Jury-Vorsitzende im Interview Deshalb ist "Pushback" das Unwort des Jahres 2021

"Pushback" ist Unwort des Jahres 2021. Damit werde ein "menschenfeindlicher Prozess beschönigt", so die Begründung. Die Jury-Vorsitzende Constanze Spieß erklärt, was problematisch ist an dem Begriff – und welche weiteren Unworte im Gespräch waren.

Von: Hendrik Heinze

Stand: 12.01.2022

Polnische Grenzsoldaten stehen hinter dem Stacheldraht-Grenzzaun, der die Geflüchteten aus dem Nahen Osten davon abhält, die Polnisch-Belarussische Grenze nahe Grodno, Belarus, zu überwueren. Foto vom Mittwoch, 10. November 2021. | Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Leonid Shcheglov

Der Ausdruck Pushback stammt aus dem Englischen und bedeutet "zurückdrängen, zurückschieben". Im Migrationsdiskurs bezeichnet das Wort die Praxis von Europas Grenztruppen, Flüchtende an der Grenze zurückzuweisen und am Grenzübertritt zu hindern. Die Jury kritisiert die Verwendung des Ausdrucks, weil mit ihm ein menschenfeindlicher Prozess beschönigt wird, der den Menschen auf der Flucht die Möglichkeit nimmt, das Menschen- und Grundrecht auf Asyl wahrzunehmen. Wir haben mit Constanze Spieß über die diesjährige Auswahl gesprochen. Sie ist Professorin an der Universität Marburg und Sprecherin der Unwort-Jury.

Hendrik Heinze: Pushback, so steht es im Cambridge Dictionary der englischen Sprache, bezeichnet auch "a negative reaction to a change or to something new that has been introduced", eine ablehnende oder abwehrende Reaktion etwas Neuem gegenüber. Pushback, das kennen wir seit etwa zehn Jahren aber auch in einer anderen, wirklich hässlichen Bedeutung. Das Pushback, das Sie und Ihre Kolleg*innen meinen, was bedeutet das?

Constanze Spieß: Sie haben ja schon zu Recht gesagt, woher es kommt und wie es noch verwendet wird. Aber wir beziehen uns vor allem auf die Verwendung im Migrationsdiskurs. Hier bezeichnet das Wort die Praxis von Europas Grenztruppen, Flüchtende an der Grenze zurückzuweisen oder am Grenzübertritt zu hindern. Und ganz unterschiedliche gesellschaftliche Akteure, Politikerinnen, Journalisten, Journalistinnen und Organisationen verwendeten im Jahr 2021 den Ausdruck in Debatten zur Einwanderung über die europäischen Außengrenzen.

Sie sind sehr höflich: "Dass Grenzpolizisten Flüchtlinge am Grenzübertritt hindern." Man kann auch sagen, man schickt arme Schweine auf hoher See zurück, oder?

Könnte man auch. Das war jetzt auch die deskriptive Bedeutung des Ausdrucks. Die Jury kritisiert die Verwendung des Ausdrucks, weil mit ihm ein menschenfeindlicher Prozess beschönigt wird. Das heißt, durch den Prozess werden Menschen auf der Flucht an der Möglichkeit gehindert, ein Menschenrecht wahrzunehmen, ihr Grundrecht auf Asyl. Den Flüchtenden wird ein faires Asylverfahren vorenthalten, und das verschleiert dieser Ausdruck.

Vor zehn Jahren hätte man sich unter Sprachfreunden vor allem an Pushback gestört, weil es ein Anglizismus ist, ein Lehnwort. Und weil man das Ganze ja bittschön auch auf Deutsch hätte sagen können. Das ist kein Gesichtspunkt, der in Ihren Überlegungen eine Rolle gespielt hat?

Das spielt auch eine Rolle. Aber nicht, weil es ein Wort aus dem Englischen ist, sondern weil der Einsatz dieses Fremdworts zur Verschleierung des Verstoßes gegen die Menschenrechte und gegen das Grundrecht auf Asyl beiträgt. Durch die Verwendung des englischsprachigen Ausdrucks tritt das, was passiert, noch weiter nach hinten zurück. Mit dem Ausdruck werden auch Gewalt und Folgen wie Tod, die mit dem Akt des Zurückdrängens von Migranten verbunden sein können, verschwiegen. Das wird durch den englischsprachigen Ausdruck noch mal verstärkt.

Nun wird in den sozialen Medien schon erregt diskutiert. Ein Julian schreibt: "Pushback ist Unwort des Jahres. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass es auch Unding des Jahres wird." Ein Jules von der Linken stimmt ihm zu: "Pushback, das stehe wie kaum ein anderes Wort für die Verrohung der europäischen Politik." Das sind also die Stimmen, die Ihre Entscheidung begrüßen. Andere sind skeptischer, die sagen: Hätte es nicht eigentlich doch was mit Corona sein müssen? Was sagen Sie?

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Jules El-Khatib #Pushback ist Unwort des Jahres, vollkommen zu Recht. Denn es steht wie kaum ein anderes Wort für die Verrohung der europäischen Politik. Eine Politik die tötet, ob an der polnischen Grenze,wo grade eine Mutter erfor, oder in Naxos, wo grade ein ertrunkenes Baby angespült wurde.

Ja klar, der Corona-Diskurs dominiert natürlich auch. Wir haben ja nicht nur ein Unwort des Jahres gekürt, wir haben ja auch andere Wörter als Unwörter diskutiert. Und da ist natürlich auch auffallend, dass hier viele Vergleiche mit dem Nationalsozialismus bei Corona-Demonstrationen gezogen werden, die wir deutlich kritisieren. Wir wollten den Corona-Diskurs nicht ausblenden, aber auch auf andere Diskurse, die ebenso wichtig sind, mit der Wahl des Unwort aufmerksam machen.

Bei den Vergleichen mit dem Nationalsozialismus werden eine unzulässige Ähnlichkeit zwischen den Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie und der nationalsozialistischen Diktatur nahegelegt: Vor allem auf Demonstrationen gegen die Maßnahmen, wenn Ausdrücke wie Impfnazi verwendet werden oder Ermächtigungsgesetz statt Infektionsschutzgesetz oder der gelbe Stern mit dem Aufdruck "ungeimpft". Darauf haben wir auch aufmerksam gemacht, aber das ist ein ganzer Ausdrucks-Komplex, der hier eigentlich kritisiert wird.

Ich habe Sie bei einem früheren Interview schon mal gefragt, jetzt frage ich Sie wieder: Sind Sie und die Kolleginnen von der Unwort-Jury die Sprachpolizei?

Nein, das sind wir nicht. Wir schreiben ja niemandem etwas vor. Wir sind eine zivilgesellschaftliche Aktion – nicht eine exekutive Instanz, die über Einhaltung von Sprache wacht und bei Nichteinhaltung bestraft oder Bestrafungen durchsetzt. Das ist übrigens unsere Nummer zwei bei der Unwort-Wahl geworden: Sprachpolizei.

Weil es Sie nämlich doch stört, dass so Deppen wie ich Sie immer wieder fragen, ob Sie die Sprachpolizei sind.

Nein, weil der Ausdruck vor allem Personen diffamiert, die sich unter anderem für einen angemessenen, gerechteren und nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch einsetzen, der bisher benachteiligte Gruppen sprachlich einschließt. Und da haben wir vor allem auch an politische Akteure gedacht, wie zum Beispiel Winfried Kretschmann oder aber auch Hans-Georg Maaßen von der CDU, die den Ausdruck verwenden. Im Prinzip wird von denjenigen, die das Wort als Zuschreibung verwenden, genau das praktiziert, was sie damit kritisieren: nämlich eine Zensur. Sie wollen eine Zensur der Sprache und kritisieren aber, dass das andere machen. Und das hat uns sehr daran gestört, dass dieser Ausdruck so diffamierend eingesetzt wird.

Vielleicht darf ich Sie noch mal fragen, was Sie mit dieser Wahl eigentlich bezwecken? Sie scheint uns so selbstverständlich geworden über all die Jahre. So ein Unwort, das gibt es halt, wie es eben Silvester auch gibt. Aber warum machen wir das eigentlich? Warum machen Sie das eigentlich?

Das hat auch mit dem zu tun, was wir tagtäglich in an den Universitäten machen: Wir analysieren Sprache. Und nicht nur Sprache, sondern vor allem auch den Sprachgebrauch. Wir möchten vermitteln, dass wir mit unserem Sprechen auch handeln, dass wir etwas anrichten können. Es geht darum, für Sprachgebräuche zu sensibilisieren oder aber auch sprachliche Mechanismen aufzudecken, darüber aufzuklären und diese offenzulegen. Wir möchten Debatten anstoßen über Sprachgebrauch und darüber, was man mit Sprachgebrauch anrichten kann. Darum geht es uns.