Tourismus in Transsilvanien Der Öko-Graf

Rumäniens Urwälder sind in Gefahr: Holz ist gefragt, andere Einnahmequellen fehlen. In den rumänischen Karpaten versucht ein Graf, auf seinem herrschaftlichen Anwesen Ökonomie und Ökologie zu versöhnen. Ein Experiment auf 3.500 Hektar Wald und Sumpf – inklusive Bären-Beobachtungsstation.

Von: Max Lebsanft

Stand: 28.01.2021 | Archiv

Zusammen mit seinem Bruder und seiner Mutter ist Graf Gregor Roy Chowdhury der Chef und Eigentümer des Zăbala-Anwesens in den Karpaten in Rumänien | Bild: Bogdan Croitoru

Durch das Panorama-Fenster aus Plexiglas beobachten sie das große Spektakel. Nicht weit entfernt pulen drei ausgewachsene Braunbären Maiskörner aus Baumstümpfen. Ein Guide hatte die Bären-Snacks zuvor versteckt. Für die Erinnerungsfotos aus sicherer Entfernung hat die Touristengruppe ein kleines Abenteuer hinter sich. In Rumänien befinden sich die letzten echten Urwälder Europas. Zwischen Fichten, Eichen und Buchen schleichen die Urlauber über einen kleinen Forstweg zu einer Holzhütte, von wo aus sich besonders gut Bären beobachten lassen. Bis dahin ist jedoch Vorsicht geboten, schließlich leben die gewaltigen Tiere hier in freier Wildnis. Ökotourismus nennt man diese Art Abenteuerurlaub. Denn neben der Bespaßung von Urlaubern, soll so auch die umliegende Natur geschützt werden.

Geschäftsmann trifft Naturfreund

Ausgedacht hat sich die Bärenbeobachtungsstation Gregor Roy Chowdhury. Zusammen mit seinem Bruder und seiner Mutter ist er der Chef und Eigentümer des Zăbala-Anwesens, das ungefähr eine Stunde östlich der siebenbürgischen Metropole Brașov liegt. Zu dem Anwesen gehört nicht nur ein 400 Jahre altes Schloss samt englischer Parklandschaft, vier Gästehäusern und Gestüt, sondern auch über 3.500 Hektar Wälder und Sumpfflächen. Als besondere Attraktion hat Graf Chowdhury nicht nur mehrere Wanderwege, sondern auch eine rustikale Sauna im Wald angelegt. Zusätzlich widmet er sich der Zucht sogenannter Sekler-Pferde. Diese eignen sich besonders für Ausritte durch die bergigen Wälder der Karpaten. Außerdem passt ein Ausflug zu Pferde auch deutlich besser zu den Urwäldern, als eine Tour mit dem lauten Jeep.

In den letzten Jahrzehnten wurden Rumäniens Wälder massiv abgeholzt, der Grund ist die große Nachfrage nach billigem Holz – auch aus Westeuropa. Obwohl den Menschen vor Ort durchaus bewusst ist, wie bedeutsam ihre Urwälder sind, gehen die Abholzungen weiter. Oft ist die Holzindustrie die einzige Einnahmequelle.

Chowdhury ist nicht der einzige Unternehmer in Transsilvanien, der Bären anlockt, um Besucher zu unterhalten. Was ihn von anderen unterscheidet: Die Station ist Teil eines umfangreichen Ökotourismus-Konzepts, mit dem Chowdhury hofft, die Natur seines Anwesens zu schützen und zugleich mit ihr Geld zu verdienen. Dazu braucht es einerseits Schutzprogramme, andererseits eine Infrastruktur – denn bisher bleiben die meisten Touristen in den Tälern, bei den vielen Burgen und Schlössern. In den Hochtälern des Karpatengürtels gibt es oft nur ein paar Hirtenpfade, mehr nicht. Das Konzept von Chowdhurys Ökotourismus besteht aus einem herrschaftlichen Ambiente – und dem Versprechen, unverfälschte Natur hautnah und komfortabel zu erleben.

Eine Snackbar in der Wildnis

Nach knapp einer Stunde Fahrt erreicht der Jeep eine ebene Fläche, die zusätzlich mit einer Walze planiert wurde. Der Wald ist hier lichter, es gibt vor allem Büsche und hoch aufschießendes Gras. Auf der Hangseite des Platzes ragt das Dach eines Schiffscontainers aus der Erde. Dort kann man sich mit seiner Kamera positionieren und Fotos machen. "Das haben wir zusammen mit einem ungarischen Fotografen entwickelt", erklärt Chowdhury. Es soll auch noch ein zweiter Container aufgebaut werden, der durch einen Tunnel mit dem größeren verbunden ist. Es fehlt noch eine Snackbar und ein Belüftungssystem, dann können die Fotografen hier den ganzen Tag bleiben und Bären schießen, in Farbe oder schwarz-weiß.
Chowdhury will mit dem Beobachtungs-Container zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Mit passionierten Tierfotografen könnte eine neue Gruppe von Gästen hierher kommen. Wichtiger sind aber die Fotos: Sie sind die beste Werbung für die Natur der Karpaten – und könnten viele weitere Touristen anlocken.

Private Initiativen für den Erhalt der Wälder?

Im Karpatenwald leben Luchse, Wölfe, Auerhähne, Hirsche und Bären. In Westeuropa gibt es solche Urwälder gar nicht mehr – ökologischer Tourismus könnte diese Urwälder dauerhaft schützen. Ob Chowdhury so einen Tourismus auf seinem Anwesen aufbauen kann, wird das nächste Jahrzehnt zeigen.