Krieg in der Ukraine "Morgens wache ich auf und bin froh, dass ich noch lebe"

Mittlerweile bleibt er im Biergarten sitzen, wenn die Sirenen vor Raketen warnen: Christoph Brumme schreibt auf, wie er den Krieg in der Ukraine vor Ort erlebt. Im Interview erzählt er, was ihm dabei hilft, das Grauen zu ertragen.

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 14.07.2022 | Archiv

Bewohner der nordwestlich von der ukrainischen Hauptstadt Kiew gelegenen Stadt Borodyanka besuchen einen Markt in der Nähe von zerstörten Wohnhäusern, die von russischen Raketen getroffen wurden. Foto vom 7. Juli 2022.  | Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Sergei Chuzavkov

Der Krieg in der Ukraine fordert täglich weiter seine Opfer, während viele von uns andere Sorgen umtreiben: Werden wir im Winter ein bisschen frieren müssen, weil es eng und sehr teuer wird mit der Energieversorgung? Sollen wir uns jetzt schon gewöhnen an die kalte Dusche? Fragen, die ablenken von der Ursache dieser Probleme: dem Krieg in der Ukraine. Doch an den scheinen wir, nach unserem anfänglichen Schock über die Zeitenwende, beinahe gewöhnt zu haben. Aber was ist mit den Menschen vor Ort? Haben die sich auch an den Krieg und ihren Alltag im Ausnahmezustand gewöhnt? Geht das überhaupt? Der Autor und Blogger Christoph Brumme lebt und arbeitet seit sechs Jahren in der ostukrainischen Stadt Poltawa. Von dort führt er Buch über den Krieg. Seine Tagebuchaufzeichnungen, die regelmäßig im NZZ Magazin erscheinen, sind nun auch als Buch herausgekommen, unter dem Titel: "Im Schatten des Krieges". Andrea Mühlberger hat mit Christoph Brumme gesprochen.

Andrea Mühlberger: In Ihrem Buch schildern Sie sehr anschaulich und in vielen Anekdoten, wie der Krieg Ihr Leben verändert hat. Wie ist der Alltag in Poltawa, das ja nicht mitten in der Kampfzone liegt, sondern etwa 120 Kilometer von Charkiw entfernt und damit etwas abseits, eben im Schatten des Krieges?

Schildert den Alltag im "Schatten des Krieges": Christoph Brumme

Christoph Brumme: Morgens wache ich erstmal auf und bin froh, dass ich noch lebe, dass keine Rakete unser Haus getroffen hat. Denn eine Rakete ist hier etwa 500 Meter von uns entfernt auf den Straßenasphalt geschossen worden. Sie hat niemanden verletzt, aber du weißt dann: Das Risiko ist schon gegeben, im Schlaf auch getötet zu werden. Es gibt dafür leider inzwischen viele Beispiele in der Ukraine. Also das ist das erste: Man wacht auf und sagt: Okay, ich lebe, ist schon mal nicht schlecht! So, Tasse Kaffee trinken, an den Schreibtisch setzen, Nachrichten lesen – und arbeiten bis Mittag. Dann gehe ich in die Stadt und das erste, was ich sehe, sind Menschen aus den umkämpften Gebieten, deren Wohnungen zerstört wurden, die Lebensmittelpakete und Essen bekommen. Anschließend versuche ich, interessante Menschen zu treffen, Interviews zu führen, auch Menschen von Hilfsorganisationen. Da schaue ich dann, wo ich helfen kann, schreibe Briefe nach Deutschland, telefoniere und versuche Spendengelder zu bekommen. Abends gehe ich dann wieder in den Biergarten – da versuche ich zusammen mit Freunden die schrecklichen Nachrichten zu ertragen.

Das klingt so, als hätten Sie gemeinsam mit Ihren Freunden vor Ort Überlebensstrategien entwickelt, um das Ganze auszuhalten. Sie schreiben auch in Ihrem Tagebuch, dass Sie inzwischen, auch wenn die Sirenen anfangen zu heulen, im Biergarten sitzen bleiben. Also so eine gewisse Gewöhnung ist da offensichtlich eingetreten bei Ihnen? Kann man sich an den Alltag im Ausnahmezustand gewöhnen?

Ja, aber wichtig ist, dass man nicht allein ist. Das habe ich in den ersten Wochen des Krieges gemerkt. Nach dem ersten Schock bin ich oft zu einer wichtigen Sammelstelle gegangen, habe Spenden abgegeben und mich mit den Menschen unterhalten. Ich habe gesehen, wer hilft, wer fährt in die gefährdeten Gebiete, bringt dort Lebensmittel und Kleidung hin. Das hilft, wenn man mit anderen Menschen zusammen ist, gemeinsam Aufgaben bewältigt. So verdrängt man auch diese permanente Anspannung.

Sie schreiben auch, dass Humor ganz wichtig ist in diesen Tagen ...

Genau. Man lacht natürlich über die Dummheit des Feindes. Man lacht auch über die naiven Deutschen, die da vorschlagen, man sollte Kompromisse machen. Übrigens haben mich meine ukrainischen Freunde gebeten, einen Vorschlag an die Deutschen zu überbringen: Die Deutschen könnten doch auch einen Beitrag zum Frieden in Europa leisten und einen Teil ihres Territoriums an die Russen abgeben.

Ach ja?

Ja! Das Gebiet der ehemaligen DDR würde sich wahrscheinlich sehr gut eignen. Das kennen die Russen schon. Die Ostdeutschen sprechen noch ein bisschen Russisch. Und da gibt es auch schöne Museen, die man plündern und schöne Häuser, die man kaputt schießen könnte. Das wäre doch ein angemessener Beitrag zum Frieden in Europa!

Aha – ja und Sie, als ehemaliger DDR-Bürger, würden dieses Angebot dann überbringen?

Ja, ich habe es ja jetzt überbracht!

Na, dann schauen wir mal, wie Deutschland darauf reagiert! Ich finde interessant an Ihren Tagebuch-Aufzeichnungen, Ihren besonderen Blick auf die Ukraine, weil Sie dort ja nicht in der Rolle des distanzierten Auslandskorrespondenten oder objektiven Beobachters sind, sondern nach sechs Jahren sind sie involviert, sie sind heimisch geworden. Aber natürlich sind sie kein Einheimischer.

Ja, ich bin ein gut integrierter Ausländer, glaube ich. Und ich bin sehr oft in der Rolle des Schülers. Und das gefällt mir auch. Ich kann dort viel lernen, viel mehr als in Deutschland. In Deutschland hatte ich ja oft das Gefühl, ich weiß schon alles und das ist natürlich langweilig.

Kann man denn im Krieg wirklich etwas lernen? Oder ist das einfach nur eine ganz brutale Erfahrung?

Nein, man lernt im Krieg viel, viel schneller als im Frieden. Wobei man sagen muss, im Krieg ... Das Buch heißt ja nicht umsonst "Im Schatten des Krieges". Ich habe ja keine Gefechte mitgemacht. Ich sehe zwar viele weinende Menschen und ich höre viele grausame Geschichten. Aber ich selbst war nicht in unmittelbarer Lebensgefahr.

Wie nah lassen Sie das alles an sich ran? Sie schreiben ja in Ihrem Tagebuch: Wenn der Krieg mal vorbei sein wird, dann möchten Sie ungehemmt weinen.

Den Drang zu weinen habe ich eigentlich mehrmals am Tag. Schon das Wort 'weinen' tut mir weh. Und auch das Wort 'Krieg'. Also, ich höre es ja nicht auf Deutsch, sondern auf Russisch. Das tut natürlich sehr, sehr weh. Das war früher abstrakt, jetzt tut es weh. Man kann nicht entscheiden, wie nah man das an sich heranlässt. Oder wenn man in Gesellschaft ist und man hat den Impuls zu weinen, weil man schreckliche Nachrichten bekommen hat: Einer meiner Freunde war an der Front schwer verletzt worden. Ein anderer Freund schickt mir, obwohl das wahrscheinlich verboten ist, manchmal Bilder und Videos von den Gefechten, auch wirklich grausame Bilder. Natürlich gibt es da Momente, in denen man weinen muss, aber da hilft man sich gegenseitig, richtet sich auf: Weinen macht schwach, Schwäche hilft dem Feind! Also wir kämpfen jetzt, wir bezwingen auch unsere Emotionen.

Zu den Emotionen, mit denen Sie kämpfen müssen, gehört sicher auch die Trennung von Ihrem 12-jährigen Sohn und Ihrer Frau. Die sind inzwischen beide nach Berlin geflüchtet. Wie halten Sie das aus? Diese Entscheidung: Sie bleiben im Kriegsgebiet, in der Gefahrenzone, und die Familie ist in Sicherheit.

Für mich ist es sehr, sehr schlimm, dass mein Sohn jetzt nicht bei mir ist – oder ich nicht bei ihm sein kann. Das tut furchtbar weh, dass wir noch lange getrennt sein werden. Aber so geht es ja vielen Ukrainern.

Sie sagen: "lange getrennt sein werden". Sie gehen also davon aus, dass dieser Krieg noch sehr lange dauern wird?

Ja, weil beide Staaten um ihre Existenz kämpfen. Die Ukrainer, das ist ja klar, kämpfen um ihren Selbsterhalt. Darum, dass sie ihr Land behalten können,  für ihre Kinder, für ihre Zukunft, für ihr physisches Überleben und für den Erhalt ihrer Kultur. Und Putin-Russland kann natürlich auch nicht zurück. Putin-Russland kann sich auch keine Niederlage leisten.

Der ukrainische Präsident Selenskyj hat gesagt: "Es wird enden, wie es immer endet, indem es endet." Wenn es aber noch, wie Sie auch vermuten, viele Jahre dauern wird bis zum Kriegsende: Wie lange wollen Sie bleiben?

Ich werde so lange bleiben, wie es nötig ist, bis zum Tag des Sieges.

Und wie sehen Sie Ihre Rolle?

Als Chronist, als Zeuge und natürlich kann ich auch etwas helfen, ich kann vermitteln zwischen deutschen und ukrainischen Hilfsorganisationen, was einem selbst ja auch gut tut, wenn man anderen Menschen helfen kann. Also man merkt auch im Krieg, dass Selbstlosigkeit die Lebenschancen erhöht. Wenn man anderen hilft, dann ist die Chance größer, dass einem selbst geholfen wird, wenn man in Not ist.

Also Sie kriegen da auch viel zurück, auch wenn das jetzt ein blöder Satz ist ...?

Ja, es gibt immer wieder Freunde und Bekannte, die mir sagen: Respekt. Wir sind froh, dass du dageblieben bist. Das gibt uns Mut, dass nicht alle weggelaufen sind wie die westlichen Diplomaten am Anfang des Krieges...

…die "deutschen Hasenfüße", die auch bei Ihnen durchs Kriegstagebuch hoppeln…

Genau.

Wie ist das jetzt für Sie: Sie sind gerade auf Lesereise hier in Deutschland, können auch Ihre Familie in Berlin besuchen, machen ein bisschen "Urlaub vom Krieg", wenn man das überhaupt so sagen kann. Wie fühlt es sich denn an, hier in dieser heilen Welt, in der über kalte Duschen und frostige Wohnungen diskutiert wird?

Ich fühle mich wie im falschen Film. Ich erschrecke, wenn ich Flugzeug-Geräusche höre, weil ich erst mal prüfe, ganz unbewusst: Ist das bedrohlich? Ist es eine Gefahr? Ich wundere mich natürlich auch, dass die Züge fast alle unpünktlich sind. In der Ukraine sind die Züge pünktlich. Es ist ja schlimmer als im Krieg hier!

Es scheint für Sie aber auch nicht mehr möglich zu sein, den Krieg irgendwie hinter sich zu lassen?

Der Krieg ist im Kopf und das wird auch so schnell nicht nachlassen. Dafür ist die Situation zu beklemmend, zu furchtbar, der Krieg zu grausam. Wir haben so – hui, jetzt weine ich vielleicht doch fast – wir haben so gut gelebt in der Ukraine vorher! Die ukrainische Gesellschaft, das war so ein freies Land, so friedliche Menschen, so fantastische Feste haben wir gefeiert, jahrelang! Und jetzt ist es ein Kampf um Leben und Tod. Es ist furchtbar!

Christoph Brumme liest am 14.07.2022 von 18.00 bis 19.30 Uhr in der Nürnberger Thalia Kultur Lounge, Karolinenstr. 53 aus "Im Schatten des Krieges. Tagebuchaufzeichnungen aus der Ukraine". Das Buch ist im S. Hirzel Verlag erschienen.

Ein Beitrag aus der Kulturwelt auf Bayern 2 vom 14. Juli 2022. Den Podcast können Sie hier abonnieren.