzt. Ihre Musik ist traditionsbewusst und zugleich kosmopolitisch, zwischen der Sehnsucht nach Heimat und der Neugier auf die Welt gibt es hier keinen Widerspruch. Sie weiß, dass es zwischen den "somewheres" und den "anywheres" keinen unüberwindbaren Widerspruch gibt, sondern dass wir alle mal "somewhere" und mal "anywheres" sind: dass jeder von uns sich nach einer Heimat sehnt und zugleich nach einer offenen Welt, in der die Grenzen der Heimat uns nicht beschränken.