Jean-Pierre Wils "Es bringt nichts, wenn wir unbequeme Begriffe vermeiden"

Den Krisen der Gegenwart entgegentreten, ohne die Gesellschaft zu spalten: Dafür sucht der Philosoph Jean-Pierre Wils in seinem Essay "Der große Riss" einen Weg. Im Interview erzählt er, warum wir dafür auch Worte überdenken müssen.

Author: Barbara Knopf

Published at: 17-2-2022 | Archiv

Demonstranten halten auf der Klimastreikdemonstration von "Fridadys For Future" Buchstaben, die die Worte "STOP SUV" bilden, in die Höhe. Die Aktivisten fordern sozial gerechte und effektive Maßnahmen, um den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. | Bild: picture alliance/dpa | Markus Scholz

Wie einen Wandel unser Verhaltensweisen erzeugen, damit sie uns nicht in die Katastrophe führen? Der Theologe und Philosoph Jean-Pierre Wils ist in Belgien geboren und lehrt an der Radboud Universität in Nimwegen. Wir haben mit ihm über sein neues Buch "Der große Riss. Wie die Gesellschaft auseinanderdriftet und was wir dagegen tun können" gesprochen.  

Barbara Knopf: Corona hat gezeigt: unsere Gesellschaft wirkt nicht gerade sehr widerstandsfähig hinsichtlich künftiger Herausforderungen in der Krisenbewältigung. Welche Chancen der Veränderung sehen Sie jetzt?

Jean-Pierre Wils: Die Erfahrung mit der Pandemie war zunächst einmal die: Was mit uns geschieht, ist unentrinnbar. Wir kommen einfach nicht davon. Und wir merkten, wie müde wir eigentlich waren, dass wir nicht weiter wussten in diesem Modus der Beschleunigung und dass unsere Situation sehr fragwürdig geworden war. Das müssen wir jetzt nutzen. Wir sollten zunächst einmal unsere Weltwahrnehmung ein Stück weit umkehren. Wir müssen einen Perspektivenwechsel vornehmen. Wir haben bisher in einem Vorwärts-Modus gelebt – mit großen Zukunftsprojekten und immer in der Hoffnung, dass wir die Schäden, die wir verursachen, später durch noch bessere Technologien ein Stück weit rückgängig machen können. Diese Illusion ist geplatzt. Ich glaube, wir müssen zurück zu einem kleineren Maß. Wir müssen uns bewusstwerden, dass die Region, in der wir leben, sehr viel wichtiger sein wird in der Zukunft. Wir könnten zu autarkiefähigen, zu resilienten Regionen werden. Das bedeutet, uns vor Ort zu engagieren, zu demokratisieren und unsere Bedürfnisse ein Stück weit zu hinterfragen.

Diese Chance haben ja auch viele Leute gesehen oder vielleicht sogar auch ersehnt. Ich hatte aber dann das Gefühl, dass das, was Sie jetzt sagen, als Utopie versickert oder erstickt? 

Ja, ich habe manchmal auch das bange Gefühl, dass das versickern könnte. Aber das, was ich skizziere, hat mit einer Utopie gar nichts zu tun. Es geht um ganz reale Notwendigkeiten – in den Jahren, die uns bleiben. Damit wir größere Krisen, die dann ein unbeherrschbares Maß erreichen, vermeiden. Es ist die Aufforderung, uns zu besinnen. Das heißt, wir müssen weit in die Zukunft hineindenken und überlegen, welche Zeiträume uns bleiben. Wir sollten uns weniger expansiv im globalen Rahmen bewegen (und schon gar nicht im Weltraum), sondern uns mit regionaler Solidarität, also mit den fundamentalen Voraussetzungen eines Überlebens befassen.

Aber hat es dann nicht diesen uncharmanten Beiklang des Verzichts? 

Ich habe gar nichts gegen diesen uncharmanten Beiklang. Es bringt auch nichts, wenn wir unbequeme Begriffe vermeiden. Der Begriff des Verzichts war in der Tat in den letzten Jahren häufig als demotivierende Vokabel betrachtet worden. Aber wir müssen uns realitätstüchtig machen. Und dazu gehört, dass wir die angemessenen Begriffe benutzen. Verzicht heißt ja auch keineswegs eine Reduzierung unserer Lebensqualität. Es heißt nicht, dass wir ein unbequemes Leben führen werden – sondern ein anderes.

Sie sagten vorhin, wir müssen zurück ins Regionale. Was meinen Sie konkret damit? 

Damit meine ich keinen Partikularismus der Regionen. Das hat nichts zu tun mit einer Art von Boden-und-Scholle-Ideologie. Regional heißt, wir müssen die Grundgüter, die für unser Leben wichtig sind (Ernährung, Wasser, Infrastruktur, Gesundheitssysteme, Bildungssysteme und so weiter), wieder ein Stück weit in unsere eigene Zuständigkeit zurückholen. Wie können wir beispielsweise die Medikamentenversorgung in Zukunft regional organisieren? Region bedeutet dann in dem Fall nicht "klein". Die Region heißt dann vermutlich Europa. 

Was ich auch noch ganz spannend finde, ist ein anderer Gedanke, den ich in Ihrem Buch gefunden habe. Sie sagen, wir sollten in Zukunft eine "Kultur der Provisorien" entwickeln. Was genau meinen Sie damit?

Provisorien heißt: Wir sollten lernen, auch Umwege zu gehen, unsere Entscheidungen auch als wiederrufbar zu betrachten. Wir müssen Korrekturen anbringen können. Das werden wir nur tun können, wenn wir das ein und andere verlangsamen, uns manchmal auch ein Zögern oder ein Zaudern zugestehen. Dann würde unter Umständen Verlangsamung sogar Beschleunigung zur Folge haben. Wenn wir unsere klimatischen Ziele so schnell wie möglich erreichen wollen, dann müssen wir uns in etlichen Bereichen unseres Lebens verlangsamen. Auch wenn das paradox klingt.

Zum Beispiel, in welchem Bereich?

Im Bereich der Mobilität. Die Zukunft wird, so glaube ich, nicht darin bestehen, dass wir uns immer vernünftiger und angeblich "grüner" mobilisieren. Das wird kaum gelingen. Es geht nicht nur um eine andere, bessere, grünere Mobilität, sondern es geht teilweise auch um Fragen der Demobilität: Nehmen wir unsere Reichweitenexpansion ein Stück weit zurück, überlegen wir, ob wir wirklich überall hin müssen und dabei gewesen sein müssen? Aber das ist ein schwieriger Lernprozess.

Das klingt sehr nach einem mind change, einer Transformation – und nichts hasst der Mensch so sehr wie einen Umbruch!

Da haben Sie vollkommen recht. Das gelingt übrigens nicht, ohne dass wir unsere Sprachgewohnheiten, die Begriffe, die wir ständig benutzen, etwas revidieren. Um ein Beispiel zu geben: Es gibt in meinem Buch auch ein kleines Kapitel mit dem Titel "Politik der Freundschaft". Das ist ein Begriff aus der griechischen Philosophie, aus der Philosophie des Aristoteles. Aristoteles wusste, dass eine politische Gemeinschaft nicht anders kann, als unter Bürgern und Bürgerinnen Verhältnisse zu fördern, die nicht nur auf Konkurrenz beruhen, sondern auf Rücksichtnahme, auf Gerechtigkeit und auf Maßhalten. Das nannte er eine Politik der Freundschaft. Das klingt vielleicht zunächst einmal etwas pathetisch. Aber das ist es keineswegs. Wir müssen allmählich vielleicht von liebgewonnenen Begriffen wie "Optimierung", "Konkurrenz" und "Kampfbereitschaft" in unseren ökonomischen und sozialen Beziehungen abrücken – und uns anfreunden mit anderen Begriffen und auch mit einer anderen Sprache. 

"Der große Riss, wie die Gesellschaft auseinanderdriftet und was wir dagegen tun können" von Jean-Pierre Wils ist im Hirzel Verlag erschienen.