NS-Dokumentationszentrum Nora Krug: Die Suche nach Bildern der Tyrannei

Nora Krug beschäftigt sich in ihrer Kunst intensiv mit dem 20. Jahrhundert. Jetzt hat sie einen Essay des Historikers Timothy Snyder illustriert: "Über Tyrannei". Im NS-Dokumentationszentrum München gibt es von heute an eine Ausstellung mit ihren Arbeiten.

Von: Niels Beintker

Stand: 01.10.2021

Nora Krugs Ausstellung "On Tyranny" | Bild: NS-Dokumentationszentrum München, Foto: Edward Beierle

Normalerweise bewahren wir in Fotoalben Bilder von schönen Ereignissen und Augenblicken auf. Das kleine Buch, das Nora Krug in einer Vitrine im NS-Dokumentationszentrum zeigt, ist ganz anderer Art. Es zeigt, mit mehreren akkurat eingeklebten Aufnahmen, die Verhaftung und Erschießung polnischer Widerstandsaktivisten im September 1939, nach dem Überfall der Deutschen. Nora Krug fand dieses beklemmende Dokument, einst im Besitz eines Wehrmachtssoldaten, auf einem Berliner Flohmarkt. Die Künstlerin ist oft an solchen Orten unterwegs und sucht nach historischen Fotografien. In ihren Bildern spielen diese Zeugnisse eine wichtige Rolle: "Für mich ist dieses Illustrieren mit Fotos und Zeichnungen ein Akt des Zeugens. Für mich war es wichtig, dass ich mich selber als Zeugin dadurch verstehe – dass ich den Leser mehr oder weniger dazu zwinge, hinzuschauen. Wir werden dadurch, dass wir historische Fotos anschauen, auch Zeugen. Und wir schulden es den Menschen, die auf diesen Bildern zu sehen sind, diese Momente auch zu bezeugen, daran teilzuhaben."

Eines der Fotos aus dem Soldatenalbum ist auch eingeflossen in die Illustrationen zu den 20 Lektionen zum Widerstand, die Timothy Snyder, einer der wichtigen amerikanischen Intellektuellen der Gegenwart, nach dem Wahlsieg Donald Trumps geschrieben hatte. Der Essay "Über Tyrannei" entwirft, nicht ohne Pathos, eine Ethik zur Verteidigung der Demokratie – mit Handlungsanweisungen wie "Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam" oder "Glaube an die Wahrheit". Nora Krug hat diese Maximen als eine Art Heftsammlung gestaltet: jedem kurzen Kapitel ist eine schwarze Seite mit einer filigran gezeichneten symbolischen Vignette vorangestellt, dann folgen, immer wieder in erstaunlichen Assoziationen, Bilder und Collagen, dazu der Text, stets handschriftlich.

Geschichte als Aneinanderreihung von Momenten

Dieses ästhetische Verfahren hat die in New York lebende Künstlerin bereits in ihrem Buch "Heimat", der Geschichte ihrer Familie, entwickelt: "Ich habe mich für diesen collagenhaften Stil entschieden, weil ich damit auch das Fragmentarische unserer Erinnerung und das Fragmentarische der Geschichte ausdrücken wollte. Wir denken ja immer, wenn wir den Begriff Geschichte hören an sehr chronologische Abläufe, so wie wir es im Geschichtsunterricht in der Schule gelernt haben. Gleichzeitig kann Geschichte auch eine Aneinanderreihung von persönlichen, individuell erlebten Momenten sein. Und indem ich die Zeichnungen von jetzt mit historischen Bildern oder grafischen Elementen wie Postkarten verbinde, wollte ich auch sagen, dass Tyrannei zeitlos ist. Zeitlos und universell."

In der Ausstellung im Münchner NS-Dokumentationszentrum wird nicht einfach nur ein aufwändig gefertigtes Buch präsentiert, mit Skizzen, Entwürfen, Illustrationen. Nora Krug hat für jede der 20 Lektionen über die Tyrannei eine Vitrine gestaltet und diese geschickt in die Dauerausstellung des Hauses integriert. Die Lektion "Bleib ruhig, wenn das Undenkbare eintritt" etwa steht in dem Bereich, in dem es um die Zerstörung der Demokratie in Deutschland geht, und wird kontrastiert von einem großen Foto Adolf Hitlers in SA-Uniform, bei einem Aufmarsch. Im Abschnitt über den Widerstand wiederum findet man das erwähnte Fotoalbum mit der Erschießung polnischer Zivilisten und eine von Nora Krug gezeichnete Biographie einer jungen Frau aus Warschau. Teresa Prekerowa half Jüdinnen und Juden im Warschauer Ghetto und rettete eine Familie vor den Deutschen. "Setze ein Zeichen" heißt die Lektion. Weitere Bilder folgen.

Akten vom Berliner Flohmarkt

"In diesem Kapitel, in dem es um Widerstand geht, habe ich zum Beispiel eine Zeichnung gemacht, in der ein Feuer aus Papier zu sehen ist: Eine ausgeschnittene Flamme, die Rot und Gelb koloriert ist. Und darunter ist eine Reihe von abgebrannten Streichhölzern zu sehen – und nur ein Streichholz ist noch nicht abgebrannt", erklärt Krug, "es geht um den fehlenden Widerstand vieler europäischer Länder zu Beginn der Amtszeit von Adolf Hitler, auch zu Beginn des Krieges. Die abgebrannten Streichhölzer zeigen die Nationen, die mitgemacht haben an dieser Zerstörung und Aggression."

Zu den Bildern von Nora Krug und den mit ihnen inszenierten Texten von Timothy Snyder kommen andere Objekte: eine Box mit Zinnsoldaten, der Taschenkalender eines Soldaten mit Aufzeichnungen vom Mai 1945, die Akte eines psychisch erkrankten Mannes, der im Nationalsozialismus medizinisch begutachtet wurde – die Künstlerin kaufte das Konvolut ebenfalls auf einem Berliner Flohmarkt. Man kann in der Beschäftigung mit diesen Dokumenten erfahren, auf welcher Grundlage die besonderen Bilderwelten von Nora Krug entstehen. Und ebenso, was ihr die künstlerische Spiegelung der Geschichte des 20. Jahrhunderts bedeutet.

Die illustrierte Ausgabe von Nora Krugs „Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand“ erscheint am 4. Oktober 2021 im Verlag C.H.Beck.

Die Ausstellung "On Tyranny. Zwanzig Lektionen für den Widerstand" im NS-Dokumentationszentrum München ist noch bis 30. Januar 2022 zu sehen.