Schriftsteller und ihre Nachbarschaft #1 Helga Schubert über 45 Jahre Nachbarschaft in Mecklenburg

In ihrem Garten in Neu-Meteln las Helga Schubert im Sommer 2020 jenen Text, für den sie den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt. Für den BR hat die 81-Jährige sich Gedanken über ihren Begriff von Nachbarschaft gemacht.

Stand: 07.01.2021 | Archiv

Dieses Haus auf diesem Weg, der als Sackgasse zu einem Schwingmoor führt, in einem Ortsteil eines Dorfes in Nordwestmecklenburg, haben wir seit 1975, seit 45 Jahren. Die ersten 33 Jahre pendelten wir vom Hochhaus in Berlin hierher in die Einsamkeit, erst vor zwölf Jahren zogen wir ganz und gar hierher. Vorher bestand unsere Nachbarschaft aus Menschen, die wir vor dem Fahrstuhl im obersten Stock trafen und denen wir wortlos zunickten, bevor wir schweigend die 13 Stockwerke hinunterfuhren. Darunter waren auch zwei junge Männer, die aber nicht zueinander gehörten, der eine lächelte und grüßte, der andere nie. Einmal sagte jemand im Fahrstuhl, ein junger Mann sei von ganz oben aus seiner Einzimmerwohnung gesprungen, und mehrere in den Wohnungen unter ihm hatten ihn an ihren Fenstern vorbeifliegen sehen. Nun fürchtete ich mich jedes Mal davor, wenn ich zum Fahrstuhl ging, derjenige, der nie lächelte, könnte dort schon stehen oder aus dem sich öffnenden Fahrstuhl heraustreten.

Unseren direkten Nachbarn kannten wir mit seinem Namen, weil er auf seinem Namensschild auf der Tür stand, wir grüßten uns, denn vom Hauptgang aus hatten wir eine gemeinsame kleine Treppe, die wir laut Hausplan auch sauber zu halten hatten. So war das seit 1970, unserem gemeinsamen Einzug in den Neubau. Wir besuchten uns nie. Vor dem Ende der DDR erkundigte sich ein Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit, nachdem er sich ausgewiesen hatte, an unserer Tür nach ihm, besonders, weil der Bruder unseres Nachbarn in einer höheren Stellung wäre. Da sei es wichtig, ob er nicht etwa Westkontakte habe. Wir gaben keine Auskunft, der Offizier verbot uns, dem Nachbarn etwas von dieser Nachfrage zu berichten. Du sollst Deines Bruders Hüter sein, dachten wir aber und warteten bis auf die späte Heimkehr des Nachbarn und berichteten ihm. Er bedankte sich nicht und murmelte nur, ich habe gar keinen Bruder.

Als wir dann ein paar Jahre später die Stasiakten über uns lasen, war ein langer schriftlicher Bericht dieses Nachbarn über uns darüber enthalten, dass wir viele Besuche erhielten, woher, ob aus dem Westen, das könne er nicht sagen, aber unsere Kinder grüßen ihn höflich und wir machen auch die Treppe sauber, wenn wir dran sind. Mein Mann habe sogar auch manchmal gewischt. Das habe ich nie gemacht, sagte mein Mann beim Aktenlesen. Aber dieser Nachbar wollte wohl etwas Gutes über uns sagen. Kurz nach dem Mauerfall verunglückte er tödlich auf der Autobahn. Ich sah seiner Frau und seiner Tochter an, dass etwas Schicksalhaftes passiert sein musste, als sie aus dem Fahrstuhl stiegen. Und fragte sie.

Ihr Mann ist tot, und sie fährt weg, das passt nicht zu ihr

Auf unserem Weg hier im Dorf stehen auf unserer Seite fünf Häuser und gegenüber auch fünf. Drei Häuser gehören seit Generationen Alteingesessenen. Und sieben sind zugezogen. Das bleibt ein Unterschied. Als zum Beispiel in den Rundfunknachrichten der angebliche Tod meines Mannes gemeldet worden war, was wir im Gegensatz zu unseren Nachbarn nicht gehört und darum auch noch nicht dementiert hatten, standen einige mit gesenktem Kopf vor unserem Haus und grüßten mich ernst, als ich so gutgelaunt in den offenen Zweisitzer einer Freundin stieg und wegfuhr.

Friedliche Nachbarschaft?

Ihr Mann ist tot, und sie fährt weg, das passt nicht zu ihr, hätten sie anschließend gesagt. Der Sattler im Hauptdorf vermutete, ich werde das Haus verkaufen und wieder nach Berlin ziehen. Der Domchor in Schwerin fragte sich, wie ich das verkrafte. Der Leiter des Stabes eines Ministers und seine Frau aus der Personalabteilung eines anderen Ministeriums, sie wohnen um die Ecke, hörten es beim Tanken und waren auf dem Weg zum Tante-Emma-Laden im Hauptdorf, um eine Trauerkarte zu kaufen, als sie uns mit ihrem Geländewagen langsam auf der schmalen Straße im Schritttempo überholten, erst mich auf dem Fahrrad, beide mit ernstem seitlichen Blick, dann 10 m vor mir meinen Mann, auch auf dem Fahrrad. Da blieben sie stehen und fuhren wortlos zurück.

Die Nachbarin im Reihenhaus kam nicht, sondern holte die Polizei

Sie hatten uns zu ihrer Hochzeit im Garten ihres Reihenhauses eingeladen, die zwei Ministerien saßen an langen Tischen unter weißen Zeltdächern, auch die Nachbarin im Reihenhaus hatten sie eingeladen. Die aber kam nicht, sondern holte die Polizei wegen Ruhestörung. Wir saßen gerade am Grill der Hochzeitsgesellschaft, als das Überfallkommando kam und eine Minute später dem Brautpaar gratulierte. Nicht nur die Polizisten, sondern auch die meisten Gäste waren Beamte. So wussten sie alle, dass die Polizisten zur Vermeidung von Korruption und Beamtenbestechung keine Grillwurst annehmen durften.

In unsere Nachbarschaft kommt öfter mal die Polizei. Wir sahen sie einmal im Winter vor dem Nachbarhaus parken, als wir gerade unsere Frühstückszeitung lasen. Darin stand eine Meldung über den Diebstahl eines Rasentraktors genau in unserem Weg in unserem Ortsteil. Mein Mann bat mich scherzhaft, einmal nach unserem Rasentraktor zu sehen. Ich öffnete die Stalltür, die wir nie abschlossen: Der Rasentraktor war weg, nur ein kleiner alter Rasenmäher, noch aus der DDR, stand in der Mitte des großen Raums wie ein verlassenes Haustier.

Ich ging zurück zum Frühstückstisch. Woher konnte die Zeitung das schon wissen, fragten wir uns. Dann schlug ich vor, die Nachbarn zu informieren und ihnen zu raten, nach ihren Rasentraktoren zu sehen. Bei allen waren sie weg – und sie hatten es so wie wir im Winter nicht gemerkt. Nur unsere Nachbarn in dem neuen Haus hatten den Diebstahl schon am Vortag der Polizei und der Versicherung gemeldet, uns aber nicht. Denn sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass man nicht jeden Tag nach seinem Rasentraktor sieht, natürlich auch im Winter, in der abgeschlossenen Extra-Garage an der Straße.

Was ich alles machen würde, um Frieden mit den Nachbarn zu haben

Sie sind sehr korrekt, von Anfang an: bei ihrem Einzug in ihr neugebautes Haus vor 15 Jahren hatten sie zu uns gesagt, dass sie keine Schmutzecken dulden und uns aufgefordert, auf unserer Seite des gemeinsamen 60 m langen Zauns in 30 cm Breite alles umzugraben, damit keine Graswurzeln von unserem Rasen zu ihnen herüberwachsen. Wir engagierten noch am selben Tag einen Mann aus unserem Dorf, der immer wieder mit dem Kopf schüttelte, aber diesen Auftrag ausführte. Weil bei den Bauarbeiten im Nachbarhaus auch Teile unseres Zauns zerbrachen, vielleicht weil ihr Baukran dagegen fuhr, und unsere neuen Nachbarn den Zaun also als etwas brüchig empfanden und das auch äußerten, bestellten wir beim Sägewerk neue Latten und Pfähle. Der LKW-Fahrer kam zwei Tage später ohne Beifahrer und bat mich, zum Ausladen kräftige Männer aus der Nachbarschaft zu holen. Da sie alle zur Arbeit weg waren, bot ich meine Hilfe an.

Plötzlich stieg unsere neue Nachbarin über den Zaun, zierlich, mit Leder-Maurerhandschuhen und äußerte: Zu Ihnen kann man ja gar nichts sagen – das machen Sie ja gleich. – Und ich antwortete: Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich alles machen würde, um Frieden mit unseren Nachbarn zu haben. Noch am selben Tag stieg sie wieder über unseren Zaun, als wir gerade am Kaffeetisch saßen und schenkte uns zwei Stück Himbeertorte. Im Weggehen bat sie mich noch, sie immer anzurufen, versprechen Sie mir das, hier ist meine Handynummer, immer geschaltet, auch in der Nacht, wenn ich für meinen Mann einen Notarzt rufe. Sie könnte dann schon den Zugang legen, bis er kommt. Spart doch Zeit für den Kollegen. Das war vor 15 Jahren. Und sie hat Wort gehalten. Manchmal steht ihr Hund schwanzwedelnd vor unserem Wintergarten. Und wenn ich ihn nach Hause schicke und er vorwurfsvoll zögert, dann ruft sie hinterm Zaun: Sie dürfen nicht so nett zu ihm sein, dann kommt er auch nicht.

Texte über Nachbarschaft

Weil das Thema Nachbarschaft in Zeiten von Corona allgemein interessant ist, haben wir Autorinnen und Autoren eingeladen, über ihre jeweiligen Nachbarschaften nachzudenken. Gerade in Zeiten eingeschränkter Bewegungsradien gerät das direkte Umfeld wieder mehr in den Blick. Neben Helga Schubert haben auch Joshua Groß und Ronya Othmann exklusive Texte beigetragen.