Hannah Arendt im Münchner Literaturhaus "Wir wollen die Lust am Urteilen vermitteln"

Hannah Arendt wollte nicht wirken, sondern verstehen. Gerade deshalb entfaltet ihr Denken bis heute enorme Wirkkraft. Eine Ausstellung im Literaturhaus München zeigt jetzt, was wir heute noch von der Denkerin lernen können.

Von: Barbara Knopf

Stand: 14.10.2021 15:42 Uhr | Archiv

Hannah Arendt in Paris in den 30er Jahren. | Bild: BR/Hannah Arendt Trust

Ihre Begriffe, um das 20. Jahrhundert zu fassen, waren prägend: Hannah Arendt sprach von der "Totalen Herrschaft" und der "Banalität des Bösen". Die deutsch-jüdische Philosophin und Publizistin war 1933 nach Paris, später in die USA emigriert, lehrte an der Universität von Berkeley und beobachtete 1961 den Eichmann-Prozess in Jerusalem. Sie war eine urteilsfreudige, exponierte politische Denkerin. Als solche wird sie nun auch im Münchner Literaturhaus gezeigt. "Das Wagnis der Öffentlichkeit" ist die Ausstellung über "Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert" überschrieben. Ein Gespräch mit der Kuratorin, der Philosophin und Publizistin Monika Boll.

Barbara Knopf: Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert: Das klingt nach einer Jahrhundertfigur, einer Jahrhundertdenkerin. Wollen Sie das 20. Jahrhundert und seine Themen durch Ihren Blick zeigen, durch die Resonanzräume Ihres Denkens?

Monika Boll: Ja, das trifft es ganz gut. Der Ausgangspunkt unserer Überlegungen war, dass wir Hannah Arendt weniger als Philosophin und Denkerin darstellen wollten. Uns hat Hannah Arendt als öffentliche Intellektuelle interessiert. Arendt hat sich über sehr, sehr viele Themen öffentlich geäußert, über Antisemitismus, über totale Herrschaft, über Zionismus, über den Feminismus, über die Rassenfrage in Amerika, über die Studentenbewegungen in den 1960erJahren. Also alles Themen, die heute noch nicht erledigt, die weiterhin aktuell sind. Und andererseits natürlich auch Themen, die ihre eigene Lebensgeschichte ausgemacht haben.

Zum Beispiel war Arendt Flüchtling. Sie hat sehr unterschieden zwischen Flüchtling und Emigrant.

Hannah Arendts Einbürgerungsurkunde, New York, 1951

Sie hat 1943 in einer New Yorker Zeitung einen Aufsatz geschrieben, der heißt "Wir Flüchtlinge". Der Text ist 2015 wieder neu aufgelegt worden, in großer Auflage, weil er so aktuell geblieben ist. Das Besondere an diesem Aufsatz ist, dass sie darin das Leben von Flüchtlingen aus der Binnenperspektive für ihre Leser aufblättert: Wie fühlen wir uns, wenn wir in ein Land kommen, in dem wir uns nicht willkommen fühlen? Wie ist das, wenn man aus einem Land kommt, in dem man einen bestimmten sozialen Status hatte – den man jetzt verloren hat? Vor allen Dingen die Frage der Papiere: Ausweispapiere, Arbeitserlaubnis, Aufenthaltsgenehmigung – welche Rolle spielt das für Immigranten oder Flüchtlinge? Das zeigen wir in der Ausstellung eben auch. Zum Beispiel an einem Affidavit, das der Staat New York für sie ausgestellt hat, zu der Zeit, als sie noch staatenlos war. Darin sieht man die ganze Fluchtgeschichte.

Dann ist natürlich interessant, dass die Staatenlosigkeit auch im Zentrum ihrer politischen Theorie steht. Sie hat aus dieser Erfahrung, wie man rechtelos gemacht wird und was das heißt, ihre politische Theorie gemacht. Ein Kernsatz dieser Theorie ist ja: Das einzige Menschenrecht, das es gibt, ist das Recht darauf, Rechte zu haben.

Im Mittelpunkt Ihrer Arbeit stand die Beschäftigung mit dem Totalitarismus und das Nachdenken über die Vernichtung der europäischen Juden. "Die Banalität des Bösen" war dabei ihr umstrittenster Begriff – und Arendt hat ja viele Kontroversen ausgelöst. Sie war offensichtlich beweglich genug, zurückzuziehen, aber auch sehr standfest, oder?

Ja, Hannah Arendts Denken verändert sich auch. In dem Nachkriegsdiskurs über den Nationalsozialismus war es sehr gängig, dass man sich den Nationalsozialismus oder seine Täter und Funktionäre als etwas Dämonisches vorstellte. Bevor Arendt nach Jerusalem zum Eichmann-Prozess reiste, hatte sie sicher auch diese Erwartung. Nun sah sie dort jemanden, der überhaupt nicht tiefgründig oder abgründig böse war, sondern in seiner Erscheinung sehr oberflächlich und banal. Das verharmloste die Sache für sie aber überhaupt nicht. Es war nie ihre Absicht, Eichmann zu verharmlosen, so wie es ihr öfter vorgeworfen wurde. Sondern das machte es eigentlich schlimmer für sie.

Bei vielen Äußerungen von Arendt hat man das Gefühl, da schreibt jemand, der auch wirklich dahintersteht. Das fasziniert mich.

Sie beschreibt das "Wagnis der Öffentlichkeit", ein Begriff, den wir als Titel gewählt haben, als das Wagnis, sich im Licht der Öffentlichkeit zu exponieren, und zwar als Person. Und das merkt man immer ganz deutlich: dass hier jemand Urteile auf eigene Rechnung macht. Sie spricht nicht im Namen einer Tradition, einer Ideologie, einer Weltanschauung, sondern wirklich für sich. Das macht auch ihre Autorität aus – ohne dass man immer ihrer Meinung sein muss. Ihre Urteile sind ja nicht umsonst strittig.

Sie wird in Ihrer Ausstellung auch als Person sichtbar, weil Sie interessanterweise persönliche Gegenstände zeigen. Das heißt, die Philosophin wird auch als Frau sichtbar.

Pelzcape aus dem Besitz von Hannah Arendt, 1950er Jahre

Es gibt zum Beispiel ein Pelz-Cape von ihr. Es gibt Schmuck, dann das Zigarettenetui, weil für Hannah Arendt Rauchen und Denken zusammengehörten. Wir haben auch eine Minox-Kamera, mit der hat sie vor allen Dingen Freunde und Verwandte fotografiert. Das ist ganz wichtig, Freundschaften bedeuteten für sie eine Brücke über den Abgrund, den das Exil geschlagen hat.

Wir zeigen diese Dinge aber nicht als auratische Gegenstände, sondern wir haben sie eingebunden in eine Frage: Uns hat interessiert, wie jemand in der Männerdomäne des Akademischen damals als Frau wahrgenommen wurde, oder wie sie aufgetreten ist. In der Ausstellung gibt es dazu auch ein Interview mit der Modetheoretikerin Barbara Vinken. Wir haben sie gefragt: Gab es so etwas wie eine soziale Kleiderkonvention für Frauen in dieser Zeit?

Vermittelt die Ausstellung möglicherweise auch eine Lust am Denken?

Was wir vermitteln wollen, ist tatsächlich die Lust am Urteilen. So strittig Arendt war, und so gerne sie sich in Kontroversen begeben hat, es ist immer interessant dabei zu bedenken, dass sie ihr Urteil niemals als die einzige allgemeingültige Wahrheit dargestellt hat. Sondern bei ihr ist immer ganz klar: Das Urteil ist ein begründetes Urteil eines bestimmten Individuums von seinem Standpunkt aus. Das Urteil ist sozusagen eine Einladung zu anderen Urteilen.

Die Ausstellung "Das Wagnis der Öffentlichkeit. Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert" ist seit 14. Oktober, dem 115. Geburtstag Hannah Arendts, im Literaturhaus München zu sehen. Mehr Informationen finden Sie hier.

Das Gespräch mit der Kuratorin Monika Boll lief in der kulturWelt, die Sie hier abonnieren und nachhören können.