Kammerspiele-Stream "Gespenster": Die Familie Thomas Mann

Die Familie Thomas Mann ist ein Münchner Literaturheiligtum. Jetzt inszeniert das Kollektiv Raum+Zeit an den Münchner Kammerspielen ihre Geschichte: "Gespenster – Erika, Klaus und der Zauberer" ist eine Art theatralische Familienaufstellung. Am 23. Februar um 20:00 Uhr gibt es einen kostenlosen Stream auf der KulturBühne.

Von: Christoph Leibold

Stand: 20.01.2021 | Archiv

Vorne rechts: Katharina Bach, vorne links: Jochen Noch, hinten links: Svetlana Belesova, hinten rechts: Bernardo Arias-Porras  | Bild: Heinz Holzmann

Das Theater-Kollektiv Raum+Zeit um Autor Lothar Kittstein, Regisseur Bernhard Mikeska und Dramaturgin Juliane Hendes befasst sich oft mit Künstler-Biografien. Fürs Kunstfest Weimar setzte sich das Team mit Goethe auseinander, am Münchner Residenztheater entwickelte es eine Inszenierung über Karl Valentin. Gestern feierte ein neues Stück von Raum+Zeit an den Münchner Kammerspielen Premiere: "Gespenster – Erika, Klaus und der Zauberer" handelt von der Schriftstellerfamilie Mann. Eigentlich hätte die Uraufführung im November stattfinden sollen, doch dann kam der Lockdown. Nun haben sich die Kammerspiele für einen Livestream entschieden, wohlgemerkt einen echten Livestream. Keine Voraufzeichnung wurde da gestern abgespielt, sondern die Aufführung aus dem Theater in Echtzeit ins Netz übertragen. Christoph Leibold hat zugeschaut.

Auf der Spielfläche: vier Glasquader, sie gleichen Schaukästen. Darin stehen die Darstellerinnen und Darsteller, jede und jeder für sich. Ein Raumkonzept, das wirkt wie maßgeschneidert für die Hygieneauflagen durch Corona, denn getrennt durch Scheiben können sich die Akteure nicht zu nahekommen. Das Bühnenbild von Steffi Wurster sorgt aber nicht nur rein pragmatisch für die Sicherheit der Schauspieler. Das Setting erzählt auch Entscheidendes über die Figuren, die sie verkörpern, wirken die doch auf diese Weise wie eingesperrt in die Gefängnisse ihrer eigenen Ichs.

"Gespenster – Erika, Klaus und der Zauberer" ist eine Mischung aus Familienaufstellung und Séance, in der Erika Mann am Ende ihres Lebens von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht wird. Vor allem von ihrem jüngeren Selbst, das enthusiastisch mit einer Idee vorstellig wird: Es möchte "Geschwister" verfilmen.

Dreiecksverhältnisse, Promiskuität, Geschwisterliebe – alles drin

Dazu muss man wissen: "Geschwister" war ein Theaterstück von Klaus Mann, in dem er das Verhältnis zu seiner nur ein Jahr älteren Schwester Erika verarbeitet hat. Es handelt vom gemeinsamen, lustvoll ausschweifenden Leben jenseits gängiger Normen. Dreiecksverhältnisse, Bisexualität, Promiskuität, Geschwisterliebe – alles drin. Die junge Erika, in "Gespenster" gespielt von Katharina Bach, zeigt frivole Freude an der Libertinage. Svetlana Belesova dagegen verkörpert die desillusionierte alte Erika. Sie weiß: Das unverbindliche Experimentieren mit verschiedenen Beziehungsformen hat seinen Preis. Man bezahlt es letztlich mit Einsamkeit, weil sich dauerhafte Nähe so nicht einstellen will. Fast mitleidig blickt sie auf ihr früheres Ich, das noch nichts weiß von Klaus‘ Selbstmord 1949 und all den Abgründen, die sich später auftun werden.

Regisseur Bernhard Mikeska und Autor Lothar Kittstein lassen nicht nur die Zeitebenen virtuos verschwimmen in diesem Traumspiel. Sie bringen auch die Figuren und ihre Schöpfer zum Verschmelzen und verschränken zudem eigene Erfindungen mit der Wirklichkeit. Erika Mann starb 1969. In der Fiktion von Kittstein/Mikeska kreuzt Erikas jugendliches Alter Ego kurz vor deren Tod auf, um davon zu phantasieren, das Stück ihres Bruders auf die Leinwand zu bringen.

Das Stück greift zurück in die Realität

In der Realität aber entstand um diese Zeit ein ganz andere Film, ebenfalls nach einem Mann-Stoff, jedoch nicht von Klaus: Thomas Manns "Tod in Venedig" wurde verfilmt, von Luchino Visconti. An den Kammerspielen spielt Jochen Noch den Protagonisten der Novelle, Gustav von Aschenbach. Er sieht dabei jedoch aus wie deren Verfasser: Von Aschenbach und Mann werden zu einer Person.

Das ist insofern stimmig, als der Schriftsteller in diesem berühmten Werk seine eigene homoerotische Neigung literarisch sublimiert hat. Und auch der Jüngling, den von Aschenbach begehrt, und Klaus sind hier eins (beide spielt Bernardo Arias Porras als androgynen Borderliner). Die Kälte, die Thomas Mann zeitlebens gegenüber seinem Sohn zeigte, wird damit als eine Art Abwehrreflex und Selbstschutzmaßnahme gedeutet – als hätte der Vater den Sohn vor allem deshalb auf Distanz gehalten, um nicht der Versuchung zu erliegen, ihn zu missbrauchen.

Thomas Mann blieb gefangen in Konventionen

Thomas Mann, den seine Kinder den "Zauberer" nannten, verlagerte seine Sehnsüchte ins Literarische. Im echten Leben blieb er Gefangener gesellschaftlicher Konventionen, indem er seine Homosexualität unterdrückte. Erika und Klaus dagegen schafften es nie, aus dem Schatten des berühmten Vaters herauszutreten. Dafür versuchten sie aber die Regeln zu sprengen – und stürzten ins Haltlose. So eindringlich wie anschaulich erzählt "Gespenster" am Beispiel der Familie Mann von der Schwierigkeit, sich aus Zwängen zu befreien, ohne dabei aus allen Bindungen zu fallen.

In vielen ihrer früheren Inszenierungen schickten Raum+Zeit die Zuschauer in hautenge Eins-zu-eins-Begegnungen mit einzelnen Schauspielern. Das ist derzeit unmöglich. Kamera-Close-ups, der intime Ton der Darsteller, die in Mikroports sprechen, und die suggestiven Klanglandschaften, die Sounddesigner Knut Jensen komponiert hat, sind aber ein gutes Äquivalent für den fehlenden Nahkontakt. Raum+Zeit haben ihr Konzept überzeugend ins Digitale übersetzt.

Regie: Bernhard Mikeska
Text: Lothar Kittstein
Künstlerische Mitarbeit: Juliane Hendes
Bühne: Steffi Wurster
Kostüme: Almut Eppinger
Sounddesign und Musik: Knut Jensen
Lichtdesign: Charlotte Marr
Dramaturgie: Mehdi Moradpour

"Gespenster – Erika, Klaus und der Zauberer" – das Premierenvideo wird am 23. Februar um 20 Uhr noch einmal gestreamt werden. Mehr Informationen dazu gibt es hier. Im Anschluss findet ein Publikumsgespräch, moderiert von Christoph Leibold statt.