Heute ab 19:30 Uhr Preisverleihung der Grimme Online Awards 2020

Beim Grimme Online Award werden diesen Donnerstag wieder die besten Ideen und originellsten Online-Formate des Jahres prämiert. Der Wettbewerb ist aber auch immer ein Spiegel der großen Themen der Zeit.

Stand: 25.06.2020

Christian Drosten | Bild: pa / dpa / Michael Kappeler

Ironie des Schicksals: Ausgerechnet die 20. Verleihung der Grimme Online Awards, also eine Jubiläumsveranstaltung, muss virtuell stattfinden. Keine große Gala mit rotem Teppich, kein Publikum im Saal. Ähnlich wie beim Deutschen Filmpreis wird die Veranstaltung gestreamt: Online-Award goes online.

"Obwohl es keine Großveranstaltung ist, waren wir lange unsicher, ob sie überhaupt stattfinden kann", schildert Lars Gräßer vom Grimme-Institut die anstrengenden Vorbereitungen und schwierigen Rahmenbedingungen. Herausgekommen ist ein Hybrid aus Talkshow – mit Moderator und einigen Laudatoren vor Ort – und Online-Publikum daheim, auch die 28 Nominierten werden live auf Bildschirmen zugeschaltet. "Damit wir ihre Gesichter sehen können, wenn sie sich freuen!" meint Gräßer. Wer einen der acht Preise oder den Publikumspreis bekommt, erfahren die Preisträgerinnen und Preisträger erst im Laufe der Show.

Heute ab 19:30 hier im Livestream

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Stream der Preisverleihung des #GOA20 | Bild: GrimmeOnlineAward (via YouTube)

Stream der Preisverleihung des #GOA20

Youtuber Rezo gilt als einer DER Favoriten. Über 17 Millionen Mal wurde sein Video "Die Zerstörung der CDU" (nominiert in der Kategorie "Spezial") schon geklickt. Die Brisanz, das politische Erdbeben und wie Rezo seine Quellenangaben zu den Zitaten aufbereitet habe, das sei schon ziemlich einmalig, findet Gräßer. Durch Rezos starken Auftritt im Mai 2019 sei Politikern und Journalisten aber auch die Relevanz von Youtube "schlagartig" klar geworden.  

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Die Zerstörung der CDU. | Bild: Rezo ja lol ey (via YouTube)

Die Zerstörung der CDU.

Große Hoffnungen auf einen Preis kann sich auch der Berliner Virologe Christian Drosten machen (nominiert in der Kategorie "Information"). Der NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update" mit Drosten als Interview-Experten wurde in der Krise für viele Hörer*innen bundesweit zur täglich genutzten Informationsquelle. Ein Stellenwert, den früher bestenfalls die Tagesschau hatte. Für viele habe sich der Podcast zu einer "Instanz" entwickelt, schreibt die Jury, die sich diesmal unter über 1.000 Einsendungen für 28 Nominierungen entscheiden musste. Und Drosten sei sogar, als die Bewerbungsfrist längst abgelaufen war, immer wieder für eine Auszeichnung vorgeschlagen worden.

In Krisenzeiten ist das Informationsbedürfnis besonders hoch. Deshalb konkurrieren diesmal sehr viele Bewerbungen aus dem Info-Bereich für die Online-Awards. Mit zu den jüngsten Bewerbern zählt Esra Karakaya, die auf dem funk-Youtube-Kanal als gut gelaunte Gastgeberin nicht mit den üblichen Verdächtigen talkt, sondern bevorzugt People of Color einlädt, um die Dinge für ihr Publikum mal anders zu betrachten.   

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Verkackt – ob mit oder ohne Kopftuch I KARAKAYA TALK | Bild: KARAKAYA TALK (via YouTube)

Verkackt – ob mit oder ohne Kopftuch I KARAKAYA TALK

Auch Geschichte und Erinnerung spielen diesmal eine große Rolle: Erzählen, was nicht erzählt werden kann – das versucht die vom BR und dem Institut für Zeitgeschichte realisierte Höredition "Die Quellen sprechen", bei der Original-Dokumente zur Judenverfolgung aus der Nazi-Zeit zu hören sind, ergänzt durch Gespräche mit Zeitzeugen und Historikern.

In vielen Spielarten zeitgeschichtlich aufgearbeitet wurde auch das Jubiläum 30 Jahre Mauerfall. Der mdr hat dazu das auf Daten gestützte Projekt "Warum die Treuhand das Land spaltet" entwickelt.

Zeit Online ist mit einem sehr aufwendigen, datenjournalistischen Format nominiert: Bei "Darüber spricht der Bundestag" wurden mehr als 200 Millionen Wörter aus allen Bundestagssitzungen transkribiert und in eine interaktive Datenbank eingespeist. Wer will, kann hier Karrieren von "Bundeswörtern" nachrecherchieren, wann sie das erste Mal erwähnt wurden, wann durch sie bestimmte Themen aufploppten.  

Aber auch der Podcast-Trend schlägt bei den Nominierungen wieder stark durch: "Finding van Gogh" vom Frankfurter Städel Museum (nominiert in der Kategorie "Kultur und Unterhaltung") sei, so Gräßer, ein sehr interessantes Beispiel dafür, wie sich Museen heute in der Öffentlichkeit präsentieren. Der Podcast flankierte als Art Making Of die publikumswirksame Vincent Van Gogh-Ausstellung im vergangenen Jahr, macht aus der Recherche der Kuratoren zu der Blockbuster-Schau einen Kunstkrimi.

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FINDING VAN GOGH – Trailer zum Podcast (Deutsch) | Bild: Städel Museum (via YouTube)

FINDING VAN GOGH – Trailer zum Podcast (Deutsch)

Und was steigert die Chancen für einen Award? Interaktivität und Relevanz spielen eine wichtige Rolle, aber auch Form und Inhalt müssen unbedingt korrespondieren, meint Gräßer. Und: "Was letztes Jahr angesagt war, kann schon längst wieder out sein."

Zumindest thematisch dürfte das für 2021 nicht gelten: Durch die Pandemie sind aus der Not heraus viele neue Formate, Ideen und Plattformen fürs Netz entstanden – übrigens auch die BR KulturBühne! Nie wurde so viel gestreamt wie in den letzten Monaten. Doch für den Grimme Online Award 2020 kam die Corona-Krise mit all ihren Netz-Projekten und Aktivitäten verzögert. Überschattet diesmal Corona vor allem den Ablauf der Verleihung, dürfte im nächsten Jahr die Aufarbeitung der Krise in den Fokus rücken.