Mahret Ifeoma Kupka "Eine inklusive Gesellschaft ist für alle der bessere Ort"

Frauen brauchen Geld und ein eigenes Zimmer: Diese Forderung Virginia Woolfs ist heute noch wichtig. Die Kunstwissenschaftlerin Mahret Ifeoma Kupka erzählt, warum – und wieso Feminismus und Gender-Diskurse für alle befreiend sind.

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 02.03.2021

Mahret Kupka, Kunstwissenschaftlerin, freie Autorin und Kuratorin für Mode, Körper und Performatives am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt, vor blauem Hintergrund | Bild: Marina Ackar

Im Oktober 1928 hielt Virginia Woolf zwei Vorträge über "Frauen und Literatur". Eher ein Spartenthema der "Frauenfrage", trotzdem wurden die Reden später unter dem Titel "Ein eigenes Zimmer" zu einem gedankenscharfen, elegant-ironischen Schlüsseltext des Feminismus. Doch was ist heute noch dran an diesem "eigenen Zimmer", das auf den ersten Blick wie ein weltflüchtiger Luxus wirkt? Was fangen jüngere Feministinnen mit den Grundmotiven von Woolfs Essay an? Mahret Ifeoma Kupka ist Kunstwissenschaftlerin, freie Autorin und Kuratorin für Mode, Körper und Performatives am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt. Beate Meierfrankenfeld hat mit ihr gesprochen.

Beate Meierfrankenfeld: Virginia Woolf befasst sich in ihrem berühmten Essay "Ein eigenes Zimmer" ausführlich mit dem männlichen Blick auf Frauen. Als Frau sei man "das am häufigsten abgehandelte Tier des Universums", schreibt sie. Sind Frauen noch immer eher Objekte der Wahrnehmung?

Mahret Ifeoma Kupka: Es hat sich natürlich zum Glück seit Virginia Woolf schon ein bisschen was verändert, und ich glaube, ganz wesentlich bei dieser Veränderung ist die Bewusstwerdung über den männlichen Blick, den "male gaze". Dass Frauen eben nicht gleichwertige Subjekte sind, sondern tendenziell immer als konsumierbare Objekte betrachtet wurden. Das macht etwas mit ihrem Selbstwertgefühl, auch mit dem Möglichkeitsraum, wie sie sich selbst artikulieren können. Wenn immer dieser Blick des anderen einen selbst in der eigenen Existenz konstituiert, dann ist natürlich auch die Frage: Was bleibt denn übrig, wenn dieser Blick wegfällt? Wer ist die Frau ohne diesen objektivierenden und damit auch Existenz konstruierenden Blick des Mannes? Und obwohl sich viel verändert hat seit Virginia Woolf, würde ich schon sagen, dass wir immer noch recht weit entfernt sind von einem absolut gleichberechtigten, gleichwertigen Miteinander.

Der Rückzug in ein eigenes Zimmer ist bei Woolf auch ein subversiver Akt, der eine bestehende Ordnung in Frage stellt. Heute würde man das vielleicht einen "Safe Space" nennen? Brauchen wir solche Safe Spaces in einer komplexen Gesellschaft?

Ich glaube grundsätzlich, dass es Safe Spaces braucht, allerdings nicht, wie sie oft falsch verstanden werden, als Räume der Abspaltung – dass man sich dort aus einem allgemeinen Diskurs zurückzieht und irgendwie eine Parallelwelt schafft. Sondern vielmehr als Räume der Erprobung oder auch des Lernens, des Empowerns. Sei es für sich alleine oder in einem Austausch mit anderen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben – um dann wieder in die Welt eintreten und gleichberechtigt und auf Augenhöhe in eine Gestaltung gehen zu können. Und ich glaube auch, dass eigentlich Safe Spaces für alle notwendig sind, weil natürlich alle unter einer gewissen Gesellschaftsform leiden. Damit meine ich jetzt keine bierselige Männerrunde, in der irgendwelche Männlichkeitsrituale performt werden, sondern eigentlich ganz im Gegenteil Orte, an denen auch Männer in ihrer eigenen Verletzlichkeit einen Platz finden können. Denn es ist ja ein Irrtum, gerade wenn man von "der patriarchalen Gesellschaft" spricht, dass es da immer nur Unterdrückte und Unterdrücker gibt. Das Problem ist das System, und wenn ein Interesse daran besteht, dieses System zu transformieren und zu einem Ort zu machen, an dem alle gleichberechtigt und gleichwertig miteinander sein können, braucht es eben auch eine Reflexion dieser vermeintlichen "Täter-Position". Denn natürlich ist auch das eine einschränkende, zugeschriebene Position. Daher sind diese Safe Spaces durchaus wichtige, auch politische Orte.

Woolf fragte sich 1928, ob der Zorn der mächtigen Männer der "Hausgeist" oder der "Leibkobold" eben dieser Macht sei, also ganz eng mit ihr verbunden. Heute wäre das dann wohl die Wut, die Gender-Diskurse auslösen, oder?

Ja, das sehe ich auch so. Die Vorstellung von einer gleichberechtigten Gesellschaft ist oft mit einer Form von Machtverlust für eine Seite verbunden: Auf den ersten Blick scheint es so, dass man, wenn man anfängt, gerechter zu verteilen, vielen Menschen erstmal etwas wegnehmen würde. Das ist natürlich ein Problem, dem man irgendwie begegnen muss. Zum Beispiel, indem man Fragen anders stellt und Anreize schafft, damit Menschen verstehen, dass eine inklusive Gesellschaft, in der alle gleichwertig und gleichberechtigt miteinander verschieden sein können, für alle der bessere Ort ist. Und dass dieses Geben eher zu verstehen ist als eine Investition in eine gute Zukunft und weniger als ein Verlust.

Safe Spaces sind das eine, eine selbstbestimmte öffentliche Sichtbarkeit ist das andere. Was bedeutet diese Sichtbarkeit für den Gegenwarts-Feminismus?

Für mich bedeutet Sichtbarkeit zunächst wirklich, unterschiedliche Perspektiven, Lebensweisen und Herausforderungen sichtbar zu machen. Und das geht natürlich über Feminismus weit hinaus und richtet sich klar an Machtverteilungen grundsätzlich. Damit verbunden sind Fragen wie: Wer spricht? Wessen Stimmen werden ignoriert? Ich selbst denke Feminismus intersektional, das heißt, dass je nach Perspektive eben auch andere Aspekte von Diskriminierung mit im Vordergrund stehen können und müssen. Es ist eine große Herausforderung, all das im Blick zu haben, und es gelingt meiner Meinung nach eigentlich nur durch ein solidarisches Miteinander. Ich gehe auf zwei Beinen durch die Welt, das ist natürlich ein ganz anderes Erleben, als es eine Person hat, die mit einem Rollstuhl unterwegs ist. Und ich bin auf die Erfahrungen und Berichte dieser Person angewiesen, um überhaupt mein Bild von einer gleichberechtigten Gemeinschaft vervollständigen zu können. Das macht Sichtbarkeit so notwendig. Ich sehe da auch gar keinen Widerspruch zu den Safe Spaces, für mich ist es viel eher ein sich permanent wechselseitig beeinflussender, mäandernder Prozess. Und wir brauchen Geduld, weil es um hochkomplexe, über Jahrhunderte gewachsene ungleiche Verhältnisse geht, die in unser Verhalten, in unsere Körper eingeschrieben sind und die wir permanent reproduzieren.

Der Frauenkörper ist immer noch Gegenstand von Deutungskämpfen – von der Influencerin, die sich auf YouTube präsentiert, bis zur Kontroverse um das Kopftuch. Welche Inszenierung ist selbstbestimmt, welche folgt Klischees oder gehorcht sogar sozialem Zwang? Sie haben sich viel mit Mode beschäftigt: Kann man solche Grenzen tatsächlich ziehen?

Schwierig, ich glaube, dass diese Grenze auch wieder stetigem Wandel unterliegt. Was ein Hilfsmittel ist: einfach zu schauen, in welchem Kontext passiert etwas. Sie haben das Kopftuch angesprochen, das vielleicht eines der extremsten Beispiele ist und real ein Zeichen für so ziemlich alles sein kann. Es gibt Regionen in der Welt, wo Verschleierung das Symbol für einen patriarchalen, fundamentalistischen Staat ohne Frauenrechte ist, und an anderen Orten wird das Kopftuch für viele Frauen zu einem Symbol von Unabhängigkeit, Emanzipation und einem selbstbewusst gelebten Glauben. An dem Stück Stoff lässt sich eine ganze Bandbreite ablesen, und da ist es natürlich wichtig, den Kontext zu betrachten. Das vielleicht als extremes Beispiel dafür, dass es nicht die eine Schablone gibt, die man auf etwas auflegen kann, die klare Grenze, anhand der man festmachen kann: Das will jetzt die Frau mit dieser Art, sich zu kleiden, ausdrücken und das nicht, oder sie ist jetzt besonders emanzipiert oder besonders unterdrückt.

Für Virginia Woolf ist es ein Ziel, als Frau zu schreiben, "die vergessen hat, dass sie eine Frau ist". Das ist ja auch eine Frage in den heutigen Debatten um Identitätspolitik: Ist sie dann erfolgreich, wenn wir unsere unterschiedlichen Identitäten gar nicht mehr als solche wahrnehmen? Oder wenn wir sie gerade deutlich markieren? Oder ist das gar nicht die Alternative, um die es geht?

Ich habe mittlerweile tatsächlich den Verdacht, dass alles richtig ist. Daher spreche ich auch immer wieder davon, dass wir, glaube ich, überhaupt keine Vorstellung davon haben können, wie eine solche Gesellschaft aussehen kann. Wenn eine Person Frau sein und das ausleben will, warum sollte sie das nicht tun können oder dürfen? Wohingegen eine andere Person sich vielleicht einfach nicht festlegen möchte auf eine bestimmte Daseinsform. Die große Frage ist natürlich: Wie sieht so etwas aus? Wie kann eine Gesellschaft funktionieren, die so ist? Wir sind mitten im Prozess. Heute gibt es Situationen, in denen ist es absolut wichtig, genau hinzuschauen, um verstehen zu können, dass Menschen mit unterschiedlichen Dispositionen unterschiedliche Erfahrungen machen. Zugleich gibt es Kontexte, in denen jeder Unterschied vollkommen irrelevant sein muss. Wenn es darum geht, ein Haus zu bauen, ist es wichtig hinzuschauen, wer darin wohnen soll, es muss den Bedürfnissen angepasst sein. Eine Person, die im Rollstuhl sitzt, braucht einen Fahrstuhl, Eltern mit Kinderwagen und alte Menschen auch. In einer inklusiven Zukunft ist das kein Thema mehr, weil dann bei der Hausplanung ganz automatisch alle Anforderungen mitgedacht werden. Ich verstehe den aktuellen Identitätspolitik-Diskurs zum Beispiel überhaupt nicht, die Denke hinter der Kritik finde ich befremdlich. Es geht beim allermeisten, was als "Identitätspolitik" kritisiert wird, darum, eine bessere Welt für alle zu schaffen. Ich frage mich oft: Wurde überhaupt richtig verstanden, worum es dabei geht? Und wenn eine Person im Rollstuhl einen Fahrstuhl fordert oder marginalisierte Personengruppen gleiche gesellschaftliche Teilhabe für alle fordern, weiß ich nicht, warum das Identitätspolitik sein soll – und nicht schlichtweg Demokratie.