Journalismus oder Aktivismus? Ein Plädoyer für publizistische Haltung

Der Stern lässt die Aktivist*innen von Fridays for Future das Magazin gestalten – ein PR-Coup des Magazins. Als Gastbeitrag ist das reizvoll, als Kooperation aber riskant, kommentiert Cornelia Zetzsche.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 28.09.2020

Das ist schon ein Coup: Ein feueroranges Cover und: #Kein Grad weiter. Die aktuelle "Stern"-Ausgabe ist eine Kooperation mit Fridays for Future. Das Heft ist ein flammendes Plädoyer gegen die Klimakrise. Und gegen alle, die von Klimawandel reden, um nicht zu alarmistisch zu sein.

Journalismus als Meinungsjournalismus? Als Gastbeitrag reizvoll, als Kooperation riskant: Gilt gleiches Recht auch für Rechts? Längst gibt es Kritik von Kolleg*innen: "Mehr Haltung als Handwerk", sieht Mathias Döpfner, Chef des Springer-Konzerns, der zugleich Schlagzeilen der Bild-Zeitung als "Kunstform" definiert. "Haltung" sei ein "Feigenblatt für Meinung", sagt WDR-Intendant Tom Buhrow mit Blick auf eine Cancel Culture, die Andersdenkende ausschließt. Und zugleich nennt er Dorothy Celene Thompson und ihr Hitler-Interview als Vorbild, schlechthin die Vertreterin eines Journalismus mit "Haltung".

Wir leben in verschiedenen Wahrheiten

Haltung, Meinung, Journalismus, Aktivismus: Die Begriffe wirbeln durcheinander, sie emotionalisieren und machen angreifbar in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft ohnehin polarisiert; in der gewählte Volksvertreter – bis ins Weiße Haus – Journalist*innen drohen; in der Aktivist*innen Ausgewogenheit für "moralische Indifferenz" halten; in der soziale Medien komplexe Sachverhalte auf klickverdächtige Reizwörter verkürzen mit maximalen Entrüstungsmechanismen.

Haltung – nicht Aktivismus – ist nötig, wo Sprache zur Waffe wird. Die Regierung habe die Demokratie abgeschafft, sagen Populisten – und können das nur, weil es diese Demokratie gibt. Solche Widersprüche gilt es zu zeigen. Das setzt Glaubwürdigkeit voraus und eine Haltung, die weiß, dass wir in verschiedenen Wahrheiten leben; dass Fairness deutlich leiser ist als Fake News; dass es Differenzierung schwer hat im rasanten Tagesgeschäft des Clickbaiting. Wo Sprache fürs Netz maximal vereinfacht wird, fehlen Nebensätze, fehlen Analysen, die Tabubrüche und Euphemismen benennen. Soziale Medien sind nur bedingt sozial.

Zündeln mit Alarmwörtern

Und wo bleibt der Konjunktiv? Mit journalistischer Unabhängigkeit und lauwarmer Ausgewogenheit "sei" der Klimakrise nicht beizukommen, sagen die Aktivist*innen. Das "sei" relativiert. Was ausgesprochen ist, bleibt in der Welt und prägt unsere Sprache und unser Denken. Klimawandel oder Klimakrise? Was wäre das richtige Wort im Sinne eines "neutralen" Journalismus – den es nicht gibt, weil Sprache nie neutral ist?

Ein Wort wie Flüchtlingskrise etwa, das suggeriert, Flüchtlinge hätten die Krise verursacht, und nicht Armut, Kriege, Naturkatastrophen, ist nicht neutral. Wo Alarmwörter zündeln, wo Wortverdrehungen wie Trophäen gehandelt werden, wo Tabubrüche alle Aufmerksamkeit bannen und Populisten nicht Wahrheit, sondern Wirkungsmacht suchen, da ist ein glaubwürdiger Journalismus umso dringlicher. Wer die Politsprache der Empörung einfach weiterträgt, schafft Fakten, die womöglich keine sind. Wer vom Pull-Effekt spricht, lässt schnell außer Acht, dass Migrationsforscher einen Pull-Effekt allenfalls als eine einzelne Ursache sehen im komplexen Geflecht der Fluchtursachen. Und trotzdem ist der Pull-Effekt die gängige Vokabel dieser Tage, ein griffiger Begriff, der nicht begreifen lässt.

Begriffe sind Schleppnetze für Denkmuster

Wörter lösen Assoziationen aus, Begriffe sind Schleppnetze für Denkmuster. Sie stimulieren Frames in unserem Gehirn, auch Ängste, und das bestimmt unser Handeln. Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering nennt ein Experiment in den USA, bei dem städtische Kriminalität mit einer Metapher versehen und bekämpft werden sollte. Das Ergebnis: Die eine Gruppe, die Kriminalität als "Biest" sah, war für Durchgreifen. Die andere Gruppe, die Kriminalität als "Virus" sah, war für Reformen.

"Das Aussprechen eines Wortes ist gleichsam ein Anschlagen einer Taste auf einem Vorstellungsklavier", schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein vor bald 70 Jahren. Sprache macht Stimmung. Und so ist die Medienkrise, über die derzeit geredet wird, auch eine Sprachkrise, denn Sprache ist die Grundlage unseres Denkens. Haltung, nicht Aktivismus, ist wichtig im Journalismus der "post-truth era" konstruierter Narrative und Sprachmanipulationen. Haltung im Sinn von Aufklärung, Transparenz, Widerspruchsgeist und einem kritischen, unabhängigen Journalismus. Ein Journalismus, der nicht weiß, sondern fragt, der weniger meint als recherchiert, der nicht Politik macht, sondern erklärt.

Haltung ist kein "moralisch erstickendes Jakobinertum" der Generation von gestern, wie ein Spiegel-Journalist vermutete – oder sollte man sagen: unkte? Haltung ist der extrem schmale Grat zwischen Empathie und Distanz, Fakten und deren Einordnung, Wertekonsens und selbstkritischer Reflexion, cool bleiben, aber nicht gleichgültig sein. Der Kompass heißt Aufklärung, das Ziel: Anderen eine Stimme geben, damit Hörer*Innen sich ihre eigene Meinung bilden können.