Nachbarschaften #3 Ronya Othmann – Nachbarschaft

Eigentlich kannte Ronya Othmann ihr Viertel ganz gut. Seit letztem Jahr kennt die Schriftstellerin es noch besser. Ein Text über Kohleofengeruch im Winter, Milieuschutz, dicke Katzen und Nachbarschaftshilfe.

Stand: 07.01.2021 | Archiv

In meinem Viertel kenne ich jeden Stein. Seit diesem Jahr kenne ich jeden Stein nun noch besser. Jeden Bretterverschlag, jeden Innenhof kenne ich auch, weil ich einen Kater habe, der oft verloren geht. Und meinen Kater sehr groß, sehr dick, sehr laut, kennt man im Viertel auch. Ich gehe zurzeit wie alle in meinem Viertel viel spazieren. Die langen Straßen entlang, die Parks auf und ab. Bei den Skatern vorbei, die den Joggern den Weg abschneiden. Der Park, der einmal ein eigenes Stadtviertel war, das in den 70er-Jahren in sich zusammenfiel und wo in der DDR ein Freizeitpark geplant war, der aber nie gebaut wurde. Der andere Park, der einmal ein Rittergut war und wiederum an einen weiteren Park grenzt, an den wiederum eine Kleingartenanlage grenzt, bis man irgendwann an einen See kommt, der ein Weiher ist, wo vor ein paar Jahren ein paar Leichen versenkt wurden, und der mir seitdem unheimlich ist.

Mein Viertel, eine Ansammlung von wunderschönen Häusern, Gründerzeit, aber billig saniert, oft Schimmel und Stuck aus Styropor. Aber besser falscher Stuck als gar keiner. Das Ende meiner Straße, wo noch mit Kohleöfen geheizt wird und der Kohlegeruch im Winter zwischen den Häusern hängt.

Mein Viertel, in dem es zu wenige Mülleimer gibt, weil sie nach der Wende mit der Abwanderung in den Westen abmontiert wurden und seither nicht ausreichend wieder anmontiert wurden, obwohl die Bevölkerung wieder gewachsen war.

Mein Viertel, das von etwas, durch das ich mich täglich bewege, zu etwas geworden ist, das ich betrachte. Wie in einem Museum. Und das nach 22 Uhr geschlossen ist, weil dann die Ausgangsbeschränkungen gelten und man abends sowieso keinen Grund mehr hat vor die Tür zu gehen.

Mein Viertel, über das überregional viel geschrieben wird und selten gutes. Es heißt dann "Problemviertel", "Migrantenviertel", "Drogen, Rocker, Kriminalitätsviertel".

Beim Spazieren gehen daran denken, dass man solche Viertel, die es in jeder noch so kleinen Stadt zu geben scheint, weder dämonisieren, noch romantisieren darf.

Mein Viertel, wo in den letzten Jahren ein Bioladen eröffnet hat, mehrere Cafés, wo es vegane Kuchen gibt. Mein Viertel, das jetzt unter Milieuschutz steht, damit die Mieten nicht mehr steigen, und ich hoffe, dass es hält.

Mein Viertel, in dem ein Haus besetzt wurde, das als Spekulationsobjekt dem Verfall überlassen wurde. Und die Hausbesetzer*innen erst einmal sauber machten und ein Nutzungskonzept vorlegten.

Mein Viertel auch, in dem sich dieses Jahr mehr Menschen bei der Nachbarschaftshilfe zum Helfen gemeldet haben, als Hilfe benötigt wurde.

Mein Viertel, in dem in Chatgruppen mitgeteilt wird, wenn wieder irgendwo eine Abschiebung stattfindet. Und zehn Minuten später ist die Straße, in der die Abschiebung stattfindet, voll mit Menschen. Und da wünsche ich mir, die Polizei würde überall so sehr am Abschieben behindert werden wie in unserem Viertel .

Seitdem ich nicht mehr wegkann hier, bin ich um so mehr auf mein Viertel zurückgeworfen.

Wie alle in meinem Viertel sitze ich gerade viel in der Wohnung.

Ich sitze auf dem Fensterbrett und lese.

Ich sehe meine Nachbarn vom Fenster aus. Die Frauen, die sich jeden Tag vor unserem Haus mit ihren Hündchen treffen, um Gassi zu gehen. Die kleinen Hündchen, die immer ein bisschen ängstlich vor unserem Haus rumspringen, weil sie wissen, dass hier mein riesiger Kater wohnt. Mein alter Nachbar, der einmal mein Fahrradventil abgeschraubt hat, weil er wütend war, weil mein Rad immer im Hausflur steht. Aber seitdem wir zusammen einmal einen brennenden Kinderwagen im Hausflur gelöscht haben, grüßen wir uns, wenn auch nicht freundlich.

Die Nachbarskinder, die bis in den Herbst im Hinterhof Fußball gespielt haben.

Ich lese. Ein Nachbar klopft, mein Kater stehe vor der Haustür und will reingelassen werden. Ich lasse meinen Kater rein und lese weiter.

Texte über Nachbarschaft

Weil das Thema Nachbarschaft in Zeiten von Corona allgemein interessant ist, haben wir Autorinnen und Autoren eingeladen, über ihre jeweiligen Nachbarschaften nachzudenken. Gerade in Zeiten eingeschränkter Bewegungsradien gerät das direkte Umfeld wieder mehr in den Blick. Neben Ronya Othmann haben auch Helga Schubert und Joshua Groß exklusive Texte beigetragen.