David Ranan über belastete Begriffe "Wir müssen uns vor dieser Sprache schützen!"

Terrorismus, Elite, Volk, Rassismus, Heimat, Freiheit – ein neuer Sammelband hinterfragt belastete Begriffe, an denen sich 28 namhafte Autorinnen und Autoren abarbeiten. Herausgeber ist der Politikwissenschaftler David Ranan – er hat dieser Sammlung den Titel "Sprachgewalt" gegeben.

Von: Joana Ortmann

Stand: 24.07.2021 | Archiv

Autokorso
| Bild: picture alliance/dpa | ZB

Drei Pässe hat David Ranan: den israelischen, den britischen und den deutschen. Und zwischen den drei Ländern pendelt Ranan, der als David Rosenzweig geboren wurde, und weiß, was Namen und Begriffe konnotieren. Vor seiner wissenschaftlichen und publizistischen Karriere war David Ranan lange Topmanager einer Bank und einige Jahre beim Mossad. Jetzt hat der Politikwissenschaftler einen Sammelband belasteter Begriffe herausgegeben.

Joana Ortmann: In einem Kapitel über "Patriotismus", das die Historikerin Marion Detjen geschrieben hat, da erscheint der Patriotismus zunächst als so etwas wie der nette Bruder vom bösen Nationalismus, eben als die gut gemäßigte Vaterlandsliebe. Aber das wird dann doch schnell herausfordernd: Vaterlandsliebe ist ja inzwischen auch schon ein Kampfbegriff...

David Ranan: Genau. Die Frage ist: Wozu wird der Begriff Patriot ins Spiel gebracht? Warum sagt jemand: Er ist ein Patriot? Sie ist keine Patriotin? Damit man die Leute bewegen kann, etwas zu tun, da Patriotismus allgemein als etwas Positives gesehen wird – oder jedenfalls: wurde. Und wenn ich genügend junge Menschen davon überzeugen kann, dass sie ihr Vaterland schützen müssen – wenn sie wahre Patrioten sind, die in den Krieg gehen, dann hören sie auf, Fragen zu stellen: Wieso braucht man eigentlich den Krieg? Was sind die Ziele des Krieges? Wohin führt das? Wir brauchen ja natürlich keine Soldaten, die denken, die Soldaten sollen halt ausführen, was die Politik von ihnen verlangt. Und da ist die Gefahr mit so einem Begriff wie Patriotismus.

Noch präziser zeigt sich das vielleicht im Begriff Terrorismus...

Ja, überhaupt kein Zweifel. Wenn man sich überlegt: Wenn ich jemanden als Terroristen bezeichne, dann habe ich beinahe schon eine Lizenz, ihn oder sie umzubringen. Im besten Fall werden sie illegal überwacht oder manchmal entführt, sehr oft gefoltert und manchmal auch außergerichtlich getötet. Und wir als Gesellschaft – das ist natürlich eine Verallgemeinerung, aber: Die meisten von uns, wenn wir hören, dass jemand ein Terrorist ist oder eine Organisation terroristisch ist, geben wir der Politik eine sehr weitreichende Erlaubnis, die Leute von uns zu entfernen, weil die Gefahr als ganz furchtbar gilt.

Und dabei denken wir nie: Wer beschließt nun, wer ein Terrorist ist oder kein Terrorist ist? Ein gutes Beispiel dafür ist die palästinensische Organisation Hamas, die in Gaza sitzt. Die israelische Politik hat schon vor Jahren beschlossen und auch den Westen überzeugt, dass Hamas eine terroristische Organisation ist. Damit wurden jegliche Kontakte mit Hamas verboten. Es ist so, dass, wenn die USA mit der Hamas sprechen möchte, dann müssen sie es über dritte Parteien machen, über Ägypten oder über Katar. Das Resultat ist, dass es in Gaza eine Bevölkerung von zwei Millionen Menschen gibt, die von der Hamas regiert werden, und keiner im Westen darf mit dieser Regierung reden. Das ist ja lächerlich. Man muss ja auch mit seinen Feinden reden.

An diesem Beispiel finde ich, sieht man sehr gut die trennende Sprachgewalt eines Begriffes. Terrorismus ist auch einer der vielen Begriffe in ihrem Buch, die auf -ismus enden. Das ist ja dieses Suffix, das im Deutschen ein Abstraktum bezeichnet – oft ein Glaubenssystem, eine Lehre, eine Weltanschauung. Viele der Begriffe, die Sie unter Sprachgewalt zusammenfassen, haben dieses in sich.

Ja. Aber wir dürfen dabei nicht vergessen, dass hinter jedem dieser -ismen auch Menschen stehen. Wir können theoretisch über Faschismus reden, und es kann sehr spannend sein. Aber wenn wir jemanden beschimpfen, er wäre Faschist, dann ist das ein persönliches Etikett, mit dem sie oder er leben muss. Ganz ähnlich beim Rassismus. Das heißt, wir dürfen es uns nicht zu leicht machen, indem wir nur über die -ismen denken. Der Arbeitstitel dieses Buches war übrigens "Ismus" – in der Korrespondenz zwischen dem Dietz Verlag und mir. Bevor wir den Titel Sprachgewalt gewählt haben.

Ist ja auch sprechend eigentlich... Trotzdem gibt es auch viele Begriffe in ihrem Buch, die durchaus positive Schwingungen erzeugen. Freiheit, Demokratie, Wahrheit, Heimat.

Der Beitrag zum Heimatbegriff, der ist sehr interessant. Ich als Herausgeber habe den Autoren wirklich sehr viel Freiheit gegeben, wie sie ihre Essays schreiben sollen. Aber ich wollte selber sicher sein, dass sie meine Hauptfrage beantworten: Von wem, wozu und wann werden diese Begriffe eingesetzt? Und das Hin und Her, was den Heimatbegriff anging, war wirklich sehr interessant. Aus meiner Sicht war Heimat ein wirklich unangenehmer Begriff. Als Schüler in Israel habe ich mich schon an dem Begriff gestört – ich bin ja in Israel aufgewachsen.

"Heimat" wurde interessanterweise ja aus allen Richtungen in die deutsche Politik gebracht. Einige Jahre nach dem Nationalsozialismus war es die Kommunistische Partei: 'Schützt die Heimat, wählt Kommunisten', da gab es so einen Slogan. Und dann haben die Neonazis viel später den Begriff auch wieder reingebracht: 'Die Heimat braucht Kinder, keine Homo-Ehe'.

Da sieht man auch die wechselnden Ideologien...

Ja, auch in Bayern: Es war ja ein Wunsch der CSU, dass das Innenministerium jetzt Heimatministerium heißt. Dabei hat sich in den Aufgaben des Ministeriums nichts geändert. Es ging um den Namen: Wir stehen auch für die Heimat, wählt uns, wir schützen die Heimat. Das darf auch sein. Nur wir müssen uns vor dieser Sprache schützen. Das heißt, die Sprache soll nicht verboten werden. Wir müssen nur erzogen werden, das zu verstehen, was man uns sagt, was die Politiker sagen und was die Schlagzeilen der Zeitung sagen. Wir denken ja meistens überhaupt nicht so viel, wenn wir einen Artikel lesen, dann nehmen wir es einfach hin und wiederholen es. Meistens lesen wir ja die Zeitung, in der wir uns gut fühlen. Wir denken ja nicht weiter nach über die grundlegenden Probleme und warum etwas gesagt wird. Mir geht es nur darum, dass besonders jüngere Leute sensibilisiert werden sollen. Gestern hat mein Verlag mir erzählt, dass ein Schuldirektor sich bei ihnen gemeldet hat. Er möchte gerne mit dem Buch ein ganzes Jahr Programm für sein Gymnasium machen, jede Woche wird ein anderer Begriff diskutiert. Das hat mich ganz besonders gefreut. Aus meiner Sicht müsste das jeder machen.

David Ranans Sammelband "Sprachgewalt" ist im Dietz-Verlag erschienen und kostet 26 Euro. Den Podcast dieses Gesprächs und alle andere Ausgaben unseres Sprachmagazins Sozusagen! finden Sie hier.