Kommentar Warum wir aufhören müssen, immer mehr zu bauen

Bauen ist teuer, gleichzeitig wohnen viele Menschen in zu großen Wohnungen und Häusern. Beide Probleme können weder eine Mietdeckelung noch der freie Markt lösen. Also, was tun?

Von: Martin Zeyn

Stand: 19.04.2021

Baumhaus | Bild: Tiff Ng

Was tun gegen die Wohnungsnot? Die Eigenheimzulage erhöhen – und die Pendlerpauschale gleich mit? Damit sich mehr Familien irgendwo da draußen, weit ab von allem - von ÖPNV, Krippenplätzen, Einkaufsmöglichkeiten und Kultur - ein möglichst günstiges Spitzgiebelhaus bauen? Nein! Kleine Schritte – in der Kindererziehung und in der Politik bin ich ein Freund davon. Keine Wolkenkuckkucksheime, sondern realistische Fortschritte. Aber wo sind diese Verbesserungen beim Wohnungsbau?

Der Markt löst nicht das Problem

Der Staat und die Kommunen haben sich seit den 70ern aus dem sozialen Wohnungsbau zurückgezogen. Das Ergebnis: Geringverdiener können sich Wohnungen nahe ihrer Arbeitsplätze kaum mehr leisten. Und der freie Markt? Der macht Rendite, eben weil nicht genug gebaut wird und dadurch Knappheit entsteht. Das Ausmaß der Misere ist damit aber längst nicht vollständig dargestellt.

Ja, es ist richtig: Es gibt Investoren, die nur noch Eigentumswohnungen bauen, welche aber dem Mietmarkt nicht zur Verfügung stehen. Und es gibt die internationalen Konzerne, die wenig investieren, ausgenommen in eine Verwaltung, die die maximale Mieterhöhung berechnet und einfordert. Doch auch die Städte tragen eine Teilschuld: Denn während kaum noch ein Investor Mietwohnungen baut, weil sich mit Eigentumswohnungen schließlich mehr Geld verdienen lässt, verkaufen die Städte, etwa um wie im Fall Berlin liquide zu bleiben, ihren Grund meistbietend. Und meistbietend heißt: Keine Genossenschaft kannbei den Geboten eines Großinvestors mithalten. Und, als wäre das nicht genug, fallen auch noch alte Sozialwohnungen aus der Mietbindung. Das Ergebnis: immer weniger günstiger Wohnraum.

Unökologisch, unflexibel – das Einfamilienhaus

Natürlich könnte der Staat jetzt wieder an ein paar Stellschrauben drehen: Etwa die gesetzlichen Vorschriften verschärfen, wie stark in welchem Zeitraum die Miete erhöht werden darf. Oder Vorschriften lockern, die die Baupreise nach oben treiben. Das würde das Problem lindern, es aber nicht beheben und zudem weitere schaffen: Denn wenn wir noch mehr bauen, verbrauchen wir noch mehr Rohstoffe. Und wenn wir weit draußen bauen, dann haben alle Häuser eine Doppelgarage, weil alles mit einem Auto erledigt werden muss. Sprich: Mit dem ausufernden Bauen in der Peripherie versiegeln wir sogar noch mehr Boden, zerstören Natur und befeuern letztendlich den Klimawandel.

Sehen wir uns darüber hinaus die Realität in den Neubaugebieten an: Die Häuser werden gebaut, wenn die Kinder klein sind. 20 Jahre später ziehen sie aus. Übrig bleiben zwei Leute in einem sehr großen Haus und wenn dann noch ein Partner stirbt, dann ohnt ein Mensch allein in einem riesigen Haus. Das ist Platz- und Ressourcenverschwendung.

Teilen, nicht besitzen

Deshalb denke ich: Das Konzept, Wohnraum zu besitzen, ist überholt. Wohnungsgenossenschaften hingegen bieten ihren Mitgliedern flexibele Modelle an. Die Wohnung vergrößern, wenn Kinder da sind, und verkleinern, wenn man sich scheiden lässt. Das kann kein Einfamilienhaus. Und warum nicht noch weitergehen? Gemeinsam genutzte Waschmaschinen kennen wir. Warum aber nicht auch Gemeinschaftsküchen. Wir könnten den Platz dafür einsparen – und müssten beim Umzug unsere teuer bezahlte Einbauküche nicht verscherbeln. Sharing reduziert die tatsächlichen Kosten und schont Ressourcen, weil viel weniger hergestellt werden muss. Tatsächlich fordert der Weltklimarat, dass wir deutlich weniger Elektrogeräte produzieren. Gemeinschaftsküchen wären da eine einfache Lösung. (Okay, wer je in einer WG die ellenlangen Abwaschpläne plus die verhärmten Anklagen, wer wessen Lieblingsjoghurts gegessen hat, gelesen hat, ahnt, wir handeln uns da auch Probleme ein, aber zumindest keine der Ökologie.)

Günstiger Wohnraum als Menschenrecht

Auch sollten die Städte darauf verzichten, Grund zu verkaufen. Denn veräußerter Grund ist auf ewig weg und jeder Planung entzogen, die auf neue Entwicklungen zu reagieren versucht. Sinnvoll wäre es etwa, den Grund mittels einer Erbpacht von einer 90jährigen Laufzeit zu vergeben. D.h. die Städte verkaufen nur noch zeitlich begrenzte Nutzungsrechte, bekommen aber nach Ablauf den Boden zurück. Allerdings schafft auch das Probleme: Die wichtige Einnahmequelle, viel Geld durch den Verkauf städtischer Grundstücke würde dann wegfallen. Eine große Belastung für die Kommunen, denn noch kann eine Stadt wie München durch den Verkauf sämtliche Infrastrukturmaßnahmen bezahlen – also etwa Straßen oder Schulen. Das heißt: Würden Städte den Verkauf ihrer Grundstücke stoppen, müssten Steuern erhöht werden. Lohnen würde sich das allemal. Denn dafür bekämen wir lebenswerte Städte, mit bezahlbaren Wohnungen. Und nicht Innenstädte wie in Paris oder London, die perfekt aussehen, aber nur noch für die Wohlhabenden bzw. die Reichen der Welt erschwinglich sind: eine Barbie-Welt, die mit Vielfalt und Lebendigkeit nichts zu tun haben will.

Es geht also nicht darum, die Menschen aus der Stadt raus zu locken und im Endeffekt zu zwingen, gegen die Ökologie zu handeln. Sondern darum, bezahlbaren, effizienten Wohnraum in der Stadt zu schaffen wie etwa in Wien. Das muss eine zentrale Aufgabe aller Kommunen werden. Das erfordert aber auch ein Umdenken bei uns: Wir müssen aufhören, Wohnbesitz als etwas per se Sinnvolles zu betrachten. Nur dann können wir beide Probleme lösen: Ein Bauen, das der Ökologie schadet, und ein Wohnen, das Raum und Ressourcen verschwendet.