DanceOn@home Wie Senioren gegen die Einsamkeit antanzen

Alleine im Wohnzimmer tanzen: Gibt es ein traurigeres Bild zur Corona-Krise? Das Tanzprojekt DanceOn@Home hat aus der Not eine Tugend gemacht und den Gruppentanz im Netz neu erfunden.

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 08.01.2021 | Archiv

Szene aus dem Musikvideo zu "Come Undone" von Paper Waltz. Gedreht wurde bei dem Tanzprojekt "DanceOn" | Bild: Verena Eccardt/Paper Waltz

Lässt sich Einsamkeit wegtanzen? Isolde Eder sitzt in ihrem Wohnzimmer auf einem Stuhl, den Couchtisch und die Sessel hat sie zur Seite gerückt, damit sie genug Platz hat in den nächsten beiden Stunden. Sie sitzt aufrecht, den Bildschirm mit der Zoom-Schalte fest im Blick. Und los geht’s: eine kurze Begrüßung, sind alle wieder da?

Isolde winkt in die Kamera, grüßt bekannte Gesichter, schon setzt Klaviermusik ein – das Warming Up beginnt, mit kreisenden Bewegungen der Füße. Für die 83-jährige Isolde eine leichte Übung: Früher hat sie Stepptanz für Senioren gemacht. Jetzt sei ihr das aber zu anstrengend, erzählt sie fröhlich. Macht nichts. Es gibt andere Möglichkeiten, in Schwung zu bleiben.

Selbst mit Rollator – Hauptsache tanzen!

Isolde tanzt bei DanceOn, einem soziokulturellen Förderprojekt der Stadt München, das in der Pandemie neue Wege gehen musste: Vor Corona traf sich die Gruppe einmal im Monat zum Tanzen im Kulturzentrum 2411 am Hasenbergl. Bis zu 30 Seniorinnen und Senioren legten gemeinsam ihr Tänzchen aufs Parkett, egal ob mit körperlichem Handicap oder ohne.

Sogar mit Rollator oder im Rollstuhl funktionierte der Gruppentanz: "Den haben wir halt dann einfach gedreht!", erzählt Isolde. Oder zusammen einen Fingertanz gemacht. Schließlich lautet eine der wichtigsten Regeln bei DanceOn: Damit alle mitmachen können, orientiert sich die Gruppe am schwächsten Teilnehmer. "Wir sind wie eine Einheit! Das Tanzen macht uns frei. Alle strahlen Freude aus und nehmen die anderen mit!", beschreibt Erika Weinberg, eine andere Teilnehmerin, das Prinzip.

DanceOn ist kein Tanzkurs, bei dem mühsam Schritte einstudiert werden, sondern nutzt Ausdrucksformen des zeitgenössischen Tanzes. Etwa "Lead and Follow", also eine Art Frage- und Antworttanz, der die gesamte Gruppe in Bewegung bringt, bis am Ende ein Zusammenspiel entsteht.

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DanceOn Hasenbergl Trailer mit deutschen Untertiteln | Bild: DanceOn Hasenbergl (via YouTube)

DanceOn Hasenbergl Trailer mit deutschen Untertiteln

Dieses "Weiterschwingen" sei für ihn der eigentliche Zauber des Projekts, meint Ralf Otto. Der 63-jährige Ex-In-Genesungsbegleiter hat DanceOnHasenbergl vor knapp zwei Jahren gegründet. Bei seiner Arbeit im gerontopsychiatrischen Dienst hat er sich oft gefragt, wie es sich in unserer Gesellschaft mit Handicap normal leben lässt?

Keine Beschäftigungstherapie

Isolde hat sich von ihrem Stuhl erhoben. "Wenn ich tanze, kann ich aus mir rausgehen, mich besser öffnen. Man wird lockerer!", sagt sie und dreht sich in ihrem Wohnzimmer ein paar Mal im Kreis, lässt sich von der Klaviermusik inspirieren – und der Choreografin Andrea Marton. Für die Tanzvermittlerin aus München macht die Wertigkeit des Projekts den Unterschied: "Wir wollen die Menschen nicht unterhalten und beschäftigen, sondern ihnen etwas Wertvolles schenken."

Pianist Lukas Maier spielt schon länger für Senioren

Sie und der Pianist Lukas Maier bringen durch ihre Anweisungen und ihr Spiel die Gruppe zum Tanzen – ein gegenseitiges Geben und Nehmen: "Die Musik von Lukas ist dabei das Tragende, er spielt zum Beispiel einen leicht veränderten Schlager, eine Melodie von Udo Jürgens in der Art von Strawinsky, dazu wird improvisiert", erklärt die Choreografin. "Ich arbeite dabei mit den Möglichkeiten der Tanzenden, nicht mit den Einschränkungen." Sich selbst mit seinen Möglichkeiten dann als Wiederhall in der Gruppe zu spüren, sei für alle ein tolles Erlebnis!

Die Energie für diesen Prozess liefert Lukas Maier mit seiner Live-Musik: "Ich nehme die Bewegungen musikalisch auf, versuche, sie zu unterstützen – aber grätsche auch mal dazwischen, wenn ich den Eindruck habe, dass sie jetzt zu lahm herumeiern!" Der 29-jährige Pianist studiert an der Münchner Musikhochschule, mit dem Ziel, als Filmkomponist zu arbeiten. Zusammen mit Tom Appel hat er als Singer-Songwriter-Duo "Paper Waltz" im Dezember den Song "Come Undone" herausgebracht, im Video dazu sieht man die Menschen von DanceOnHasenbergl tanzen: "In dem Song geht es darum, sich selbst zu finden, authentisch zu sein. Für mich gibt es nichts Mutigeres, Schöneres und Ehrlicheres als das, was die machen!" Bei einem Tanztee würde er nicht freiwillig spielen, meint der Student. Und auch bei Filmmusik sei es anders: "Da ist ja meistens schon alles geschnitten! Hier kann ich frei gestalten!"

Klappt der Gruppentanz auch virtuell?

Isolde tänzelt mit strahlendem Gesicht durchs Wohnzimmer. Vorsichtig. Aber sie ist ja nicht allein. Ihr Mann Franz hat es sich auf der Couch gemütlich gemacht, passt auf sie auf. Seit fast sechzig Jahren sind die beiden ein Paar. Das Tanzen sei für seine Frau ein Trostpflaster, erzählt der Franz: "Da lebt sie auf. Wenn sie nicht mitmachen kann, ist sie totunglücklich!" Er selbst mache lieber Sport, aber das sei in der Pandemie auch schwierig geworden. Immerhin: Die beiden sind gemeinsam einsam in der Krise. Andere haben es schlechter erwischt.

Erika lebt mit ihren 76 Jahren allein zuhause. Ist das nicht ein bisschen riskant, so alleine vor dem Bildschirm zu tanzen? Wer bekommt denn mit, wenn einer über den Teppich stolpert und hinfällt? Überhaupt mache es über Zoom nicht so viel Spaß, sagt Erika. Sie kann dann nur über ihr Handy dabei sein: "Da kann ich gar nicht richtig mitmachen."  

Solche Klagen kamen auch von anderen. Dabei hatten sich Ralf Otto und sein Team große Mühe gegeben, alle Teilnehmer auf Zoom zu schulen, damit sie bei den Streaming-Veranstaltungen teilnehmen können, hatten CDs aufgenommen, DVDs verschickt. Aber die Einsamkeit mit moderner Technik zu überwinden, ist eben doch nicht so einfach.

Um die Gruppe trotzdem im Lockdown zusammen zu halten, entstand eine neue Idee, um sogar noch das Alleinsein im Wohnzimmer auszutricksen: "DanceOn@Home - Verschenk einen Nachmittag mit Tanz und Musik!". Bei diesem Gutschein-Modell können Familienangehörige, Enkel zum Beispiel, ihrer Oma ein gemeinsames Wohnzimmer-Tänzchen schenken. Die Gutscheine sind kostenlos, man muss sich nur über Ralf Otto anmelden. Das geht unter: ralf.otto@dance-on.de Und man sollte an dem entsprechenden Termin für seine Oma Zeit haben, um mit ihr zusammen im Wohnzimmer zu tanzen, sie mal kurz aufs Sofa zu setzen, falls es doch zu anstrengend wird, und danach ein bisschen mit ihr zu plaudern.

Immer mehr Senioren miteinbinden

Die nächsten drei Veranstaltungen – am 18. Januar, 8. Februar und 8. März – sollen aus kleinen Bühnen in München gestreamt werden. Die Seniorinnen und Senioren sind zuhause über Zoom live dabei. Noch ist es ein kleiner Kreis, der mitmacht.

Doch Ralf Otto hat das Ziel, das Projekt nicht nur zu einem festen Bestandteil im Münchner Norden zu machen. Sondern den Radius auf die ganze Stadt auszudehnen, möglichst bis aufs Land hinaus, wo Senioren in ihrer Einsamkeit oft noch schwerer zu erreichen sind. "Das wird ein Riesenthema für die Zukunft, wie wir an diese Menschen rankommen. Und es geht ja nicht um diejenigen Senioren, die ohnehin gut organisiert sind, kulturell sehr interessiert, in ihrer Freizeit aktiv und die sich jetzt in der Krise ein bisschen langweilen. Es geht um diejenigen, die in Altenheimen oder in der Gerontopsychiatrie abgeschnitten sind von der sozialen Teilhabe."

Dabei könnte sich als Segen erweisen, was momentan von einigen als Mangel empfunden wird: das Streaming-Angebot bietet theoretisch die Möglichkeit, ganz viele einsame Menschen in ihren Wohnzimmern tanzen zu lassen. Und wie aufregend dürfte es erst dann werden, wenn sie sich zum ersten Mal als Tänzer live begegnen!