Kommentar Warum München ohne Wiesn besser dran wäre

Keine Wiesn 2021. Aber ist das wirklich ein Verlust? Der letzte Sommer hat gezeigt: Es gibt bessere Nutzungsmöglichkeiten als ein kollektives Besäufnis. Und die Stadt ist dadurch nicht ärmer, sondern lebendiger geworden. Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 04.05.2021

Eine Mini-Oase aus Sand mit 13 Palmen (Dattel-, Fächer- und Hanfpalmen) und 30 Liegen wurden vom Umweltverein Green City und der Stadt München auf einem Teil der Theresienwiese im Sommer 2020 aufgebaut. | Bild: Peter Kneffel/dpa/picture alliance

Ein Gedankenspiel: In 20, von mir aus auch in 50 Jahren wird die Menschheit auf die Bilder und Videos vom Oktoberfest schauen wie auf ein archaisches Ritual, so bizarr wie eine Hexenverbrennung oder das Fahren eines SUV. Hunderttausende, die täglich zum Zwecke einer wenig gesundheitsfördernden Alkoholaufnahme an einen Ort geströmt sind. Kopfschütteln reicht da kaum aus, um das völlige Unverständnis zu kennzeichnen. Zum Glück hat die Menschheit dieses dunkle Zeitalter hinter sich gelassen.

Wirklich ein Verlust?

Die Wiesn fällt aus. Noch etwas, das Corona uns wegnimmt. Klar, am Eröffnungssamstag um 12 Uhr draußen im Kreis von aufgeregten Neuseeländern, Chinesen und US-Amerikanern zu sitzen, die sich doch wundern, dass Bier nicht bestellt, sondern hingestellt wird, und die sich dann vorsichtig nach den Riten erkundigen, die sie noch zu erwarten haben – das ist nett. Vor allem, wenn sie uns zum Steckerlfisch einladen, den wir ihnen empfohlen haben. Aber schon zwei Stunden später machen einem die Sturzbetrunkenen klar, worum es wirklich geht: Große Mengen überteuertes Bier in sehr kurzer Zeit herunterzustürzen. Und auch die Textsicherheit im Schlager-Repertoire der letzten 50 Jahre, die meine Kinder sich in den Festzelten erworben haben, halte ich für einen vernachlässigbaren Nutzen. Also was ist der Gewinn des Oktoberfestes? Image? Klar, wir wollten schon immer die Heimat des weltweit größten kollektiven Besäufnisses sein. Geld? Die Stadt München sagt, sie mache nur einen kleinen Gewinn.

Die Theresienwiese ist lebendiger ohne Wiesn

Schauen wir uns die Theresienwiese an. Normalerweise sind circa fünf Monate im Jahr weite Areale für den Auf- und Abbau gesperrt. Alle Sommermonate, der ganze Herbst. Und zwei Wochen lang Halligalli. Wer im letzten Jahr über die Festwiese ging, hat etwas ganz anderes erlebt: echtes städtisches Leben. Eltern, die ihren Kleinkindern Fahrradfahren beigebracht haben. Tamilen beim Kricketspielen. Skater, Boxer, Windsurfer, Leute, die einfach mitten auf dem Weg picknicken. Auch mehrere kleine Konzerte mit ganz viel Abstand in Liegestühlen, bei denen regionale Bands wenigstens einmal ein bisschen Geld verdienen konnten. Die Münchner haben sich einen neuen Platz erobert – obwohl er ziemlich trostlos aussieht, da er eigentlich nur als Unterlage dient für ein riesiges, durch und durch kommerzielles Vergnügen. Und wenn wir die Tausenden, die jeden Tag die Theresienwiese nutzen, zusammenzählen, dann kämen wir vielleicht sogar auf eine ähnlich hohe Zahl wie für die Besucher in den zwei Wiesn-Wochen.

Eine andere Stadt ist möglich

Die Menschen haben sich ihre Stadt wieder zurückerobert – was zeigt, wie dringend wir Freiflächen brauchen, damit wir eine Stadt als lebenswert empfinden. Corona schränkt ein, macht unmöglich, nervt. Aber es zeigt auch, dass es anders geht. Wir können Fahrspuren zu Radwegen umwidmen, weil sie ökologisch und ohne Infektionsgefahr uns ermöglichen zur Arbeit zu kommen. Wir können Parkplätze zu Schanigärten umwidmen, damit sich Menschen draußen treffen können (Und im nächsten Schritt vielleicht Straßen aufreißen und zu Parks umwidmen, damit wir nicht dafür bezahlen müssen, in der Sonne zu sitzen).

Eine andere Stadt ist möglich. Wenn wir nicht, froh diese Pandemie endlich überwunden zu haben, einfach wieder in altvertraute, aber nicht unbedingt gute Verhaltensweisen zurückfallen. Also brauchen wir 2022 wirklich ein neues Oktoberfest? Für die Hotellerie und die Brauereien schon. Aber wirklich für die Stadt? Wirklich für die Bewohnerinnen und Bewohner? Ich bin fest davon überzeugt: Nein! München ohne Wiesn wäre eine bessere Stadt.