Humboldt-Forum abreißen Weg mit dem Schloss, her mit dem Palast!

Eine Berliner Initiative fordert den Abriss des Humboldt-Forums und die Wiedererrichtung des Palasts der Republik. Gute Idee, findet unser Kommentator – denn das Humboldt-Forum ist eine Lüge.

Von: Martin Zeyn

Stand: 21.07.2021

Das Berliner Humboldt-Forum bei Nacht | Bild: picture alliance/imageBROKER/Stefan Ziese

Der "Wiederaufbau" des Stadtschlosses in Berlin war schon ein stadtplanerisches Armutszeugnis. Ein zentraler Ort ostdeutscher Identität wurde abgerissen, um ein Fake-Schloss zu bauen. Denkmalschützer sprechen von Wiederaufbau, wenn es noch irgendetwas von der originalen Bausubstanz gibt. Dem war beim Stadtschloss nicht so – denn das erhaltene Eingangsportal wurde ein paar Meter weiter am ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude angebracht.

Was Berlin von Las Vegas lernen könnte

So weit, so fatal, vor allem da hier 600 Millionen Euro verbaut wurden, die man auch hätte woanders vernünftig einsetzen hätte können. Selbst der Architekt Franco Stella scheint nicht glücklich gewesen zu sein – er hat eine Seite des Schlosses nicht rekonstruiert, sondern dort eine schmucklose Fassade entworfen. Offenbar hielt er es für nötig, den Fake als Fake zu kennzeichnen. Nach dem Motto: Dieser Bau ist zwar eine architektonische Lüge, aber wenigstens eine offensichtliche.

Aber wäre es nicht viel angemessener gewesen, dort die Fassade des Palasts der Republik einzufügen, damit der Las-Vegas-Charakter deutlicher würde? Viel Preußen, aber auch ein bisschen DDR? Das wäre ein echtes "Learning from Las Vegas" gewesen, mit diesem bahnbrechenden Buch hatten ja die Autoren Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour vor knapp 50 Jahren eine radikale Absage an das Authentische in der Architektur eingefordert. Was aber sagt es über ein demokratisches Staatswesen, wenn es keinen Neuanfang wagt, sondern sich hinter einem Potemkinschen Dorf von Geschichte versteckt?

Kultur als Lückenbüßer

Das Stadtschloss ist verklemmter Postmodernismus – wenn es überhaupt irgendetwas ist und nicht einfach nur städtebaulicher Murks. Denn eines sollte jeder Bau haben: eine Aufgabe. Das Stadtschloss aber hat keine – weil uns kein Kaiser mehr regiert und deswegen im Schloss wohnt. Also musste die traditionelle Notlösung her: Kultur als Lückenbüßer. Die Bestände vom Ethnologischen Museum Berlin und dem Museum für Asiatische Kunst sollten hier einen angemessenen Raum finden. Deswegen wurden die Innenräume nicht rekonstruiert, sondern der Architekt schuf moderne, funktionale Ausstellungsräume für ein Museum. Innen, aber nicht außen. Und es ist ein Problem, wenn das Äußere eine ganz andere Sprache spricht als das Innere.

Die Kuppel wurde mit einem Kreuz bekrönt, die alte Inschrift darunter wiederhergestellt: "Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind." Das ist eine Kombination aus zwei Bibelstellen, die auf den Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. zurückgeht – er wollte so sein Gottesgnadentum gegen die Revolutionäre von 1848 verteidigen. Problematisch genug für einen Bau, den wir als Demokratie finanziert haben. Aber als Widmung eines ethnologischen Museums liest es sich ganz anders: Als Rechtfertigung, für die Verbreitung des Christentums andere Völker unterdrücken zu dürfen.

Brutalität in Stein

Grobschlächtigkeit, ja Geschichtsvergessenheit ist das, die sich als neutrale "Wiederherstellung" ausgibt. Neutral ist an diesem Gebäude an dieser zentralen Stelle im Stadtraum nichts. Architektur ist eine Herrschaftsgeste: Hier darf ich bauen, hier darf ich mich verewigen. Was sagt es also über uns, dass wir Preußens Glanz und Gloria in einer Las-Vegas-Variante wieder auferstehen haben lassen? Wobei – von einer architektonischen Perle haben nur ganz verbohrte Kaisertreue gesprochen. Und wer neben der Architektur einen weiteren Beleg braucht für die unverhohlene Siegerpose: Der Museumshop bietet Nachbauten der Lampen aus dem Palast der Republik an. Eine größere Demütigung ist kaum denkbar: Wir reißen den Ort ab, aber verkaufen Euch teuer das, was Ihr vermisst.

Mein Vorschlag für die Weiternutzung dieses Baus, dessen Erbauer kein Fettnäpfchen ausgelassen haben: Ihn die nächsten dreißig Jahre – so lange stand sein Vorgänger – wieder mit Werbebannern verhängen, so wie während der Bauzeit. Und mit dem Geld, das damit verdient wurde, ihn abreißen. Und dann den Palast der Republik wieder aufbauen – so wie es gerade eine Initiative fordert. Auge um Auge, Abriss um Abriss. Das ist der Vorteil von Architektur – wir können sie wieder loswerden.