Urteil Johnny Depp vs. Amber Heard "Die Öffentlichkeit entscheidet archaisch"

Stand das Urteil im Prozess zwischen Amber Heard und Johnny Depp schon im Vornherein fest? Zumindest in der medialen Wahrnehmung war schnell entschieden, wer der Gute und wer die Böse war, sagt Rechtswissenschaftler Volker Boehme-Neßler.

Von: Max Büch

Stand: 03.06.2022 | Archiv

01.06.2022, USA, Fairfax: Amber Heard wartet vor der Verlesung des Urteils im Fairfax County Circuit Courthouse. | Bild: dpa-Bildfunk/Evelyn Hockstein

Das Urteil ist gesprochen im Vefahren zwischen Johnny Depp und Amber Heard, Depp wurden 15 Millionen US-Dollar Schmerzensgeld zugestanden, Heard hingegen nur zwei Millionen US-Dollar. Der Prozess und das mediale Spektakel, das ihn begleitet war, war in vielerlei Hinsicht denkwürdig und wird noch länger nachhallen. Volker Boehme-Neßler ist Professor für Öffentliches Recht und Medien- und Telekommunikationsrecht an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und hat den Einfuss der öffentlichen Meinung auf den Prozess beobachtet.

Max Büch: Die Stimmung in der Öffentlichkeit, vor allem auf Social Media, war sehr früh zugunsten Johnny Depps gekippt. War damit das Urteil auch ein Stück weit erwartbar? 

Volker Boehme-Neßler: Ich denke tatsächlich, dass das erwartbar war. Auf den ersten Blick hat Johnny Depp gewonnen, aber wenn man genauer hinschaut, sagen die Richter bzw. die Jury auch: Beide haben was falsch gemacht. Das entspricht auch dem Verlauf des Prozesses, jedenfalls so, wie man ihn in der Öffentlichkeit verfolgen konnte. 

"Heard hat auch gegen die Öffentlichkeit gekämpft"

Der Prozess konnte sehr intensiv verfolgt werden. Mit Livestreams aus dem Gerichtssaal hat sich das Verfahren parallel zu einem medialen Spektakel entwickelt, das weltweit verfolgt, kommentiert und memetisch weiterverarbeitet wurde. Hat hier eine Vorverurteilung durch die Öffentlichkeit stattgefunden?

Das ist scharf ausgedrückt, aber ich denke tatsächlich, dass das stimmt. Die Sympathien in der Öffentlichkeit, in den sozialen Medien, auch in den klassischen Medien – und zwar, wenn ich das richtig verfolgt habe, nicht nur in Amerika, sondern weltweit – waren ganz klar auf der Seite von Johnny Depp. Insofern hat Amber Heard auch gegen die Öffentlichkeit gekämpft und das ist natürlich ein Problem. Im Prozess und in rechtlichen Zusammenhängen sind Vorverurteilungen verboten. Es gilt die Unschuldsvermutung. Jeder gilt als unschuldig, bis er rechtskräftig verurteilt worden ist. Das sollte im Idealfall in den Medien auch gelten, aber das funktioniert nicht. In den Medien entscheiden die Leser oder die Nutzer archaisch, aus dem Bauch, emotional. Da wird immer ganz schnell eine Entscheidung gefällt, wer der Böse und wer der Gute ist.

Was hat es für Folgen für die Justiz, zumindest für die amerikanische?

Rechtswissenschaftler Volker Boehme-Neßler

Es gibt Studien in Deutschland, die ganz klar feststellen, dass die Meinung der Öffentlichkeit Auswirkungen auf die Entscheidungen von Jurys und Richtern hat. In den USA gibt es einen ganz erheblichen Druck auf die Jury. Und wir müssen uns auch eins klarmachen: Jury heißt ja, dass juristische Laien entscheiden. Das sind also keine Berufsrichter, und die sind möglicherweise noch anfälliger für die Diskussionen der Öffentlichkeit.

Heißt das dann, zugespitzt formuliert, dass letztlich die Performance und die Medienarbeit wichtiger sind als die Beweisführung selbst?  

In spektakulären Prozessen, die so im Fokus der Öffentlichkeit stehen, kommt es nicht nur darauf an, was gesagt wird, sondern auch, wie es gesagt wird. Und es kommt darauf an, welche Bilder geschaffen werden. Der Prozess gegen O.J. Simpson war das Paradebeispiel dafür. In diesem Fall war es allerdings ein Strafprozess, der aber tatsächlich auch über das Fernsehen gewonnen wurde und über die Bilder, die im Fernsehen produziert worden sind und die angeblich die Unschuld des Angeklagten O.J. Simpson bewiesen haben.  

Was hat sich seit O.J. Simpson verändert?

Bei Heard gegen Depp waren die Diskussionen noch intensiver. Zur Zeit von O.J. Simpson waren das Internet und Social Media noch nicht so verbreitet war wie jetzt. Es wird in unglaublich vielen Foren diskutiert und an den Diskussionen auf Social Media waren viel mehr Menschen beteiligt als noch zu Zeiten von O.J. Simpson. Insofern waren die Diskussionen durch die Dominanz von Social Media nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ ganz anders. Das wirkt sich natürlich auf das Bild in der Öffentlichkeit und damit auch wieder auf den Prozess aus.  

"Vorwürfe gegen Johnny Depp waren gravierend"

Im Netz war die Mehrheit auf der Seite Johnny Depps. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus: Beobachten wir hier einen #MeToo Backlash?

Interessant ist, dass die Frau in diesem Prozess die Böse ist. Die Vorwürfe gegen den Mann, hier Johnny Depp, waren ja durchaus gravierend. Es ging auch darum, ob er Amber Heard geschlagen hat, ob er ein Frauenschläger ist. Das sind ganz massive Vorwürfe und nach #MeToo hätte man erwartet, dass dieses Thema viel stärker in der Öffentlichkeit thematisiert würde. Das ist aber nicht passiert. Zugespitzt könnte man sagen, dass das für die #MeToo-Bewegung ein Backlash ist.  

Weil die häusliche Gewalt medial kaum eine Rolle gespielt hat, obwohl sie ein Teil des Prozesses war?

In der Öffentlichkeit ging es gar nicht um die Frage, welche Rolle häusliche Gewalt oder die Gewalt von Männern gegen Frauen grundsätzlich spielen, sondern darum, ob Amber Heard sympathisch ist oder sie lügt. Das war das Entscheidende. Die Johnny-Depp-Fans haben die öffentliche Diskussion dominiert und ihren Star verteidigt. #MeToo heißt ja nicht, dass die Frau immer recht hat.  

Das sind also letztlich zwei Prozesse, die man führen muss?

Wenn man prominent ist, muss man sich dessen bewusst sein, dass man wie vor zwei Gerichten auftritt. Vor Gericht geht es um rechtliche Prozesse und Normen, es geht um Beweise und Beweiswürdigung. In der Öffentlichkeit geht es um das Bild, um den guten Eindruck. Da geht es um die Geschichte, die erzählt wird. Ist die Geschichte interessant, ist sie glaubwürdig? Oder ist es vielleicht eine Geschichte, die auch Vorurteile bedient und deshalb glaubwürdig wirkt?

Sehen Sie darin auch eine Chance? Hat die mediale Übertragung von Gerichtsprozessen vielleicht auch eine positive Seite?  

Sie hat eine positive Seite. Ein ganz wichtiger Eckpfeiler unserer demokratischen Justiz ist das öffentliche Verhandeln. Wir wollen keine Justiz, die im Hinterzimmer im Geheimen Urteile ausgekungelt, sondern das Volk soll sehen, was seine Richterinnen und Richter machen und wie Urteile zustande kommen. Öffentliche Justiz ist in einer Demokratie unverzichtbar, und das läuft in der modernen Mediengesellschaft dann auch über Medien, nicht nur über die Zuschauer, die direkt im Gerichtssaal sitzen.

"In Deutschland ist die Rechtslage rigide"

Wenn man sich als Gegenbeispiel mal den NSU-Prozess in München anschaut. Da haben Medien wie der BR und die SZ Protokoll geführt und das Verfahren dokumentiert, weil das von staatlicher Seite nicht garantiert war. Können wir uns dann doch durchaus da noch etwas abschauen für solche hervorgehobenen Prozesse?

In Deutschland ist die Rechtslage rigide. In Prozessen darf nicht gefilmt werden. Journalisten dürfen nur im Prozess sitzen und eigene Notizen machen. Mehr geht nicht. Ich persönlich würde dafür plädieren, auszuprobieren, wie es wäre, mehr Medien und mehr Liveübertragungen zuzulassen. Das ist aber nicht die herrschende Meinung unter den Juristen, da ist das eine Mindermeinung.

Man könnte aber zumindest Aufzeichnungen ermöglichen, die erst im Nachhinein veröffentlicht werden dürfen.

In Deutschland sind wir noch auf dem Stand von vor 100 Jahren. Öffentlichkeit heißt Saal-Öffentlichkeit. Im Gerichtssaal dürfen Bürgerinnen und Bürger sitzen und sich das angucken. In Zeiten der Mediengesellschaft sollte man überdenken, ob das noch zeitgemäß ist.