Hauck & Bauer im Interview "Die Wirklichkeit ist eine sehr gute Grundlage"

Hauck & Bauer sind das humorvollste Comiczeichner-Duo Deutschlands. Ein Gespräch mit den beiden Cartoonisten Elias Hauck und Dominik Bauer über die Entstehung ihrer Karikaturen und ihre Tanten-und-Onkels-Welt im unterfränkischen Alzenau.

Von: Andreas Krieger

Stand: 06.10.2020 | Archiv

Hauck & Bauer – "Cartoons" | Bild: © Verlag Antje Kunstmann

Begonnen hat alles mit ein paar Kritzeleien bei ein paar Flaschen Bier. Vor 20 Jahren saßen zwei Schulfreunde aus dem unterfränkischen Alzenau fröhlich feiernd zusammen, schoben sich lustige Zettel-Zeichnungen hin und her. Einige dieser Zeichnungen schickten sie an die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung – und bekamen prompt eine wöchentliche Kolumne, die sie seitdem bespielen. Elias Hauck und Dominik Bauer zählen heute zu den beliebtesten Karikaturisten Deutschlands. Ihre gesellschaftlichen Beobachtungen sind präzise. Gezeichnet ist es immer noch so, als würden zwei Gymnasiasten sich lustige Zettel unter der Schulbank hin- und herschieben. Große Kunst also, die jetzt mit einer Retrospektive im Caricatura Museum Frankfurt und einem neuen Buch "Cartoons" gefeiert werden. Und alles begann im unterfränkischen Alzenau, der Stadt am nordwestlichsten Rand von Bayern.

Andreas Krieger: Wenn man Ihre Karikaturen ansieht, dann hat man das Gefühl: Sie gehen so durch die Welt und sammeln die einfach nur so ein. Als würden Sie mitnotieren, was so passiert.

Dominik Bauer: Wir sammeln Sätze, die dann Sprungbretter sind.

Elias Hauck: Die Wirklichkeit ist auch eine sehr gute Grundlage. Ein Beispiel: Ich gehe in eine Bäckerei und kaufe zwei Brötchen. Die Verkäuferin meinte: 'Die Brötchen heute sind einfach zu klein geworden. Ich habe Ihnen deshalb mal drei Brötchen eingepackt.' – 'Oh, danke, wie aufmerksam.' – 'Macht dann auch dreimal 40 Cent.' So etwas passiert und ich finde es sehr lustig.

Bauer: Es gibt absurde Witze. Und es gibt Witze, die sehr nahe an der Wahrheit sind. Und deshalb lustig werden, weil man die Wahrheit ausspricht, die man sich normalerweise nur denkt. Ich finde die Wirklichkeit nicht unlustig. Man muss da gar nicht viel dazu machen. Manchmal muss man es wirklich einfach nur den Leuten in den Mund legen. Mit einer kleinen Verdrehung oder vielleicht reicht auch manchmal die Nase dazu.

Eine Karikatur von Ihnen zeigt ein Einhorn, das sich einen Menschen als Badehilfe umgebunden hat. Wie kommt man auf solche Ideen, wie arbeiten Sie? 

Hauck: Er textet.

Bauer: Ich setze mich in Frankfurt an einen Tisch und denke mir einen Witz aus. Dann maile ich ihn an Elias und dann sagt Elias...

Hauck: Fertig!  

Bauer: Ich brauche wahrscheinlich ein bisschen länger als er. Bei einem Fußballspieler kann man auch nicht sagen: Wie lange braucht der jetzt, um ein Tor zu machen? Sondern es ist so: Es kann zehn Minuten dauern, aber auch zwei Stunden. Oder acht...

Hauck: Ich versuche die Sachen so schnell zu zeichnen wie sie auch gelesen werden.

Bauer: Ich schreibe manchmal auch zum Text wie ich mir die Mimik vorstelle. Neutral, erregt oder so. Aber die Mimik ist nur noch das einzige, was wir ausdiskutieren. Wir diskutieren nicht über Witze. Wenn es Elias nicht gefällt, dann ist der Witz tot. Wenn der Witz abgenommen ist, dann wird über Feinheiten gesprochen. Ich habe es meistens ganz gerne, wenn die Leute noch weniger Ausdruck haben. Mein häufigster Wunsch ist, dass die Männer und Frauen noch neutraler schauen sollen.

Und wie hat alles angefangen?

Bauer: Wir haben uns im Altgriechischkurs kennen gelernt. In Alzenau. Und ich weiß noch: zum ersten Mal habe ich über Elias gelacht als ich gesehen habe welches Lesezeichen er in seinem Buch hat. 'Antigone' haben wir da gerade gelesen. Und er hatte ein selbstgebasteltes Lesezeichen, auf dem stand: 'Ich hasse dieses Buch'.

Hauck: Unsere gemeinsamen Freunde wollten uns lange schon zusammenbringen. Wir waren jeweils die Clowns in unseren Klassen. Zum ersten Mal konnten wir uns in Hanau bei einer Lesung von Max Goldt unterhalten.

Bauer: Wir haben uns dort auf der Toilette getroffen.

Hauck: Die ersten Arbeiten, die wir dann gemacht haben waren Hörspiele, bei denen du die meisten Texte geschrieben hast. Die haben wir dann im Kinderzimmer zusammen auf dem Knie aufgenommen mit verschiedenen Stimmen.

Bauer: Warum haben wir eigentlich gekniet dabei? Aus Ehrfurcht vor dem Text?

Hauck: Ich hatte keinen Tisch im Kinderzimmer!  

Und dann wolltet ihr lustig sein.

Hauck: Unsere erste Lesung war in Mainz in einem Lesebus. Da hatten wir unser erstes Publikum. Und danach hat ein Bekannter zu uns voller Neid gesagt: 'Die Leute lachen halt gerne.' Und das nutzen wir bis heute gerne aus, dass die Leute gerne lachen. Punkt.

Aber dann kamen Sie irgendwann vom reinen Text zum Cartoon. Wie änderte sich da die Zusammenarbeit?

Bauer: Wir haben dann viel im Biergarten gearbeitet. Jeder hatte einen Block vor sich und während Elias die eine Karikatur gezeichnet hat, habe ich mir die nächste schon ausgedacht. Fließbandarbeit. Oft sind aber die Cartoons, die dabei entstanden sind, die gültigen Fassungen geworden.  

Hauck: Und genau mit solchen Biergarten-Zeichnungen hatten wir uns bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung beworben. Der verantwortliche Redakteur hat es verstanden und lustig gefunden. Und das war unser großes Glück.

Bauer: Es wurde mal geschrieben, dass die Welt von Hauck & Bauer von Tanten und Onkels bevölkert wäre. Das fand ich eine ganz interessante Interpretation. Und die Tanten-und-Onkels-Welt von uns ist natürlich hier in Alzenau.

Hauck: Man kann sagen, dass Alzenau unser Entenhausen ist. Da gibt es ja auch keine direkten Familienbeziehungen, sondern nur Onkel und Tanten, Nichten und Neffen.

Wie ist Alzenau? Möchte man hier leben? Oder möchte man nur weg?

Hauck: Ich bin hier halt behütet aufgewachsen. Das Schlimmste, was mal passiert ist, ist das ich mir einen Irokesen habe schneiden lassen und da ist unsere Lateinlehrerein ausgeflippt: 'Ich dachte, einen schönen Mann kann nichts entstellen!' Jetzt weiß sie, dass einen schönen Mann doch etwas entstellen kann. Das war das Verrückteste, was man in Alzenau machen konnte.

Was ist das Thema, das Sie am meisten interessiert, das in vielen oder allen Cartoons von Ihnen vorkommt?

Bauer: Das ist das Aneinandervorbeireden von Menschen. Das finde ich sehr lustig. Vor allem, wenn das nicht aufhört. Wenn es über Stunden, Wochen, Jahre geht.  

Mehr zu diesem Thema sehen Sie in der aktuellen Capriccio-Sendung vom 6. Oktober 2020. Mehr Capriccio-Beiträge finden Sie hier.