Sarah-Lee Heinrich Gefangen in der Infantilisierungsfalle

Die Grüne Jugend-Sprecherin Sarah-Lee Heinrich holen auf Twitter gerade ihre digitalen Jugendsünden ein. Dabei zeigt die Debatte vor allem: Die Rettung der Menschheit liegt nicht in einer Verklärung des Kindlichen. Ein Kommentar.

Von: Knut Cordsen

Stand: 11.10.2021 | Archiv

Sarah-Lee Heinrich | Bild: picture alliancedpadpa-Zentralbild / Bodo Schackow

Erinnert sich noch wer an die Kamerakinder bei Michael Schanze? "1,2 oder 3" – welche Unschuld. Das war ungefähr zu der Zeit, als Herbert Grönemeyer sang: "Gebt den Kindern das Kommando, / Sie berechnen nicht / Was sie tun / Die Welt gehört in Kinderhände / Dem Trübsinn ein Ende / Wir werden in Grund und Boden gelacht / Kinder an die Macht."

Diese Zeilen von 1986 fallen einem heute wieder ein, heute, da Kinderreporter Kanzlerkandidaten interviewen und rechtsnationale AfD-Politiker in ihrer Unkenntnis deutscher Dichtkunst vorführen; da das Kindeswohl von grüner Seite in apokalyptisch getönten Wahlkämpfen so beschworen wird wie zuletzt zu Zeiten Konrad Adenauers ("Vater und Mutter wählen für mich CDU", 1953); da eine frischgewählte 20-jährige Bundessprecherin der Grünen Jugend mit ihren Tweets aus ihrer noch gar nicht lang zurückliegenden Teenager-Vergangenheit konfrontiert wird.

Das Internet vergisst nicht

Früher hätte man Sarah-Lee Heinrich ein "Menschenskinder!" zugerufen und die Sache wäre – so sie denn überhaupt ans Licht der Öffentlichkeit gelangt wäre, was unwahrscheinlich genug ist - als lässliche Jugendsünde abgetan worden. Aber das war eben einmal. Es ist eine Binsenweisheit und dennoch wahr: Das Internet vergisst nichts, was irgendwer mal irgendwie irgendwo irgendwann "getextet" hat. Also kann auch alles rückwirkend instrumentalisiert und gegen einen verwendet werden. Gäbe es heute noch Poesiealben, so könnte als goldene Regel in ein jedes derselben jener Satz aus Mithu Sanyals Roman "Identitti" geschrieben werden, der lautet: "Ich dachte, wir hätten ausgemacht, uns für unsere geistige Gesundheit fernzuhalten von Shitter und In-your-Facebook und Instagrief." Postekuchen!

Heute sind Parteien wie die FDP auf "Joy and Fun"-Plattformen wie TikTok und gewinnen dort Erstwähler-Stimmen für sich mit einer Ansprache, die nur naive Zeitgenossen kindsköpfig nennen werden, denn sie funktioniert in all ihrer Infantilität. Einzig Bürger, die in puncto asoziale Medien Abstinenz walten lassen, werden sich verwundert zeigen über Diminutive wie "Bürgis" – um mal einen der harmlosen Ausdrücke der nun von einem Shitstorm heimgesuchten Sarah-Lee Heinrich zu zitieren. Bürgi - so wird dort ganz ernsthaft geredet, ohne dass auch nur einer lacht.

Poschardt im Sandkasten mit Brechtken

Das Leben im gelobten Land Digitalien ist ein großer Kindergarten – und es ist beachtlich, wer da mit wem spielt. Ulf Poschardt, Chefredakteur der "Welt", Jahrgang 1967, findet auf Twitter im Jungliberalen Benedikt Brechtken, Jahrgang 1999, einen Sandkastenkumpel. Reifezeugnisse werden oft voreilig ausgestellt – auch und gerade von Medienleuten, die sich regelrechte Wettbewerbe darin liefern, junge Talente zu scouten und zu promoten. Genauso freilich von einzelnen Parteien, die wie die FDP, die Grünen und Die Linke im Mai für eine Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre stimmten und damit im Bundestag dennoch scheiterten. Mit Blick auf die nun offenkundig von interessierter Seite zutage geförderten pubertär-degoutanten Meinungskrümel Sarah-Lee Heinrichs aus ihren späten Kindertagen muss man sagen: Es ist vielleicht doch klüger, die Wahlaltersgrenze bei 18 Jahren zu belassen.

Das Hauptproblem besteht in der Idealisierung des jungen Menschenalters. Dabei hat schon eine einstige Nachwuchshoffnung wie Philipp Amthor eindrucksvoll bewiesen, dass Jugend so wenig wie Alter vor Torheit schützt. In der sehenswerten NDR-Doku "Kevin Kühnert und die SPD" hat der immer etwas ungelenk wirkende 28-jährige Amthor einen kleinen Gastauftritt. Am Rande eines Streitgesprächs mit dem ungleich kameragewandteren SPD-Vize Kühnert erzählt der Konservative ganz begeistert, wie er kürzlich die paar Tage, die er krankheitsbedingt im Bett verbrachte, endlich mal habe nutzen können, um die letzte Staffel von "House of Cards" zu schauen. Man hätte sich nicht gewundert, wenn der Möchtegern-Frank-Underwood gestanden hätte, dass er beim Netflix-Bingen gewöhnlich Kinderschokolade verzehrt. Dass Kinderhände "dem Trübsinn ein Ende" bereiten, wie Herbert Grönemeyer reimte, möchte man angesichts all dessen folglich nicht behaupten. Denn sie berechnen nicht nur nicht, − sie wissen oft auch nicht, was sie tun.