Nachbarschaften #2 Joshua Groß – Ein Ambiente gegen Verlassenheit

Der Lockdown erhebt die Nachbarschaft zum Lebenszentrum. Das kann schön sein oder schrecklich. Wir haben SchriftstellerInnen über ihr nachbarschaftliches Umfeld nachdenken lassen. Joshua Groß erkundet dieses am liebsten nachts.

Stand: 07.01.2021 | Archiv

Wenn ich ungestört bin, liebe ich meine Nachbarschaft am meisten: Wenn ich mit der Hündin noch einmal durch die leeren Straßen laufe, meistens nach Mitternacht – übers glatte, abgenutzte Kopfsteinpflaster, vorbei an den Mülltonnen zum Park hin. Hier im westlichen Ringgebiet von Braunschweig ist die Lichtverschmutzung so gering, dass ich, wenn es wolkenlos ist, viele Sternenformationen sehen kann. Es erstaunt und beruhigt mich, nach oben zu schauen; nur vereinzelt erkenne ich Sternbilder – aber ich mag, dass ich mich so merklich in einem Gefüge befinde, das weit und unerklärlich ist.

Jedenfalls bringen sich Nutrias und Kaninchen in Sicherheit, einige Büsche rascheln ungewöhnlich laut. Nachts sind die Parameter verschoben – ich nehme das, was mich umgibt, ohne Ablenkungen wahr. Manchmal schwillt hinter der Lärmschutzmauer Motorenlärm an und verblasst wieder in der Stille. Die blattlosen Äste der Bäume erheben sich über mir; sie kommen mir erleichtert vor, mehr mit sich selbst beschäftigt als tagsüber. Die Hündin schnuppert sich derweil durch Berge von Herbstlaub, das noch nicht vermodert ist.

Unbehelligt wird die Welt spürbarer

Um mich herum sind nur noch wenige Wohnungen erleuchtet, und maximal die Kletterpyramide auf dem Spielplatz glänzt halbseiden im Mondschein. Ich muss an das Wort Einkehr denken, im Sinne von: dass sich die Nacht in mir verwirklicht. Als ich wieder im Treppenhaus bin, um zurück in den dritten Stock zu gelangen, werde ich empfangen von abgestandenen Essensgerüchen und auf den Stufen liegen silberne Plastiksterne verteilt. Um solche Spuren aus anderen Leben bin ich froh, aber auch, dass ich niemandem begegne. Ich finde, die Welt wird spürbarer, wenn man unbehelligt ist.

In seltenen Nächten wird die entlegene Stimmung von Sirenen zerfetzt. Im August 2020 habe ich zufällig die Schnur von SpaceX-Satelliten beobachten können, die den Himmel perforierte; glänzende Punkte, in gleichbleibenden Abständen; zuerst war ich erschrocken, dann euphorisch. Oder tiefe Wolken verwickeln sich undurchdringbar im Winter: über dem Zentrum sind sie rostfarben oder fast blasslila gefärbt. Ich trage den Daunenmantel meiner Frau, ein paar mollige Schneeflocken sind im Schein der Laternen zu sehen, aber nichts bleibt liegen.

Aufgehoben, weil nicht zur Zugehörigkeit verpflichtet

Prekäre Umgebung: westlicher Ring Braunschweig

Im Computerspiel Cyberpunk 2077 geht etwas Faszinierendes und Verstörendes vor sich: wer das Game auf einer älteren Konsole spielt, die den grafischen Anforderungen nicht gewachsen ist, kann in eine unheimliche Version von Night City geraten, in der alle Passanten und der ganze Verkehr – alles, was für das Geschehen nicht unbedingt notwendig ist –, rausgerechnet werden. Auf Youtube kann man Videos davon sehen, wie Spielerinnen und Spieler durch eine verlassene Metropole fahren, deren futuristische und gleichzeitig ruinierte Architektur völlig fehl am Platz wirkt – Brücken, Wolkenkratzer, Tunnel: alles nur Ornamente der Einsamkeit. Das finde ich nicht verführerisch. Ich will nicht, dass mein Viertel verlassen ist, am Rande einer ausgestorbenen Stadt.

Ich habe meistens in prekären Umgebungen gewohnt, in Vierteln, die vergessen scheinen, wo sich Menschen rumtreiben, denen die niedrigen Mieten der Genossenschaftswohnungen mehr bedeuten als Miteinander; zweckgemeinschaftliche Orte, die nicht unbedingt geteilt werden, sondern zufällig gleichzeitig genutzt. Ich habe mich an solchen Orten nie fremd gefühlt, sondern eher aufgehoben – wahrscheinlich, weil keine Zugehörigkeit von mir verlangt wird.

Die Passanten der Anderen

Mit manchen Nachbarn entwickelt sich trotz allem eine stille Komplizenschaft, eine seltsame Solidarität, die wenig Interaktion verlangt – man nickt sich zu, tauscht ein Lächeln aus, zeigt, dass man sich wiedererkennt. Hier sind wir alle uns selbst überlassen, auf eine deprimierende und gleichzeitig befreiende Weise. Andererseits ist es so: unsere Autos sind der Verkehr und wir selbst sind die Passanten für die anderen, also wir bilden füreinander jeweils das Ambiente, das scheinbar unbeteiligt der Verlassenheit entgegenwirkt.

Texte über Nachbarschaft

Weil das Thema Nachbarschaft in Zeiten von Corona allgemein interessant ist, haben wir Autorinnen und Autoren eingeladen, über ihre jeweiligen Nachbarschaften nachzudenken. Gerade in Zeiten eingeschränkter Bewegungsradien gerät das direkte Umfeld wieder mehr in den Blick. Neben Joshua Groß haben auch Helga Schubert und Ronya Othmann exklusive Texte beigetragen.