Machtmissbrauch bei Bild Massive Vorwürfe gegen Springer und Julian Reichelt

Beeinflussung von Zeuginnen, Falschaussagen über den Wissensstand: Die Financial Times hatte schwere Vorwürfe im Fall Julian Reichelt vorgebracht. Jetzt hat eine Ex-Springer-Angestellte Klage in Kalifornien gegen die Bild und Springer eingereicht. Es scheint, als wäre die Affäre nicht vorbei, sondern erst am Anfang. Ein Kommentar.

Author: Martin Zeyn

Published at: 7-9-2022 | Archiv

Der ehemalige "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt am Sonntag, 16. Januar 2022, im Rahmen der Servus-TV Sendung "Links.Rechts.Mitte" in Wien. | Bild: picture alliance / TOBIAS STEINMAURER / APA / picturedesk.com | TOBIAS STEINMAURER

Bild lügt. Das war ein Slogan, mit dem gegen die teilweise brutalen Boulevard-Praktiken des Hamburger Blatts angegangen wurde. Heute wissen wir, es war nicht nur ein Slogan, es ist die Wahrheit. Innerhalb des Springerkonzerns gab es seit 2019 mindestens fünf Eingaben von altgedienten Redakteuren, die Bild-Chefredakteur Julian Reichelt Mobbing und eine beleidigende Sprache vorwarfen. Statt daraufhin die Anschuldigungen über Machtmissbrauch von Reichelt sorgfältig zu prüfen, wurden Ermittler beschäftigt, die eine Zeugin einschüchterten. Springer-Chef Mathias Döpfner fantasierte etwas von einer "Verschwörung" gegen seinen Konzern, anstatt den Aussagen und Beschwerden vieler Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Bild zu glauben. Zwei Satiriker wurden observiert, davon mutmaßlich einer Jan Böhmermann, der früh in seiner Sendung auf den "Compliance"-Fall bei Springer hinwies. Das waren die Vorwürfe, die ein umfänglicher Artikel der Financial Times erhob, das Ergebnis einer dreimonatigen Recherche und von Gesprächen mit über 30 an dem Fall Julian Reichelt beteiligten Personen.

Springer hätte früher handeln müssen 

Teilweise sind die Vorwürfe gegen Reichelt und das Verhalten des Springer-Konzerns alt und durch Recherchen gut belegt. Das Neue an diesem Artikel ist, dass nun eine klare zeitliche Abfolge belegt werden kann. Im Springer Konzern hätte man vom nicht nur gegenüber Frauen problematischen Auftreten von Reichelt wissen können – schon bevor die Vorwürfe publik wurden.

Deutlich wird daran, dass die Behauptung, es bei Bild mit einem "Boys-Club” zu tun zu haben, offenbar eine Untertreibung ist. Vorwürfe von Frauen, zu sexuellen Handlungen genötigt worden zu sein, galten dort anscheinend nichts. Übergriffigkeit verkaufte sich unter diesem Chefredakteur, der sich als potenter Kerl und "super-straight" präsentierte, als von keinen modisch-modernen Selbstzweifeln angeknabberte Männlichkeit. Der Unterschied zwischen Flirts und gezieltem Jagdverhalten auf junge Mitarbeiterinnen, die am Beginn einer Karriere standen – was einen gigantischen Machtunterschied bedeutete – wurde verwischt und verharmlost. Reichelt behauptet bis heute, dass alle Vorwürfe unberechtigt seien. Worin ihm offenbar Döpfner und sein Umfeld lange gefolgt sind.

Macht und Manipulation

Die Angst von Frauen, von Reichelt fallengelassen oder sogar verletzt zu werden, nahm man nicht wahr. Sein über Jahre offenbar vor allen sichtbares Nachstellen wurde hingegen hingenommen – was ihn mutmaßlich darin bestärkte, es fortzusetzen.

Wir reden also von Macht und Manipulation. Wie diese Mechanismen Frauen zu Opfern machen, hat die US-Theaterautorin Domenica Feraud gerade intensiv in einem Essay geschildert: "The producer was my mentor. The president of the theater is my friend. It was a real-life fairytale everyone I knew was entertained by. Yet I couldn't sleep. I lost weight, my appetite, my self-worth." Zu den perfidesten Methoden der Beeinflussung gehört, das eigene Mentorentum zu benutzen, um Frauen gefügig zu machen – hier wird scheinbar Progressives mit latent-aggressivem Sexualverhalten vermischt. Reichelt beteuert tatsächlich bis heute, viele Frauen an wichtige Stellen gehoben zu haben. Das war aber nicht sein Ziel, damit redet er sich nur sein schändliches Verhalten schön.

Es gibt Macht und es gibt Machtmissbrauch. Und es gibt Aufklärung und den Versuch, sie zu behindern. Julian Reichelt hat junge Frauen manipuliert und seinen Vorgesetztenstatus ausgenützt – das sehen nicht nur seine Opfer so, sondern auch die allermeisten Kommentatorinnen und Kommentatoren. Und Springer hat ihn gewähren lassen und anfangs versucht, ihn mit allen Mitteln vor den Vorwürfen zu schützen. Es scheint, als wäre die Affäre um Reichelt nicht vorbei, sondern erst am Anfang. Denn sein Weggang hat nur den Hauptverantwortlichen kenntlich gemacht, aber noch nicht das System.

Nachtrag 7.9.: Wie jetzt mehrere Medien meldeten, hat eine ehemalige Springer-Mitarbeiterin Klage gegen das Medienhaus und "Bild" in Kalifornien eingereicht.